mz_logo

Politik
Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

Interview

Plädoyer gegen das Rauchen im Auto

Marlene Mortler, Drogenbeautragte der Regierung, erklärt ihre Pläne – und warum sie trotzdem keine „Verbotstante“ sein will.
Interview von Reinhard Zweigler, MZ

Wenn Kinder mitfahren, bleibt das Auto rauchfrei, ist die Botschaft von Drogenbeauftragter Marlene Mortler. Foto: dpa

Frau Mortler, bei wie vielen Menschen ist das Internet inzwischen zur Droge geworden, von der sie nicht mehr loskommen?

Studien beziffern diese Zahl auf etwa 560 000. Wobei wir unterscheiden müssen zwischen Computerspiel-Süchtigen, die sind vorwiegend männlich, und jenen, die süchtig in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Die sind überwiegend weiblich.

Was ist so schlimm daran, w‹enn junge Leute SMS schreiben, twittern, bei Facebook, Instagram, WhatsApp oder sonstwo unterwegs sind?

Eigentlich nichts. Die neuen Medien gehören zu unserem Leben. Sie sind nützlich und werden von jung und alt genutzt. Ein Problem werden sie erst dann, wenn die betroffenen Nutzer ihr sonstiges Leben nicht mehr im Griff haben, sich abschotten, wenn sie die Schule schwänzen, die Eltern belügen, die Körperhygiene vernachlässigen. Experten sprechen dann von einer pathologischen Abhängigkeit.

Ist dagegen ein Kraut gewachsen?

Ja, es heißt Aufklärung, Beratung und zielgerichtete Medienkompetenz. Hier stehen wir noch relativ am Anfang. Ich habe daher das Thema Computerspiel- und Internetabhängigkeit zu meinem Schwerpunktthema in diesem Jahr gemacht und verschiedene Studien in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse werden wir auf meiner Jahrestagung im November vorstellen und diskutieren.

Wir sind gerade in der Fastenzeit. Sind Sie für Online-Fasten, einen Tag in der Woche, im Monat Offline sein?

Ich denke, es geht um die richtige Online-Offline-Balance. Eltern und Schulen sollten mit Kindern und Jugendlichen über das Thema sprechen und entsprechende Regeln ausgeben. Es ist eine Frage der Dosis, ob die Nutzung von PC und Smartphone hilfreich ist oder ob es zur Sucht wird.

Dabei gibt es vielerorts auch die Versuchung durch Automaten-Casinos. Ist die Versuchung zu groß?

Wir beobachten die Entwicklung mit wachen Augen. Denn gerade das Suchtpotenzial von Glücksspielautomaten ist wahnsinnig hoch, vor allem für junge Leute. Auch deshalb haben wir gefordert, dass solche Casinos nicht in der Nähe von Schulen und anderen Kindereinrichtungen stehen dürfen.

Marlene Mortler (CSU) ist seit 2014 Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Foto: dpa

Deutschland hängt hinterher, was die nationale Umsetzung der EU-Tabakrichtlinie betrifft. Es soll ein Werbeverbot für Zigaretten und Tabak geben sowie Schockfotos auf Packungen. Wird Deutschland die Richtlinie pünktlich umsetzen oder ein Verfahren der EU riskieren?

Wir haben bereits viel für den Schutz von Nichtrauchern getan. Und ich wäre froh, wenn alle Bundesländer ein so striktes Nichtraucherschutzgesetz hätten wie Bayern. Ich hoffe, dass der Bundestag kommende Woche die Richtlinie in nationales Recht umsetzt. Die Umsetzungsfrist endet am 20. Mai. Eine Verzögerung darf es nicht geben. Aus rechtlichen Gründen nicht, und schon gar nicht im Hinblick auf den Gesundheitsschutz.

Aber die Tabakindustrie möchte eine Fristverlängerung erreichen. So schnell würde sie die Maschinen nicht umstellen können. Knicken Sie vor der Lobby ein?

Nein, die Tabakindustrie weiß seit Jahren, was auf sie zukommt. Es wird ein absolutes Werbeverbot für Tabakerzeugnisse geben. Das wird übrigens auch für E-Zigaretten gelten.

Eine wirkliche Abschreckung bringe nur eine kräftige Erhöhung der Tabaksteuer, meinen Experten. Gehen Sie da mit?

Die Koalition hat vereinbart, dass es in dieser Legislaturperiode keine Steuererhöhungen geben wird. Das gilt auch für die Tabaksteuer.

Was ist mit Kindern, die ungefragt, etwa im Auto, passiv mitrauchen müssen, wenn die Eltern rauchen?

Das Passivrauchen verursacht für den kindlichen Organismus oft bleibende Schäden, die erst später sichtbar werden. Mein Anliegen ist es, dass im Auto grundsätzlich nicht geraucht wird, wenn Kinder mitfahren.

Also noch ein Verbot?

Nein. Ich will auch nicht als Verbotstante dastehen. Wenn es um die Gesundheit geht, muss ich dennoch handeln. Ich setze auf Vernunft und Einsicht und plane deshalb eine öffentliche Kampagne, um die Menschen, vor allem Eltern und Großeltern, für dieses Thema zu sensibilisieren. Wenn Kinder mitfahren, bleibt das Auto rauchfrei! Ab dem nächsten Monat werden wir mit vielen Beteiligten diese Botschaft an die Autofahrerinnen und -fahrer bringen.

Warum die Forderung der Drogenbeauftragten vernünftig ist: Kommentar von MZ-Berlinkorrespondent Reinhard Zweigler

Kommentar

Auf Vernunft setzen

Es ist noch nicht einmal sechs Jahre her, dass Bayern per Volksentscheid das strikteste Nichtraucherschutzgesetz in Deutschland bekam. In öffentlichen...

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht