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Mittwoch, 31. August 2016 26° 2

Bildung

Rolle rückwärts zu G9

Die auf zwölf Schuljahre verkürzte Gymnasialzeit hat Eltern bis jetzt nicht überzeugt. Immer mehr West-Bundesländer schaffen das Turbo-Abi wieder ab.

Abitur nach acht Jahren: Einer Umfrage zufolge halten Eltern vom neuen System nicht viel. Foto: Armin Weigel/dpa

Berlin. Es sind nicht nur die vielen Meinungsumfragen, in denen Eltern dem ungeliebten Turbo-Abitur oder dem gymnasialen „G8-Modell“ schlechte Noten ausstellen. Es ist bereits eine Abstimmung mit den Füßen – zumindest in den West-Bundesländern, in denen Eltern für ihre Kinder mittlerweile wieder zwischen dem Abitur nach 12 oder 13 Schuljahren wählen können. Der Trend im Westen, so sagen Schulforscher übereinstimmend, geht wieder zurück in Richtung klassisches Abitur nach längerer Schulzeit.

In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen laufen die an einigen Gymnasien zunächst testweise wieder eingeführten G9-Modellzüge über. Auf Anhieb hätte man gleich die doppelte Zahl genehmigen können. Noch vor Weihnachten beschloss der hessische Landtag Wahlfreiheit für Schulen und Eltern ab dem nächsten Schuljahr.

„Flexibilisierungsjahr“ in Bayern

In Schleswig-Holstein ist das Abitur an einzelnen Gymnasien schon längst wieder auch nach 13 Jahren möglich. Bayern plant ein „Flexibilisierungsjahr“ – um angesichts der Elternrufe nach Rückkehr zur alten Schulzeit „ein wenig Dampf aus dem Kessel zu nehmen“. Aufgeschreckt hatte das Ministerium in München Meldungen in mehreren Regionalzeitungen über zunehmenden Abi-Stress und hohe Durchfallquoten. Und an den Berliner Gymnasien mit Turbo-Abi gab es im vergangenen Jahr erstmals mehr freie Plätze als an den integrierten Schulformen – wo die Reifeprüfung unverändert erst nach 13 Schuljahren abgelegt wird.

Ende 2001 hatte die erste PISA-Studie die Öffentlichkeit mit der Botschaft alarmiert, dass 15-Jährige in Deutschland mit ihren Schulleistungen im weltweiten Vergleich allenfalls Mittelmaß sind. Der Schock war noch nicht verhallt, da verabredeten die Ministerpräsidenten in abendlicher Runde, die Schulzeit bis zum Abitur bundesweit auf zwölf Jahre zu verkürzen – wie es in der DDR vor der deutschen Einheit auch schon üblich war.

Unmut bei den Eltern

Doch statt die Unterrichtsinhalte zu überprüfen und das Volumen zu reduzieren, wurde vielerorts die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Pflichtzahl von 265 Lehrplanstunden bis zum Abitur einfach von neun auf acht Jahre übertragen. Besonders in der kritischen Mittelstufe, wenn Jugendliche mit der Pubertät zu kämpfen haben, kommt es nunmehr zu einer zusätzlichen Stofffülle, zu Nachmittagsunterricht sowie zu sieben- bis acht-Stunden-Tagen. Die meisten Gymnasien haben dafür aber viel zu wenig Klassenräume – geschweige denn eine Cafeteria oder gar Mensa.

Die Folgen: Stress und Unmut bei den Eltern, zusätzliche Kosten für Nachhilfe. Außerschulische Aktivitäten bleiben auf der Strecke. Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum klagen, dass ihre Kinder kaum noch Zeit für Tennis, Musikunterricht, Theaterspiel oder Sport haben. Der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann: „Wir wissen aus unserer jüngsten Emnid-Umfrage, dass knapp 80 Prozent der Eltern im Westen und rund 50 Prozent im Osten eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren wünschen.“

Die Schulzeitverkürzung führt dazu, dass heute bisweilen gerade erst 17-jährige Abiturienten an die Uni-Türen klopfen. Zur Einschreibung brauchen sie noch die Unterschrift der Eltern, wie auch für den Mietvertrag im Studentenwohnheim. (dpa)

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