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Migration

Rückkehr in ein fremdes Land

Für viele abgeschobene Afghanen fühlt sich ihr Land nicht mehr wie Heimat an. Eine Gruppe trifft es besonders hart.
Von Christine-Felice Röhrs, dpa

Familienausflug in Kabul: Für viele Flüchtlinge ist die Rückkehr nach Afghanistan wie ein Kulturschock. Foto: afp

Kabul.Badam lebt im Nirgendwo. 70 Minuten aus Kabul raus, von der Schnellstraße runter, rein in die Berge auf schlammigen Pfaden, nur noch kahle Bäume, Wind und Lehmmauern. Im Januar war Badam Haidari, 34, aus Deutschland abgeschoben worden. Seitdem ist er von einer Zuflucht auf Zeit zur nächsten getingelt. Gerade darf er ein paar Tage bei einem alten Mann bleiben, entfernter Familienfreund. Haidari wartet am Straßenrand. Reingehen? Lieber nicht, sagt Haidari unbehaglich. Wer weiß, wer uns hier sieht. Komm, wir fahre»n ins Tal und reden im Auto. Haidari schaut regelmäßig über die Schulter. Für ihn ist dies nicht die Heimat. Es ist Feindesland.

Vor mehr als sieben Jahren war Badam Haidari aus der ostafghanischen Provinz Gasni weggegangen, heute eine der unsichersten Gegenden in Afghanistan. Er hatte damals als Wächter in einem Büro der US-Entwicklungshilfsbehörde USAID gearbeitet. Gutes Geld, eine gute Zeit, sagt er – bis im Dorf zwei Cousins zu den Taliban gingen. Für die Taliban, radikale Islamisten, sind die USA der Feind. Sie hassten Haidaris Job. Immer öfter gab es Streit. Zum Schluss wollten die Cousins, dass Haidari eine Bombe mit reinnehmen sollte zu den Amerikanern, so erzählt er es zumindest. Eines Nachts eskalierte die Situation. Im Getümmel bekommt Haidaris kleine Tochter einen Gewehrkolben an den Kopf. Sie stirbt. Haidari würgt, verstummt kurz, die Augen gerötet.

Sieben Jahre in Deutschland

Sieben Jahre lang war Badam Haidari in Deutschland. Fünf Jahre lang habe er in Würzburg bei Burger King gearbeitet, sagt er, Küche, Kasse, „nie hatte ich Ärger“. Bis sie ihm im Sommer 2016 die Arbeitserlaubnis entzogen. Bis er im Januar 2017 in einem Flugzeug zurück nach Afghanistan saß.

Haidaris Eltern, Frau und Kinder sind mittlerweile auch aus Gasni weggegangen, sie leben heute in Pakistan. Aber dort kann Haidari nicht hin – Pakistan wirft derzeit Hunderttausende Afghanen aus dem Land. Heim nach Gasni kann er auch nicht wegen der unversöhnlichen Taliban-Cousins. Haidari sitzt also beim alten Mann in der Einöde und sagt, er „denke und denke und denke“. Noch fünf Tage darf er dort bleiben. Wohin dann, er weiß es noch nicht.

Badam ist einer der schlimmeren Fälle. Es gibt andere. Aber nicht alle Abgeschobenen sind so schlecht dran. Oder so gelähmt.

Arasch Alokosai, 22, in schicker roter Lederjacke und sorgfältig gebügelter afghanischer Hemd-Hose-Kombi, ist voller Pläne – keiner handelt allerdings vom Leben in Afghanistan. Alokosai überlegt, wie er am schnellsten zurück nach Deutschland kommt. Seine Freundin, eine Polin, hat gerade alle Papiere für die Hochzeit fertiggemacht. Alokosai hofft, dass er dann wieder einreisen darf. „Aber wenn das nicht klappt, dann warte ich hier keinen Tag länger“, sagt er. „Ich weiß, wie ich über die Grenzen komme.“

Arasch Alokosai hat sieben Jahre lang in Nürnberg gelebt. Er hat nicht mehr viele Menschen in Afghanistan. Die Eltern sind auf dem Weg nach Europa ohne Geld in der Türkei steckengeblieben. Bruder und Schwester von der ersten Frau des Vaters leben schon lange in Deutschland. Alokosai wohnt jetzt in Kabul im Lehmhaus einer Cousine, beheizt von einem Sandali, eine Arme-Leute-Heizung. Über einem Kohleöfchen steht ein niedriges Tischchen, über das wiederum eine große Decke gebreitet ist. Man sitzt, isst und schläft auf Matratzen rund ums Tischchen, die Decke über die Beine oder je nach Kälte bis an die Nasenspitze gezogen.

Arasch, der mit 16 aus Afghanistan weggegangen war, widert vieles an hier. Die Kälte, der Schmutz, das Chaos auf Ämtern. Deutschland steckt ihm tief in den Knochen.

Ein Leben in Angst

„Ich gehe jeden Tag in einen Park und sitze da ein bisschen. Dann gehe ich wieder nach Hause“, sagt er. „Da draußen kann man ja keinem trauen.“ Arasch ruft seinen Bruder an, dann die Verlobte. „Dann sitze ich hier wieder.“ Arasch erzählt lebhaft, auf Deutsch. Gleich zwei Mal erzählt er vom Praktikum beim Karosseriebauer. Die hätten ihm einen Ausbildungsplatz angeboten, sagt er. Aber nie war die Aufenthaltsgenehmigung lang genug, um anfangen zu können.

Drei Abschiebeflüge hat es seit Dezember aus Deutschland gegeben, 77 Männer sind nun wieder da. Männer, die Jobs und Wohnungen hatten in Deutschland. Männer, die nicht lesen können und schon an simpler Arbeit gescheitert waren. Männer, die im Gefängnis saßen. Viele sind in derselben Situation: keine Arbeit, kein Geld, und die Gedanken immer noch in Deutschland. Das liegt auch daran, dass Abgeschobene weitgehend auf sich allein gestellt sind.

Die Angebote für Rückkehrer sind noch dünn in dem Land, das sich für viele radikal geändert hat, seit sie es – mitunter vor langen Jahren – verlassen hatten. Es gibt drei Anlaufstellen für die, die Hilfe wollen, und die fast nur in Kabul, der Hauptstadt.

Eine ist eine von der deutschen Regierung unterstützte Organisation, IPSO, die psycho-soziale Hilfe anbietet. In den Sitzungen geht es zum Beispiel um das positive Denken oder Selbstmotivierung. Die Leute von IPSO sind passionierte Menschen, die zum Flughafen gehen, wenn ein Abschiebeflug kommt, und in die Gästehäuser, in denen die Abgeschobenen erstmal unterkommen. Aber psychologische Probleme zu haben, das sei in Afghanistan noch ein großes Stigma, sagt Freschta Kudis, die Direktorin von IPSO.

Nach Ankunft des zweiten Fluges im Januar hätten sie am Flughafen und in Gästehäusern erste Gespräche mit neun der 25 Rückkehrer geführt, sagt Kudis – vier von ihnen seien für drei weitere Sitzungen wiedergekommen. Sehr viel mehr kann IPSO auch nicht anbieten. Für die schweren Fälle sind auch sie nicht ausgerüstet.

In denen, die sprechen wollen, sieht Freschta Kudis Traumata durch Erlebnisse während der Flucht und Angst, auch bei der Rückkehr wieder zu scheitern. Da sei auch Scham, vor allem darüber, so viel Geld für die Flucht vergeudet zu haben. Geld, es ist das dringendste Problem vieler Rückkehrer, die sich und ihre Familien oft tief verschuldet haben für die Aussicht auf das neue Leben in Deutschland.

Geld gibt es bei der zweiten Anlaufstelle für Rückkehrer, der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die setzt auch für Deutschland ein EU-Programm für die Reintegration von freiwilligen Rückkehrern und Abgeschobenen um. Erin heißt es; im Internet klingt wie es ein Rundumpaket zum Neuanfang, samt „moralischer und technischer Unterstützung“. Erin soll zum Beispiel Hilfe anbieten bei einer Geschäftsgründung oder einer Partnerschaft mit einem bereits existierenden Geschäft oder mit Gehaltszuschüssen, wenn man einen Job gefunden hat.

Für die Antragsteller türmen sich Hürden auf, die vielen unüberwindbar erscheinen. Eine ist, erstmal so einen unterstützungswürdigen Job oder einen Geschäftspartner zu finden. Das ist vor allem für die, die lange in Deutschland waren, ein Problem. „In Afghanistan werden die wenigen Jobs, die es gibt, oft an Freunde oder Verwandte vergeben“, sagt Abdul Ghafur, ein junger Mann, der aus Norwegen abgeschoben wurde und nun mit einer kleinen NGO Rückkehrern Rat anbietet. „Wer lange im Ausland war, hat diese Netzwerke oft verloren. Oder sie sind nicht in Kabul, wo viele hängenbleiben.“

Abdul Ghafur ist auch aus anderen Gründen skeptisch, was das Programm angeht. Die meisten Dokumente, die eingereicht würden, seien gefälscht, sagt er. Er höre von vielen seiner Schützlinge, dass sie lieber Bares wollen oder brauchen und deshalb Deals machen mit den Partnern oder Arbeitgebern.

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