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Politik
Dienstag, 21. November 2017 7

Kriminalität

Schock, Trauer und Wut nach Bluttat

Der Afghane, der einen Buben erstochen hat, galt als gefährlich. Abgeschoben konnte er aber nicht werden. Eine Spurensuche.
Von Johannes Schiedermeier, Wolfgang Baumgartner, Christine Schröpf und Stefan Stark, MZ

Die umfangreiche Sicherung von Spuren am Tatort wird auch am Mittwoch noch fortgesetzt. Foto: dpa

Arnschwang. „Ich höre immer noch die grauenvollen Schreie der Frau und der Kinder“, erzählt eine Frau, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Flüchtlingsheimes Arnschwang-Wöhrmühle wohnt. Sie und ihr Mann sind vor rund zwei Jahren aus Ludwigsburg in den Bayerischen Wald gezogen. Lange Zeit genoss das Ehepaar die Beschaulichkeit und Ruhe in dem Weiler. Doch seit Samstag hat die Idylle ein jähes Ende gefunden und beide sind tief traurig über ein unfassbares Verbrechen. „Die Schreie bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf!“

Ein 41-jähriger Afghane hatte einen fünfjährigen russischen Flüchtlingsbuben mit dem Messer getötet und dessen Mutter schwer verletzt. Erst acht Schüsse aus der Waffe eines zu Hilfe eilenden Polizeibeamten hatten den Täter stoppen können. Seitdem suchen nicht nur die Menschen in der Gemeinde Arnschwang nach Antworten. Manche davon machen die Tat noch verstörender. So hat die Mutter im Krankenhaus ausgesagt, dass der Afghane getötet hat, weil ihm die Kinder zu laut gewesen seien.

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Die Tat hinterlässt bei allen Beteiligten tiefe Spuren. Bei den Rettungskräften, die sofort nach den Schüssen am Tatort im Flur des 1. Stockwerks waren, aber den Buben nicht mehr retten konnten. Auch bei den Polizisten der Inspektion Furth im Wald. „Seit mehreren Jahrzehnten hat kein Beamter in Furth einen tödlichen Schuss abgeben müssen“, sagt der stellvertretende Leiter der Inspektion, Ludwig Kreitl. „Das Ereignis belastet die Dienststelle und die Beamten sehr.“

Mühsam versucht Arnschwang in den Alltag zurückzukehren. Pfarrer Joseph Kata wird am Freitag um 10 Uhr in der Pfarrkirche eine Andacht für den getöteten Buben halten. Die Einbindung des Tätergedenkens in einem derart nahen Opfer-Umfeld habe sich als „zu schwierig“ erwiesen. Pfarrer Kata besuchte gestern die schwer verletzte Mutter im Krankenhaus. Sie könne kaum sprechen und stehe unter Schock, sagt er. Der sechsjährige Bruder des Opfers laufe aber schon wieder durch die Gänge. Die Mutter sei Muslima, habe aber die Andacht ausdrücklich befürwortet.

Es gab Gründe für eine Ausweisung

Je mehr Details bekannt werden, desto mehr wächst die Unverständnis. „Warum durfte der überhaupt hier sein?“, fragt eine Mutter aus dem Kindergarten, in dem der getötete Bub und sein unverletzter sechsjähriger Bruder beliebt waren. Das Psychogramm des Täters macht die Antwort nicht einfacher: Im Dezember 2012 hatte das Verwaltungsgericht München dem Afghanen eine „hohe kriminelle Energie, Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber möglichen Opfern“ attestierte. Damals verhandelten die Münchner Richter über seine Ausweisung. Wegen besonders schwerer Brandstiftung war der Täter von Arnschwang 2009 vom Landgericht München zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt worden. Nach Verbüßung hätte er nach Afghanistan abgeschoben werden sollen.

Der Afghane hatte am 11. Dezember 2008 ein Appartement in einem Anwesen mit 64 Parteien in München in Brand gesetzt, in dem er mit seiner Ehefrau wohnte. Die Feuerwehr verhinderte, dass das gesamte Wohnhaus abbrannte. Anschließend versuchte er, die Brandstiftung seinem Cousin in die Schuhe zu schieben.

Der Bruder hat auch gemordet

Auslöser der Brandstiftung war eine archaische Betrachtung der Familienehre. Der Täter und sein Bruder waren mit zwei Schwestern verheiratet. Der 41-Jährige unterstellte seiner Schwägerin, den Bruder mit seinem Cousin zu betrügen. Diesem Cousin wollte er deswegen die Straftaten anhängen. Das misslang aber, weil die Polizei stutzig wurde. Der Bruder des 41-Jährigen hat später seine Frau ermordet – ebenfalls, weil er ihr unterstellte, fremdgegangen zu sein. Er sitzt in Straubing in Haft. Wegen dieses Mordes ließ sich die Frau des Täters von Arnschwang scheiden. Angeblich drohte er seiner Frau aus der Haft heraus deswegen mit dem Tod.

In der JVA Landsberg zum Christentum konvertiert

Im Juli 2014 befasste sich das Münchner Verwaltungsgericht erneut mit dem Fall des Afghanen. Zwischenzeitlich war er zum christlichen Glauben konvertiert. In der JVA Landsberg am Lech hatte er sich dem Vernehmen nach in Anwesenheit des Augsburger Generalvikars taufen lassen. Danach klagte der Afghane auf einen Abschiebestopp, weil als Christ sein Leben bei einer Rückkehr bedroht sei. Das Gericht nahm ihm das ab. Pressesprecher Claus Fischer erklärt: „Nach der Gesetzeslage wird ein Abschiebungsverbot im Falle einer erheblichen konkreten Gefahr für Leib oder Leben des Asylbewerbers auch bei schwerwiegenden Straftaten des Asylbewerbers nicht ausgeschlossen.“

Streit um politische Konsequenzen

Am Tag seiner Entlassung aus der Haft verlegte die Regierung der Oberpfalz den Afghanen samt Fußfessel nach Arnschwang. Damit sollte eine Annäherung an die Ex-Frau verhindert werden. Die Verlegung habe ihm nach dem Abschiebestopp als geduldetem Flüchtling zugestanden. Nach dem Übertritt zum Christentum sei seine Unterbringung in dem nicht überwiegend muslimischen Arnschwanger Umfeld angemessen gewesen.

Chamer Landrat: Kein Asylrecht für Straftäter

Der Chamer Landrat Franz Löffler kann das nicht nachvollziehen. Er befürchtet, dass die geltenden Gesetze nicht mehr die nötigen Antworten auf die anstehenden Fragen geben können. Seine Forderung: Kein Asylrecht für Straftäter. Schützenhilfe erhält er von seinem CSU Partei-Kollegen MdB Karl Holmeier. „Der hatte offensichtlich einen findigen Anwalt. Ich gebe dem Landrat zu 100 Prozent Recht.“ MdB Marianne Schieder (SPD), zu deren Wahlkreis Arnschwang gehört, sieht das anders: „Solche Entscheidungen seien Sache des Gerichts. Ich mag diesen reflexartigen Schrei nach Gesetzen nicht, der sich nach einer solchen Tat immer erhebt“, sagt Schieder. Der Chamer Grünen-Kreisvorsitzende, Michael Doblinger, ärgert sich: „Die Medien vor Ort haben angemessene berichtet. Verstörend war aber, was in den sozialen Medien lief. Da schwimmt der braune Dreck ganz oben. “

Lesen Sie auch: Das Statement von Innenminister Herrmann zum Fall Arnschwang

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