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Politik
Donnerstag, 27. Juli 2017 16° 7

Flüchtlinge

Sea-Eye-Helfer kommen in Bedrängnis

Die EU-Innenminister wollen den Flüchtlingsstrom stoppen. Regensburger Seenotretter-Crew droht das Aus durch Vorschriften.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Michael Buschheuer ist der Gründer von Sea Eye. Foto: Dietmar Gust
  • Die Vorstandschaft von Sea-Eye machte am Sonntag deutlich, dass man weiterhin alles tun werde, um Menschenleben zu retten. Foto: ig

Regensburg.Michael Buschheuer ist eigentlich ein sehr ruhiger Mensch. Doch man merkt, dass ihm die Entwicklungen in den vergangenen Monaten zusetzen. Am Sonntagmorgen hat er zusammen mit seinem Team der Seenotrettung Sea-Eye zum dritten Mal das Mahnmal für die Opfer der Mittelmeerkatastrophe am Regensburger Donauufer aufgestellt. Zweimal wurden die zehn Kreuze schon von Unbekannten zerstört. Der gemeinnützige Verein, der im Herbst 2015 gegründet wurde, ist inzwischen aber noch sehr viel weitreichenderen Anfeindungen ausgesetzt. Anfeindungen, die in der rechten Szene ihren Anfang nahmen und es nun bis ins politische Tagesgeschäft geschafft haben, wie Buschheuer sagt. Den Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten, wirft man vor, dass sie mitverantwortlich dafür seien, dass immer mehr Menschen den gefährlichen Fluchtweg wählen. Ja noch schlimmer: Dass die NGOs den Schlepperbanden in die Hände spielten und sogar mit ihnen kooperierten. Angesichts dieser Anschuldigungen wird der sonst so besonnene Sea-Eye-Vorsitzende ungehalten: „Jeden Tag sterben Menschen im Mittelmeer und wir müssen uns mit so einem Dreck befassen.“

Laut „Missing Migrants“, einem Projekt der Internationalen Organisation für Migration (IOM), haben 2016 über 180 000 Flüchtlinge Italien über das Mittelmeer erreicht, mehr als 4500 ließen auf dieser gefährlichen Route ihr Leben, im Jahr 2017 starben bislang 2357 Menschen auf dem Weg von Nordafrika nach Europa, rund 101 000 erreichten die Küsten eines EU-Landes. Waren es früher Holzboote, so sind es jetzt völlig überfüllte Schlauchboote, die sich auf den Weg machen. Mit immer mehr Menschen und unter immer größeren Gefahren.

Katastrophale Zustände

Dass die Menschen unbedingt nach Europa wollen, könne man nicht den NGOs ankreiden, sagt Buschheuer. „Weder haben wir Flüchtlinge losgeschickt, noch animieren wir sie zur Flucht.“ Die Zustände in den libyschen Flüchtlingslagern werden von Hilfsorganisationen als katastrophal bezeichnet. Folter, Misshandlungen oder Missbrauch sind an der Tagesordnung. Buschheuer nennt die Lager „KZ“. „Dorthin können wir niemanden zurückschicken.“

Statt den Seenotrettern Vorschriften zu machen, wäre es deshalb viel wichtiger, die Ursachen der Flucht zu bekämpfen und für menschenwürdige Bedingungen in den Aufnahmezentren zu sorgen, sagt er. In diesem Zusammenhang verweist er auf eine Studie des Goldsmith-College in London, die zu dem Schluss kommt, dass nicht die Rettungsaktionen im Mittelmeer der Grund für die wachsenden Flüchtlingsbewegungen seien.

Lesen Sie auch: Für die Retter hat sich der Wind gedreht, die Welle der Begeisterung ist vorbei. „Sea-Eye“-Gründer Michael Buschheuer lässt sich davon aber nicht beirren.

Die EU-Ministerkonferenz hatte Anfang Juli bei einem Treffen in Tallin eine stärkere Zusammenarbeit mit den nordafrikanischen Staaten, allen voran Libyen, beschlossen. „Die Bewältigung der Migrationslage kann sich geografisch nicht auf die EU beschränken, vor allem nicht auf die italienische Küste, an der Migranten ankommen. Die Migrationskrise muss zuallererst in Afrika bewältigt werden, wo auch ihre Ursachen zu finden sind“, hatte Innenminister Thomas de Maizière nach dem Treffen gemeinsam mit seinem italienischen Amtskollegen Marco Minniti erklärt.

Neben der Stärkung der libyschen Küstenwache soll ein moderner Grenzschutz aufgebaut werden. Doch Buschheuer glaubt nicht, dass das Land die Schlepperbanden stoppen wird. Ganz im Gegenteil. Bei der Pressekonferenz am Sonntag präsentiert er Bildmaterial der Sea-Eye, das beweisen soll, dass Küstenwache und Schleuser gemeinsame Sache machen. „Die Schleuser setzen die Leute ins Boot, kommen mit der Küstenwache nach und holen ihre Außenboarder wieder ab für neue Schleusungen.“ Und das werden EU und Deutschland mit ihren Plänen in Zukunft noch weiter fördern, ist Buschheuer überzeugt. „Denn es wird schwer sein, in Libyen vertrauenswürdige Menschen für eine Zusammenarbeit mit der EU zu finden.“

Sehen Sie hier Bilder von einer vergangenen Rettungsaktion:

Sea-Eye rettete Flüchtlinge im Mittelmeer

Der Beschluss der EU-Innenminister sieht aber nicht nur eine stärkere Zusammenarbeit mit Libyen vor. Auch die Arbeit der NGOs soll über einen „Code of Conduct“ deutlich intensiver kontrolliert werden. Demnach sollen sie nicht mehr in libysche Gewässer vordringen dürfen – außer in Notfällen. Sie sollen jederzeit geortet werden können und mit den Behörden zusammenarbeiten. „Mit zehn von elf der Punkte sind wir einverstanden und können sie erfüllen oder erfüllen sie bereits“, sagt Buschheuer. „Nur der Forderung nach einem technischen Standard unserer Schiffe wie jenem bei den italienischen „Search and Rescue“-Schiffen können wir nicht nachkommen. Wir können nicht aus einem alten Fischkutter, der 100 000 Euro gekostet hat, ein Seenotrettungsschiff im Wert von sieben bis acht Millionen Euro machen.“ Wenn die private Seenotrettung im Mittelmeer aufgeben muss, dann wird das dramatische Folgen haben, sind die Helfer überzeugt. „Dann gibt es wieder tausende Tote, aber das Sterben wird nicht mehr vor den Augen der Öffentlichkeit stattfinden.“

Dass Italien mit der Situation der vielen ankommenden Migranten überfordert ist, das kann Buschheuer nachvollziehen. „Das Land verhält sich in unseren Augen sehr positiv, es geht bis an seine Grenzen.“ Dass nun aber die EU-Innenministerkonferenz Italien helfe wolle, indem sie den Druck auf die Seenotretter der NGOs erhöhe, das wollen die Helfer so nicht akzeptieren. „Als kleiner Verein sind wir dem nicht gewachsen.“

Über 6700 Flüchtlinge versorgt

Aktuell sind im Mittelmeer zwischen Italien und Libyen zwölf Schiffe von neun Hilfsorganisationen unterwegs. Sie übernehmen fast die Hälfte aller Rettungseinsätze. „Das Militär zieht sich aus der Rettung zurück“, sagt Buschheuer. Sea-Eye hat mit seinen Schiffen – das zweite Schiff Seefuchs ist seit Mai im Betrieb – allein in diesem Jahr 6721 Flüchtlinge erstversorgt. „Wir bringen niemanden nach Italien, wir sorgen nur dafür, dass die Menschen gerettet werden, bevor sie auf andere Schiffe gebracht werden.“ Dass sich die Schleuser mittlerweile auf die Helfer im Meer verlassen, das will Buschheuer gar nicht abstreiten. „Wir wollen mit diesem hässlichen Spiel nichts zu tun haben. Wir können es aber auch nicht ändern.“ Claus-Peter Reisch, einer der Kapitäne der Sea-Eye, ergänzt: „Unser Ziel ist es nicht, all diese Menschen nach Europa zu bringen. Auch wir sehen diese Entwicklung kritisch. Aber wir können diese Menschen auch nicht einfach ertrinken lassen.“

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