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Mittwoch, 20. September 2017 17° 3

Interview

Sea-Eye will im Winter Stellung halten

Michael Buschheuer rettet mit der Mission Sea-Eye Flüchtlinge vor dem Ertrinken. In der kalten Saison wird die Lage heikel.
Von Jana Wolf, MZ

Ein Boot der „Sea-Eye“-Mission (vorne) nähert sich einem Schlauchboot, das mit Flüchtlingen besetzt ist. Die Crew besteht ausschließlich aus freiwilligen Helfern. Foto: Sea-Eye

Regensburg.Vor zwei Tagen ist die 16. Sea-Eye-Mission im Mittelmeer gestartet. Haben Sie Angst, bevor Sie selbst in See stechen?

Fast alle Mitglieder unserer Crew sagen, sie haben keine Angst. Das bezweifle ich ein bisschen. Ich muss sagen, es ist schon beeindruckend. Man ist sich bewusst, dass das keine gewöhnliche Alltagsmission ist. Man hat jetzt nicht unbedingt massive Angst, aber einen sehr gehobenen Respekt.

Wie beruhigen Sie sich selbst?

Die Einzelrisiken sind ja vernünftig einschätzbar. Man hat zwar nie Kontrolle bis ins letzte Detail. Aber grundsätzlich wissen wir, dass mittlerweile fast 600 000 Menschen im Mittelmeer aus dem Wasser gezogen wurden, und kein einziger Helfer persönlichen Schaden erlitten hat. Wir wissen, dass bei Tausenden Geretteten vergangenes Jahr, die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ keine einzige Infektion gemeldet hat, obwohl die Helfer dort nur im T-Shirt arbeiten. Wir wissen auch, dass unser Schiff im Mittelmeer zwar dem Witterungsrisiko unterliegt, wenn es seit insgesamt 32 Wochen da draußen ist, aber dass wir ein starkes Schiff haben. Man kann also realistisch einschätzen, dass man sich selbst nicht in den Tod bewegt.

Dennoch begegnen Sie auf hoher See Menschen, die ihr Leben für die Überfahrt nach Europa aufs Spiel setzen.

Auf ihren Mittelmeer-Missionen begegnet die „Sea-Eye“-Crew Menschen, die für die Überfahrt nach Europa ihr Leben aufs Spiel setzen. Foto: Sea-Eye

Wenn man zu Hause bleibt, dann muss man natürlich nicht mit hässlichen Bildern leben. Wenn man aber dort hinfährt und sich der Sache wirklich annimmt, muss man darauf vorbereitet sein, dass man großem Leid begegnet. Man kommt mit einer anderen Wahrheit nach Hause zurück als man losgefahren ist.

Verraten Sie uns diese Wahrheit?

Ich habe realisiert, dass die Welt nicht so schön ist, wie wir sie hier kennen. Und, dass wir uns vielleicht etwas vormachen. Wenn wir über Flüchtlinge diskutieren, denken wir oft in eigenen Maßstäben, und verwenden Sätze wie, „Ja, aber wir können doch nicht zehn Millionen Flüchtlinge aufnehmen, wir können uns nicht auch noch im Mittelmeer engagieren“. Wenn man aber realisiert, was dort vor Ort passiert, dann merkt man, dass wir hier gar keine echten Probleme haben.

Es ist Herbst, der Winter steht bevor. Was bedeutet die kalte Jahreszeit für Ihre Missionen?

Im Herbst 2015 gründete Michael Buschheuer mit seiner Familie und Freunden den gemeinnützigen Verein „Sea-Eye e.V.“ mit dem Ziel, Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Flucht nach Europa zu retten. Foto: Wolf

Alle Parameter ändern sich zum Schlechteren. Die Wellen werden höher, das Wetter wird schlechter und ändert sich schneller. Wir können also nicht mehr so gut planen. Das bringt uns an eine Grenze, weil wir eine Laien-Crew und ein altes Schiff haben. Das Schiff ist zwar hochseetüchtig, aber nicht mit heutiger Technik vergleichbar. Das heißt, wir müssen uns genau überlegen, wie lange wir fahren.

Sind Sie auch im Winter im Einsatz?

Aktuell läuft der letzte Törn, der am 5. November endet. Wir hatten auch eine Winter-Tour geplant, die wir aber wieder verworfen haben, weil wir zuerst technische Dinge klären müssen. Nach dem 5. November versuchen wir, das Schiff so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen. Denn auch im Winter kann sich eine Schönwetter-Periode ergeben, die stabil genug ist, dass wir fahren. Alle Zahlen deuten darauf hin, dass die Flüchtlingswelle im Moment nicht erheblich abnimmt. Wir haben ernste Bedenken, dass die Fluchtbewegung dieses Jahr länger anhält, als andere NGOs (Nichtregierungsorganisationen) im Einsatz sind.

Wie kann man sich die Situation vor Ort vorstellen?

Gestern zum Beispiel waren nur drei Schiffe von NGOs vor Ort. Alle anderen waren im Hafen mit Unterbringung und dergleichen beschäftigt. Es ist völlig unmöglich, mit nur drei Booten eine Küstenlinie von über 50 Seemeilen abzudecken. Es ergibt sich ein nicht-gesichteter Bereich, der größer ist, als der gesichtete. Damit steigt die Mortalitätsrate enorm an. Wir wissen genau, dass sich Flüchtlinge dort bewegen, aber wir finden nicht alle. Diejenigen, die wir nicht finden, sind dem Tod geweiht. Gestern haben wir ein Boot mit 3,5 Meter Länge gefunden, also sehr kurz. Es war mit fünf Menschen besetzt. Wenn wir sie nicht gefunden hätten, wären sie 24 Stunden später nicht mehr vollzählig gewesen. So ist die Situation momentan da draußen.

Wenn wir sie nicht gefunden hätten, wären sie 24 Stunden später nicht mehr vollzählig gewesen. So ist die Situation momentan da draußen.

Michael Buschheuer, Gründer der Sea-Eye-Initiative

Wie läuft eine Mission konkret ab?

Ein typischer Ablauf sieht so aus: Unsere Crew schlägt im Stammhafen in Malta auf, dort wird die Besatzung gebrieft und kann sich akklimatisieren. Dann geht es raus – 28 Stunden Fahrt bis ins Einsatzgebiet vor der nordafrikanischen Küste. Die Zeit auf dem Schiff ist geprägt von langem Warten. Man fährt hin und her und schaut stundenlang ins Fernglas, den ganzen Tag, manchmal auch zehn Tage. Das kann zermürbend sein. Irgendwann entdeckt man ein Boot. Mit dem Mutterschiff bleibt man weit entfernt, um die Menschen nicht zu verunsichern, und beobachtet kontinuierlich mit dem Fernglas. Wir melden es der Seenotrettungsleitstelle IMRCC ROME. Dann setzten wir ein Schlauchboot aus, besetzt mit drei Personen und einem Berg an Rettungswesten, und fahren dort hin. Wir fahren das Boot in Ruhe von hinten an, übergeben die Rettungswesten und sorgen dafür, dass jeder eine anzieht. Wenn wir diesen Status erreicht haben, sind wir fast am Ziel. Denn jetzt kann keiner mehr ertrinken.

Am 3. Dezember stehen Sie bei der MZ-Show „Menschen, die bewegen“ im Velodrom in Regensburg auf der Bühne. Die Erlöse kommen Sea-Eye zu Gute. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Wir haben keine Euro-zu-Geschehnis-Zuordnung. Über das Jahr haben wir erreicht, dass wir für etwa 70 Euro pro Kopf Menschenleben retten. Das ist eine höchste Effizienz, und wir streben diese Effizienz weiter an. Wir haben das Schnellboot „Speedy“ neu in die Mission mit aufgenommen. Damals haben wir gewusst, dass wir mit „Speedy“ viel mehr Geld für weniger Gerettete ausgeben werden. Aber die Menschen, die wir mit diesem Boot erreichen können, stecken in größeren Schwierigkeiten. Man kann nicht erwarten, dass wir nächstes Jahr genau das gleiche erreichen – die Zahlen dieses Jahr waren ein Ergebnis der ultimativen Not vor Ort. Wenn nächstes Jahr hoffentlich mehr Boote vor Ort sind, dann sinkt unsere Effizienz, und wir retten vielleicht „nur“ tausend Menschen. Die Effizienz hochzuhalten ist auf jeden Fall unser Ziel.

Wenn man die Situation der Menschen betrachtet, wäre es eigentlich eine gute Entwicklung, wenn Ihre Effizienz sinkt. Weniger Menschen in Not ergibt weniger Gerettete.

So ist es. Wenn wir vom Erfolg unserer Mission reden, dann bedeutet das im gleichen Atemzug, dass viele Menschen in Not sind. Wir würden am liebsten mit unserem Schiff auf die Bahamas fahren und Cocktails trinken. Wenn sich irgendein europäischer Staat, Europa als Ganzes oder Afrika diesem Thema annehmen würde, sind wir die glücklichsten Menschen.

In der Öffentlichkeit wird viel über Flüchtlingspolitik diskutiert – über eine Obergrenze, die die CSU fordert, über Umverteilung und Integration. Wie sehen Sie diese Debatte?

Ein Boot der „Sea-Eye“-Mission (vorne) nähert sich einem Schlauchboot, das mit Flüchtlingen besetzt ist. Foto: Sea-Eye

Wir befassen uns nicht mit Innenpolitik. Wir sind ein Verein der Seenotrettung und verstehen uns als solcher eher unpolitisch. Das ist auch unsere Stärke – im Verein unterhält sich niemand darüber, wie es weitergeht und wo es begonnen hat. Wir haben einen Brandherd vor Ort, und den löschen wir. Wir haben aber natürlich einen Blick auf Afrika, wo die Entstehung ist, und nach Europa, wo die Geschichte weitergeht. Aber wir nehmen uns bewusst nur dem einen Thema der Rettung an, weil die Vermischung unsere Arbeit behindert.

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Ein Jahr, eine Region und die Menschen: Die MZ präsentiert live in Regensburg den regionalen Jahresrückblick „Menschen, die bewegen“. Mehr dazu lesen Sie hier!

Zu Beginn der Mission haben wir bereits über die Arbeit von Michael Buschheuer und seinem Team berichtet. Lesen Sie hier, wie alles anfing.

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Zwei Mitglieder des Regensburger Flüchtlingsrettungsprojekts waren Anfang September in Gewahrsam der libyschen Küstenwache. Erst nach fast vier Tagen kamen sie wieder frei. Wie es dazu kam, lesen Sie hier!

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