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Politik
Mittwoch, 21. Februar 2018 5

Kirche

So lebt der zurückgetretene Papst

Seit Papst Benedikt vor fünf Jahren zurücktrat, ist es still geworden um ihn. Doch wie lebt er jetzt und was treibt ihn an?
Von Julius Müller-Meiningen

Was ist Benedikt XVI. eigentlich für ein Mensch? Ein Vertrauter zitiert hier gerne Conrad Ferdinand Meyer: „Er ist kein ausgeklügelt Buch. Er ist ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Foto: Kappeler

Rom.Wenn Päpste sehr alt werden, dann geht der Blick nach vorne. Wer wird die Nachfolge antreten, wie wird sich die Kirche verändern, wenn der Amtsinhaber einmal nicht mehr ist? So lauten die Fragen, die sich die Öffentlichkeit stellt. Seit fünf Jahren ist das anders. Seit dem Frühjahr 2013 leben zwei Päpste im Vatikan, ein amtierendes Kirchenoberhaupt namens Franziskus, das viele Menschen begeistert und die eigene Machtzentrale manchmal an den Rand der Verzweiflung bringt. Und dann ist da noch, etwa zweihundert Meter schräg hinter dem Petersdom im Vatikan-Kloster Mater Ecclesiae der emeritierte Papst. Vor exakt fünf Jahren, am 11. Februar 2013, kündigte Benedikt XVI. seinen Rücktritt an. Auf Latein, der offiziellen Kirchensprache, vor einer Gruppe verstörter Kardinäle, die sich fragten, ob sie richtig verstanden hatten, was sie da soeben gehörten hatten. Erstmals seit dem Mittelalter würde ein Papst ohne sichtbaren Zwang auf sein Amt verzichten.

„Ich gehe nicht vom Kreuz weg, sondern bleibe auf neue Weise beim gekreuzigten Herrn“, erklärte Joseph Ratzinger denjenigen, die ihm damals vorwarfen, die katholische Kirche im Stich zu lassen. Dabei war es ein mutiger, schwieriger und weitsichtiger Schritt, den der Theologieprofessor auf dem Stuhl Petri damals tat.

Die Kräfte schwinden langsam

Manchmal dringen Nachrichten aus dem Kloster Mater Ecclesiae, in das sich der heute 90-Jährige aus Marktl am Inn nach seinem Amtsverzicht zurückgezogen hat. Oft ist es einfach still, und viele fragen sich: Wie verbringt dieser alte Mann eigentlich seine letzten Tage? Ist er besorgt um die Kirche, bereut er, geht es ihm gut? Vor Kurzem hat Benedikt XVI. geantwortet oder besser gesagt antworten lassen. Nicht nur das Laufen, das Lesen, sondern auch das Schreiben, das ihm Lebensinhalt war, fällt dem emeritierten Papst inzwischen schwer. Aber er ist noch da, offenbar voller Bewusstsein.

„Ich kann diesbezüglich nur sagen, dass ich mich auf einer Pilgerfahrt nach Hause befinde, während meine körperlichen Kräfte langsam schwinden“

Benedikt XVI.

„Ich kann diesbezüglich nur sagen, dass ich mich auf einer Pilgerfahrt nach Hause befinde, während meine körperlichen Kräfte langsam schwinden“, heißt es in einem kurzen Brief in Maschinenschrift an einen Journalisten des italienischen Corriere della Sera von vergangener Woche, der sich nach dem Wohlergehen des Emeritus erkundigt hatte. „Es ist eine große Gnade für mich, auf diesem letzten, bisweilen ein wenig anstrengenden Wegstück von einer Liebe und Güte umgeben zu sein, die ich mir nicht hätte vorstellen können“, schreibt Benedikt XVI. zudem. „Benedictus XVI, Papa emeritus“ steht oben auf dem Brief, unten ist klein die Unterschrift Ratzingers zu erkennen. Es lässt sich erahnen, wie es um den Papst a.D. bestellt ist. Obwohl dieser sagen würde, sein Petrusdienst ende nie ganz. Deshalb trägt er weiterhin weiß, bezeichnet sich als emeritiert.

Amtsinhaber und Emeritus arrangieren sich miteinander

Der ehemalige Papst Benedikt XVI. bereitet sich nach seinen eigenen Worten auf den Tod vor. Foto: Gregorio Borgia/dpa

Trotz aller Kritik an den gelegentlichen schriftlichen Äußerungen des emeritierten Papstes, hat sich in den vergangenen fünf Jahren eine Routine entwickelt, die Koexistenz zweier Päpste im Vatikan ist nur noch für Theologen ein gravierendes Problem. Das Verhältnis zwischen Amtsinhaber und Emeritus wird von offizieller Seite als ausgezeichnet beschrieben, obwohl Differenzen in Persönlichkeit, Stil und Theologie unübersehbar sind. Aber man darf Benedikt XVI. zutrauen, sich nicht über den spürbaren Wandel seiner Kirche zu grämen, sondern ihn der Verantwortlichkeit einer höheren Macht zuzuschreiben. Und zweitens lassen sogar die schärfsten Benedikt-Kritiker inzwischen Milde walten, weil dieser seine menschlichste Seite mit dem Rücktritt offenbart hat. Vom reaktionären Ungeheuer, das manche in ihm erkannten, blieb plötzlich nichts mehr übrig. Joseph Ratzinger führt ein mönchisches Leben, geprägt vom Gebet, versüßt von Besuchen und Süßspeisen in Maßen. Der Tag des 90-Jährigen beginnt um sieben Uhr mit der Heiligen Messe. Ratzinger feiert sie gewöhnlich mit seinem Privatsekretär und den vier Memores Domini, den Damen einer geistlichen Laienbewegung, die schon den Haushalt im Apostolischen Palast führten. Nach der Messe folgen Frühstück und Gebet.

Den Vormittag verbringt er mit Lektüre und dem Lesen und Beantworten von Post. Angesichts seines Alters und stetig nachlassender Kräfte muss er sich dabei immer häufiger helfen lassen. Weil Georg Gänswein zu dieser Zeit durch seinen Hauptjob als Protokollchef von Franziskus vereinnahmt ist, übernehmen die Memores viele Dienste. Am Nachmittag spazierte Benedikt XVI. früher mit seinem Privatsekretär regelmäßig für das Rosenkranz-Gebet zu einer gleich unterhalb des dreistöckigen Hauses gelegenen Lourdes-Grotte. Da er inzwischen auf einen Rollator und manchmal sogar auf einen Rollstuhl angewiesen ist, hat er diese Spaziergänge stark eingeschränkt. Im Oktober kursierten Fotos, die Benedikt XVI. klapprig und mit einem blauen Auge zeigten. Der emeritierte Papst war gestürzt. Fortbewegung ohne Gehhilfe oder einen stützenden Arm ist ihm nicht mehr möglich. Geistig, so betonen Bewunderer, die ihn kürzlich besucht haben, sei er immer noch voll auf der Höhe.

Hier lesen Sie ein Interview mit einem seiner engsten Vertrauten.

Auch die Zahl seiner Besucher hat abgenommen. 2017 wurden noch zahlreiche Delegationen vorstellig, insbesondere aus der bayerischen Heimat. Angesichts seiner Gebrechlichkeit werden weniger Verehrer zugelassen. Befreundete Kardinäle wie der von Franziskus geschasste ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller, aber auch verschiedene Bischöfe aus Deutschland kommen häufiger. Die Entmachtung Müllers musste für Benedikt XVI. eine Enttäuschung gewesen sein, hatte er den Theologen doch rechtzeitig vor seinem Rücktritt an der Spitze der wichtigen Vatikanbehörde installiert, um theologische Kontinuität zu gewährleisten. Regelmäßig zu Besuch kommt auch Ratzingers 94 Jahre alter Bruder. Wenn es gesundheitlich möglich ist, verbringen die Brüder an Weihnachten und im Sommer mehrere Tage und Wochen am Stück gemeinsam im Vatikankloster.

Ab und zu kommt Franziskus

Nimmt man den Bruder einmal aus, spricht Benedikt XVI. nicht einmal langjährigen Vertrauten gegenüber Klartext über seinen Nachfolger. Verbürgt sind nur folgende, im Interviewband „Letzte Gespräche“ veröffentlichte Worte über Franziskus: „Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht, das ist schon etwas Schönes.“ Ab und zu kommt auch Franziskus vorbei, auch er spricht in höchsten Tönen von seinem Vorgänger. Über den Kommentar von Franziskus, die Koexistenz mit seinem Vorgänger sei so, wie einen „Großvater im eigenen Haus“ zu haben, konnten nicht alle Benedikt-Freunde lachen. Dabei trifft die großväterliche Milde am Lebens-Ende, das souveräne Abstand-Nehmen in der Erwartung der nächsten Etappe, die Haltung des emeritierten Papstes eigentlich ganz gut.

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