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Politik
Mittwoch, 22. November 2017 7

Taktik

So steuern Terroristen ihre Anschläge

IS-Attentäter bekommen Anweisungen von höherer Stelle. Die größte Gefahr stellen Zellen dar, die von außen gesteuert werden.
Von Jan Kuhlmann und Jörg Blank, dpa

Rauch steigt über Al-Rakka (Syrien) auf, der heimlichen Hauptstadt der Terrormiliz IS. Inzwischen haben die Extremisten mehr als die Hälfte der Stadt verloren. Doch der Terror geht weiter. Foto: dpa

Istanbul.Früher war Al-Rakka eine schmucklose Stadt im Norden Syriens, die kaum jemand in der Welt kannte. Ausländer fanden nur selten den Weg in die Region. Die 200 000 Einwohner lebten vom Wasser des Euphrats und von der Landwirtschaft.

Mittlerweile ist Al-Rakka weltweit berühmt: als heimliche Hauptstadt der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Bürgerkriegsland Syrien. Und als der Ort, von dem aus die Extremisten global Anschläge vorantreiben. Vor sechs Monaten noch habe der IS von dort aus große Angriffe geplant, sagte der US-Sonderbeauftragte für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk.

Unklar ist, ob auch die Angreifer in Spanien ihre Anweisungen aus Syrien erhielten, so wie vor ihnen andere. Najim Laachraoui etwa, einer der Attentäter von Paris und Brüssel, stand in Kontakt mit einem IS-Anführer namens Abu Ahmed. Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass dieser sich damals in Al-Rakka aufhielt.

Lesen Sie hier: Am Montag erschoss die Polizei den Terror-Verdächtigen von Barcelona.

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden gehen auch fast alle bislang in Deutschland verübten Attentate auf Personen zurück, die über den Cyberraum von „Headhuntern“ des IS bis zuletzt gecoacht wurden. Dies gelte auch für den Weihnachtsmarkt-Attentäter von Berlin. Anis Amri wurde demnach bis zuletzt über sein Mobiltelefon von Syrien aus angeleitet.

Nachrichten löschen sich selbst

Damit die Instruktionen der Hintermänner ihre Empfänger Tausende Kilometer entfernt erreichen, verwenden die Extremisten Dienste, die jedem Smartphone-Besitzer zugänglich sind. Besonders beliebt sind Whats-App und Telegram, die eine sichere Verschlüsselung bieten. Für Geheimdienste ist Mitlesen meistens unmöglich. Selbst wenn ihnen das Gerät eines Extremisten in die Hände fällt, können sie leer ausgehen: Mit Telegram lassen sich Nachrichten so verschicken, dass sie sich nach einer bestimmten Zeit selbst löschen.

Das sagt Terrorexperte Guido Steinberg

  • Hauptquartier:

    Der IS hat große Teile der heimlichen Hauptstadt Al-Rakka verloren. Guido-Steinberg, Terrorexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), ist überzeugt, dass der IS vorgesorgt hat. „Wir müssen befürchten, dass die alten Planungen mit Erfolg zu Ende gebracht werden, ohne dass der IS noch aus Al-Rakka die Fäden zieht.“

  • Perspektive:

    Ein schnelles Ende der Terrorgefahr erwartet Steinberg nicht. „Es gibt sehr viel mehr IS-Terroristen, als es Al-Kaida-Anhänger gab.“ Aus deutschen Sicherheitskreisen heißt es, man gehe davon aus, dass die Terrormiliz Islamischer Staat derzeit verschiedene Anschläge in Europa und vor allem in Deutschland plane.

Um Sympathisanten Anweisungen zu geben, nutzt der IS auch Online-Publikationen, die jedem einigermaßen findigen Internet-Nutzer zugänglich sind. Im November 2016 verbreiteten die Dschihadisten in ihrem Magazin „Rumiyah“ einen Artikel, in dem sie detailliert erklärten, wie sich ein Anschlag mit Fahrzeug verüben lässt: „eine der sichersten und einfachsten Waffen“. Nicht zu kontrollieren ist IS-Propaganda wie diese, weil sie dezentral produziert und verbreitet wird.

Die Hintermänner mögen in Al-Rakka sitzen, doch Helfer weltweit unterstützen sie. Jeder Dschihadist betreibe „sein eigenes kleines Nachrichtenportal“, schreibt der Journalist Abdel Bari Atwan im Buch „Das Digitale Kalifat“. Wegen seiner Verluste in Syrien und im Irak hat der IS laut Sicherheitskreisen die Ideologie eines virtuellen Kalifats ausgegeben. Über soziale Netzwerke werden Anhänger aufgerufen, Anschläge zuhause zu verüben.

Hit-Teams verbreiten Schrecken

Die Extremisten nutzen auch eine klassische Methode, um unentdeckt zu agieren: die Bildung von geheimen Zellen. Abu Musab al-Suri, ein einflussreicher Vordenker der Dschihadisten, rühmte das „Ausmaß des Terrors und der Furcht“, die Operationen von Zellen verbreiteten, wie der Dschihad-Experte Rüdiger Lohlker im Buch „Die Salafisten“ erklärt. Laut Verfassungsschutz geht das größte Risiko für einen dschihadistisch motivierten Anschlag unter anderem von Kleinstgruppen aus, die aus dem Ausland gesteuert sind, sogenannten Hit-Teams.

Seit dem Beginn einer Offensive von syrisch-kurdischen Truppen auf Al-Rakka haben die Extremisten mehr als die Hälfte der Stadt verloren. Fachleute sind sicher, dass die Fähigkeit der Terrormiliz, von dort Anschläge zu verüben, deutlich gesunken ist. „Wenn Du unter Druck stehst in Al-Rakka, dann sitzt Du dort nicht mehr rum und planst Angriffe“, sagte ein General der Anti-IS-Koalition Ende Juni. „Dann kämpfst Du um Dein Leben.“

Lesen Sie hier: Nach Meinung des Terrorexperten Guido Steinberg muss Europa mit weiteren IS-Attentaten rechnen.

Allerdings dürften Teile der IS-Anführer schon in andere Gebiete unter Kontrolle der Extremisten weiter östlich geflüchtet sein. So bleibt auch die Gefahr von Anschlägen bestehen. Aus deutschen Sicherheitskreisen heißt es, man gehe davon aus, dass der IS derzeit Anschläge in Europa und vor allem in Deutschland plane. Guido-Steinberg, Terrorexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), erwartet kein schnelles Ende der Terrorgefahr. Der IS habe eine hohe „ideologische Attraktivität“ und viele junge Leute in seinen Bann gezogen. „All die wird man in den nächsten Jahren nicht zurückgewinnen können. All die wird man auch nicht kontrollieren können. Es sind zu viele.“

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