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Politik
Sonntag, 28. August 2016 33° 1

Geschichte

Symbolisches Ende des Eisernen Vorhangs

Am 23. Dezember 1989 durchtrennen Genscher und Dienstbier symbolisch den EisernenVorhang. Viele Hoffnungen blieben unerfüllt.
Von Michael Heitmann, dpa

  • Milan Horacek hält zwei Stücke des ehemaligen Genzzaunes zwischen Tschechien und Deutschland hoch. Der Grünen-Politiker hatte sie nach der Grenzöffnung mitgenommen und aufgehoben. Foto: dpa
  • Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP - l) und sein tschechischer Amtskollege Jiri Dienstbier durchschneiden am 23.12.1989 in Rozvadow (Roßhaupt) gemeinsam den Stacheldraht an der tschechisch-bayerischen Grenze. Foto: dpa

Waidhaus.Milan Horacek zieht ein Stück Stacheldraht aus einem Briefumschlag. Es ist ein unscheinbares Metallstück. Jahrzehntelang war es jedoch Teil des Eisernen Vorhangs, der Europa spaltete und die Tschechen von den Deutschen trennte. Der Politiker hat seine „Reliquie“ der Geschichte, wie er es nennt, an einem denkwürdigen Tag vor genau 25 Jahren mitgehen lassen.

Es war der 23. Dezember 1989, als zwei Außenminister in der Nähe von Waidhaus den Bolzenschneider in die Hand nahmen. Hans-Dietrich Genscher durchtrennte mit seinem neuen Kollegen Jiri Dienstbier symbolisch den Grenzzaun zwischen der Bundesrepublik und der damaligen Tschechoslowakei. Dazu musizierte eine Blaskapelle. „Es war feierlich, sehr freundlich, man könnte sagen, fröhlich“, erinnert sich Horacek, der zu Genschers Delegation gehörte.

Für Genscher bleibt der Tag „unvergesslich“

Ein andermal hatte Horacek keine Zeit, ein Stück Stacheldraht als Andenken mitzunehmen. Kurz nach dem sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei im August 1968 war der Tscheche über die streng bewachte Grenze in den Westen geflohen. „Da konnte ich natürlich keinen Draht abschneiden, das wäre zu gefährlich gewesen“, sagt er. Viele Fluchtversuche endeten tödlich.

Deswegen war die Atmosphäre an jenem Samstag vor 25 Jahren für den Grünen-Politiker „sehr emotional“, wie er sagt. Der heute 87-jährige Genscher ließ ausrichten, dass ihm dieser Tag „unvergesslich“ bleiben werde - genauso wie sein Freund Jiri Dienstbier (1937-2011). Genscher kannte den Dissidenten seit dem kurzen politischen Tauwetter der 1960er Jahre. Dann hatte das turbulente Wendejahr den Ex-Journalisten zum Minister gemacht.

Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein bei dem Dorf Nove Domky an die damalige Begegnung am Stacheldraht. Bei vielen Menschen geblieben ist die Mauer in den Köpfen. Mancherorts laufe die Zusammenarbeit in den Grenzregionen einwandfrei, sagt Joachim Bruss, einer der beiden Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. „Und es gibt andere Orte, an denen praktisch nichts geschieht.“

Das will der Fonds ändern und macht deshalb „Grenze verbindet“ zu seinem Jahresthema 2015. „Es sollen im Wesentlichen Projekte sein, die an der Grenze selbst stattfinden oder sich mit der dortigen Situation befassen“, erläutert Bruss. Das könne vom Wanderverein, der die andere Seite erkunden will, bis zum Diskussionsabend reichen - etwa zum Thema „Wie läuft das zwischen uns?“. Jährlich unterstützt der Zukunftsfonds mehr als 600 Projekte mit einem Gesamtbudget von rund 3,5 Millionen Euro.

Hans Eibauer, Leiter des Centrum Bavaria Bohemia im oberpfälzischen Schönsee, mangelt es nicht an Einfällen. Er plant schon jetzt gemeinsame Probewochenenden, die deutsche und tschechische Musikschüler zusammenbringen sollen. „Die junge Generation müssen wir mitnehmen, ihnen diese Nachbarschaft fast beibringen“, sagt der frühere Bürgermeister. Denn für die Jungen sei die Freiheitsrevolution von 1989 schon „ewig weit weg“.

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