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Politik
Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Migration

Von Grenzen und Nächstenliebe

Anlieger an der Grenze beklagen Müll und Umsatzeinbußen. Für die Flüchtlinge haben sie Verständnis – für die Politik nicht.
Von Philipp Seitz und Philipp Froschhammer, MZ

  • Mit ihrem Hab und Gut marschieren die Flüchtlinge in Richtung Polizeibus. Die Ungewissheit ist zu spüren. Keiner der Flüchtlinge weiß, wie es weitergeht. Foto: Seitz
  • Rund um die Uhr sind Bundespolizisten an der deutsch-österreischen Grenze im Einsatz, um die Flüchtlinge geregelt über die Grenze zu geleiten. Foto: Seitz
  • Das Ziel vor Augen: Flüchtlinge warten auf der österreichischen Seite des Grenzübergangs, um nach Deutschland einreisen zu dürfen. Foto: Seitz
  • Der österreichische Bezirkspolizeikommandant, Oberst Herbert Kirschner, geht davon aus, dass sich die Situation an der Grenze nach Ende des Fährstreiks in Griechenland wieder verschärft. Foto: Seitz
  • Warten auf die Weiterreise: Flüchtlinge harren in der Nacht in einem Zelt an der österreichischen Seite der Grenze aus. Von Helfern werden sie mit Essen und Getränken verpflegt. Foto: Seitz

Wegscheid.Mit beiden Händen zieht Werner Gell das Absperrband fest. Er wickelt es notdürftig um einen Leitpfosten am Straßenrand und einen Eisenstab. Das rot-weiß gestreifte Band grenzt den kleinen Westernsaloon von der Straße ab. Der Rentner hätte nie gedacht, dass es das einmal braucht. Vor 15 Jahren hat der 62-Jährige das frühere Polizeigebäude am deutsch-österreichischen Grenzübergang bei Wegscheid gekauft. Mit Country- und Tanzabenden holte der ehemalige Bankangestellte ein Stück amerikanische Kultur an die deutsch-österreichische Grenze. Im Saloon Oklahoma feierten, tranken und sangen die Westernfans. Doch seit einigen Wochen ist es ruhig – fast keine Gäste, keine Musik und Tanzabende mehr. Den ruhigen Grenzübergang, den der Rentner kannte, gibt es nicht mehr.

Wegscheid: So ist die Stimmung in der Grenzregion

Nachdem der provisorische Zaun aufgebaut ist, setzt sich Gell auf die kleine Holzbank vor seinem Saloon. Er beobachtet, wie Flüchtlinge über die kleine Brücke gehen, die knapp 50 Meter von seiner Gaststätte entfernt ist. Die fünf Meter breite Brücke verbindet Deutschland mit Österreich, sie ist einer der Schlüsselpunkte auf der beschwerlichen Reise der Flüchtlinge. Wer in die Bundesrepublik will, muss an den Polizisten auf deutscher Seite vorbei, die den Grenzübergang rund um die Uhr bewachen. In Zweierreihen müssen sich die Flüchtlinge aufstellen und auf die Ansagen der Dolmetscher warten. Die deutschen Beamten zählen die Menschen genau ab. Pro Stunde dürfen nur 50 Flüchtlinge über die Grenze; wenn viele Kinder und Jugendliche dabei sind, werden Ausnahmen gemacht.

Eine Gruppe setzt sich in Bewegung. Regungslos, erschöpft von den Strapazen und mit großen Reisetaschen überqueren sie den Länderübergang. Aus der Ferne erweckt es den Eindruck, als hätte eine Schulklasse gerade ihren Wandertag – doch hier mit Polizei-Eskorte. Ein Polizeiauto fährt voraus, mehrere Sicherheitskräfte begleiten die Flüchtlinge. Über einen kleinen Hügel geht es zum Reisebus der Bundespolizei, der hundert Meter von der Grenze entfernt auf die Neuankömmlinge wartet.

Ein Satz der Kanzlerin änderte alles

Der Weg führt sie vorbei am Westernsaloon. Blickaustausch. Die Flüchtlinge schauen kurz zu Gell, er verfolgt unaufgeregt das Geschehen. Seit Wochen geht das schon so. Für Gell ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass hunderte Menschen an seinem Haus vorbeiziehen. Früher passierten nur hin und wieder Autofahrer die Grenze, vereinzelt kamen Flüchtlinge zu Fuß über die Brücke. Alles änderte sich, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang September die Grenze für Tausende Flüchtlingen öffnete, die in Budapest unter katastrophalen Bedingungen gestrandet waren. Der unscheinbare Grenzübergang Wegscheid geriet in ganz Deutschland in den Fokus - und sogar darüber hinaus. Gleich in den ersten Tagen kam eine gewaltige Zahl von Menschen an, die Einsatzkräfte auf beiden Seiten der kleinen Brücke waren zunehmend überfordert.

Interaktive Grafik: Der Grenzübergang zwischen Deutschland und Österreich. Schwarz gefärbt sind die betroffenen Anlieger auf deutscher Seite, blau gefärbt das Zelt und die Gaststätte in Hanging in Österreich. Graphik: Thinglink/ph

Die Situation hat sich seitdem entspannt, berichtet Gell. Dennoch fährt er jeden Tag dreimal zu seiner Gaststätte, um nach dem Rechten zu sehen. Sein größtes Problem: der Müll. Weil sich nur auf österreichischer Seite drei Müllcontainer finden, auf deutscher Seite jedoch keine, verteilen die Flüchtlinge ihren Abfall oft rund um sein Anwesen. Er fürchtet, dass die Abfälle Ungeziefer anlocken.

„Man muss den Flüchtlingen einfach helfen“

Auf der anderen Seite von Gells Saloon liegt das Gebäude des Schäferhundevereins. Ein kleines Haus mit angrenzender Trainingswiese. Dem Vorsitzenden Siegfried Schätzl plagt das gleiche Problem. Auch er ist vom Müll nicht begeistert. Doch für die Menschen hat er vollstes Verständnis: „Wenn man in die Kinderaugen blickt, dann muss man einfach helfen.“ Die Möglichkeiten seien zwar begrenzt, doch der Verein stelle bei Bedarf seine Räume zur Verfügung. Schätzl wird nachdenklich und schüttelt den Kopf. „Das war früher ein ruhiger und stiller Ort. Jetzt ist das hier ein Zentrum der deutschen Politik.“

Tatsächlich zeigt sich am Grenzübergang, welche Tragweiten politische Entscheidungen haben. Jede kleine Veränderung zeichnet sich zeitverzögert ab - und sei es ein Streik in 1600 Kilometer Entfernung. Als dieser Tage in Griechenland die Fähren still standen, kamen in Wegscheid deutlich weniger Flüchtlinge an. Denn die meisten von ihnen nutzen die „Westbalkanroute“, um über Griechenland und Österreich nach Deutschland zu reisen.

Anlieger fühlen sich enteignet

Szenenwechsel. Auf österreichischer Seite, knapp 70 Meter von der Grenze entfernt, in der kleinen Ortschaft Hanging, steht das Rasthaus der Familie Scherer. Die geteerten Parkplätze sind von der Polizei abgesperrt, das Flüchtlingszelt stehen unmittelbar neben der kleinen Wirtschaft. „Ich fühle mich wie enteignet“, sagt Ulli Scherer, deren Sohn Mario das Gasthaus leitet. „Wir haben zwar offen, aber die Gäste bleiben aus.“ Eine Entschädigung für die fehlenden Einnahmen bekommt sie nicht. Sie habe Mitleid mit den Flüchtlingen, sagt Scherer, doch so könne es nicht weitergehen.

Die fünf Grenzübergänge zwischen Österreich und Deutschland

Wieder hält ein Reisebus vor ihrer Gaststätte. Sie verkehren in unregelmäßigen Turnus zwischen der österreichisch-slowenischen Grenze und der Grenze nach Bayern. Mal dauert es 50 Minuten, mal fünf Stunden, bis der nächste kommt. Auf den Bussen sind Palmen, Wellen und Strand abgebildet. In den Bussen sitzen Flüchtlinge, die ihre Familien verlassen und eine Odyssee hinter sich haben.

Der Großteil der Bürger in den Ortschaften auf beiden Seiten der Grenze bekommt vom täglichen Flüchtlingsstrom allerdings wenig mit. Sie sehen nur die Busse, die Einsatzwagen der Polizei und die Rettungsfahrzeuge, die mehrmals täglich durch ihre Dörfer fahren. Wegscheids Bürgermeister Josef Lamperstorfer sagt: „Nur einmal, ganz am Anfang, sind die Flüchtlinge durch das Dorf gegangen. Das war es aber auch schon.“ Die Flüchtlinge bekommen in seiner Kommune in einer Wartehalle im Industriegebiet ein kurzes Zwischenquartier, bevor sie zu ihren nächsten Zielen im ganzen Bundesgebiet weiterbefördert werden.

Bürger ärgern sich über die Medien

An den Stammtischen ist die Flüchtlingskrise dennoch ständig präsent. Es geht darum, welche Bilder von Wegscheid im Fernsehen zu sehen sind oder was die Zeitungen über den Ort schreiben. Von den Journalisten fühlen sich manche Bürger in ein schiefes Licht gerückt. Wegscheid sei ein Ort, in dem „der Geruch von Kühen und Mist in der Luft liegt“, beschrieb etwa der Kölner Stadtanzeiger den 5000-Einwohner-Markt nahe Passau. Das stinkt den Bürgern. Sie beklagen, die Reporter hätten nicht immer die Realität gezeigt. Von gestellten Bildern ist die Rede.

In einem Punkt sind sich Bürger auf beiden Seiten der Grenze ziemlich einig: EU, Deutschland, Österreich - alle hätten in der Asylpolitik versagt. Die Probleme seien lange genug bekannt gewesen. Franz Saxinger, der Bürgermeister des österreichischen Ortes Kollerschlag fordert, das nun geschlossen gehandelt wird, um den Menschen auf der Flucht zu helfen. So wie Saxinger denken viele.

Eindrücke aus Wegscheid

Hier geht es weiter zu Kapitel 2 oder zurück zur Übersicht.

Grüne Grenze bei Wegscheid

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