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Politik
Sonntag, 20. August 2017 23° 2

Demokratie

Vorurteile sind fehl am Platz

Die deutsche Ungarn-Berichterstattung entspringt einer Unkenntnis oder einer ideologisch motivierten Missachtung.

Zsolt Lengyel ist Geschäftsführender Direktor des Hungaricum – Ungarisches Institut der Universität Regensburg.

Regensburg.In der deutschen Ungarn-Berichterstattung unserer Tage nimmt mit steigendem Grad der Anklagen die Anzahl der dafür vorgelegten Tatsachen ab. Jüngst fabulierte man in einer Zeitungsrubrik über Ungarn als „nationalistisch überwölbten Untertanenstaat mit teilweise monarchistischen Zügen“. Solche Verurteilungen Ungarns beruhen auf der einseitigen Wahrnehmung eines innerungarischen Kulturkampfes. Darin hegen eine linksliberale und eine rechtskonservative Strömung zwei folgenschwere Ausschließlichkeitsansprüche: Nach der Linken könne national nicht auch liberal, nach der Rechten liberal nicht auch national sein.

Nicht erst seit der Flüchtlings- und Migrantenkrise werfen deutsche Medien dem „entdemokratisierten Orbánistan“ Antisemitismus, Antiziganismus, großungarischen Nationalismus und Rassismus vor. Diese verbalen Brandmarkungen spiegeln die Gegnerschaft zwischen der als fremdenfeindlich abgestempelten „rechtspopulistischen“ und der als liberal hingestellten „europäischen“ Politik wider.

Diejenigen, die Demokratie nur als „liberale Demokratie“ als rechtmäßig anerkennen, tun so, als müssten sie ihre Elitendemokratie vor ihren Wählern beschützen. Ungarn hingegen scheint Elemente des Volksentscheids in seine repräsentative Demokratie einbauen zu wollen. Auf der Regensburger Tagung „Ungarn, Deutschland, Europa“ wurde angemerkt, dass Demokratie nicht allein aus Wahlen, sondern zugleich aus humanistischen Verhaltensweisen leben müsse. Wohl wahr! Doch auch die liberale deutsche Demokratie ist vor Übergriffen gegen Asylunterkünfte nicht gefeit. Solche Vorfälle sind aus der gemutmaßt illiberalen ungarischen Demokratie nicht gemeldet worden.

Deutsche individualistische und ungarische kollektivistische Nationsanschauung haben sich jüngst voneinander entfernt. An ihren weltanschaulichen Rändern lehnen aber beide die liberale Nation ab. In Deutschland stehen liberale Ordnung und nationale Empfindungen, in Ungarn nationale Staatsräson und Liberalismus zueinander im Gegensatz.

Der Furor der deutschen Publizistik um Ungarn entspringt wiederholt der sprachlich bedingten Unkenntnis oder der ideologisch motivierten Missachtung der Gemütslage eines geschichtsbewussten Volkes, das seine Vergangenheit anders verarbeitet, als die Deutschen. In Ungarn hat die um 1990 wiedererlangte nationalstaatliche Unabhängigkeit den im anationalen und atheistischen Kommunismus verpönten Patriotismus aufgewertet. In Deutschland hält die Gegenwart der Vergangenheit das im Nationalsozialismus missbrauchte Nationalgefühl in anhaltendem Misskredit.

Zeigt die noch immer anhaltende Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, dass es einen Grund gibt, sich vor der deutschen Nation zu ängstigen? Ist Ungarn der Herausforderung gewachsen, die noch so erklärliche Selbstbezogenheit aufzulockern und im inneren Kulturkampf gegenseitiges Verständnis anzuregen? Den Außenstehenden bleibt jedenfalls die intellektuelle Aufgabe, Ungarn eben mit Deutschland im Blick zu behalten und auch bei erlaubter Kritik mit Augenmaß zu beurteilen, anstatt maßlos zu verurteilen.

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