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Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Finanzen

Warum Reiche in Erklärungsnot sind

Den Panama Papers folgen die Paradise Papers: Wieder geht es um surreale Geldsummen, wieder stehen Prominente im Fokus.

Das Herzogtum von Lancaster, das Teile des Vermögens der Queen, verwaltet, wehrt sich gegen Vorwürfe aus den Paradise Papers, man habe Wucherzinsen eingetrieben. Alle Investitionen seien „geprüft und legal“. Foto: afp

Was sind die sogenannten Paradise Papers?

13,4 Millionen Dokumente. Sie wurden der „Süddeutschen Zeitung“ von unbekannter Seite zugespielt. Die Zeitung teilte sie mit dem Netzwerk investigativer Journalisten ICIJ. Reporter arbeiteten weltweit rund ein Jahr lang mit den Daten, die von der auf den Bermudas gegründeten Kanzlei Appleby stammen, einer Treuhandfirma und aus Firmenregistern von 19 Steueroasen. Sie zeigen laut den Medien, wie Reiche über Briefkastenfirmen oder andere Geschäfte in intransparenten Steueroasen wie Isle of Man, Malta oder Bermudas Steuern vermeiden oder Gewinne machen. Das heißt nicht, dass die Praktiken illegal sind.

Ist die Existenz dieser Papiere so überraschend?

Nicht unbedingt. Vor eineinhalb Jahren erschütterten bereits die Panama Papers die Öffentlichkeit. Immer noch ziehen die Veröffentlichungen über das Vermögen zahlreicher Politiker, Sportler und anderer Prominenter in Offshore-Firmen Konsequenzen nach sich, werden Banken durchsucht oder Betroffene juristisch belangt.

Welcher Fall ist politisch am brisantesten?

Wohl die Verbindung des US-Handelsministers Wilbur Ross zu russischen Oligarchen. Er ist laut SZ über diverse Fonds auf den Kaimaninseln an einer Reederei beteiligt, die einen russischen Energiekonzern zu ihren größten Kunden zählt.

Regierung will Daten

  • Die Bundesregierung

    hat die beteiligten Medien zur Herausgabe der Originaldaten aufgerufen. „Wir würden es begrüßen, wenn diese Informationen der Finanzverwaltung zur Verfügung gestellt werden“, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums gestern. Auch den Strafverfolgungsbehörden sollten die „Paradise Papers“ zur Verfügung gestellt werden, so ein Sprecher des Innenressorts.

  • Regierungssprecher Steffen

    Seibert betonte, die Regierung begrüße die Veröffentlichungen. Akteure steuerlicher Parallelwelten würden bekannt, Druck werde erzeugt. Im Kampf gegen Steuerflucht habe es zwar Fortschritte gegeben – doch müsse die Arbeit intensiv fortgesetzt werden, sagte Seibert. „Transparenz ist der Untergang jeder Steueroase.“ (dpa)

Welche internationalen Fälle stechen noch hervor?

Etwa der von U2-Sänger Bono, der sich für mehr Entwicklungshilfe der Industriestaaten einsetzt. Wie Bonos Sprecherin bestätigte, ist er Minderheitsinvestor eines auf der Kanalinsel Guernsey angesiedelten Unternehmens, das ein Einkaufszentrum in Litauen betreibt. Auch der angebliche Fall eines der engsten Parteifreunde des kanadischen Premiers Justin Trudeau fällt auf: Viel Geld soll er an einen mysteriösen Trust auf den Kaimaninseln übertragen haben. Selbst Hinweise auf die britische Queen werden genannt.

Werden deutsche Verbindungen genannt?

Die SZ erinnert an ein Steuerverfahren gegen die Töchter des Pharmaunternehmers Curt Engelhorn. Sie sollen laut den damaligen Vorwürfen der Ermittler 440 Millionen Euro Schenkungssteuer hinterzogen haben, nachdem Engelhorn ihnen über ausländische Trusts ein Vermögen hatte zukommen lassen. Die bayerischen Behörden einigten sich in einem Deal mit den Töchtern auf eine Nachzahlung von 145 Millionen Euro. Laut SZ seien der Familie nun weitere Trusts oder Briefkastenfirmen zuzuordnen.

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Gibt es auch Hinweise auf weltweit bekannte Firmen?

Ja. So baute laut SZ der Sportartikelhersteller Nike erst auf den Bermudas und dann in den Niederlanden ein System auf, das dem Konzern außerhalb der USA Milliarden Euro an Steuern erspare. Der Computergigant Apple war laut SZ bestrebt, einen Geschäftssitz in einem Land zu finden, in dem keine Steuern anfallen.

Hat sich im Kampf gegen Steueroasen nichts getan?

Doch. Unter anderem haben Ende September Deutschland und 49 weitere Staaten einen automatischen Austausch von Informationen gestartet, der Finanzbehörden Einsicht in Auslandsgeschäfte ihrer Bürger gibt. Auch einstige Steueroasen machen mit, etwa die Kaimaninseln und Liechtenstein. (dpa)

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  • FH
    Franz Huber
    07.11.2017 08:06

    Das global, asoziale Verhalten und Gebaren der sogenannten „cleveren Finanzeliten“ gefährdet die Steuermoral der rechtschaffenen Normalbürger. Wem wundert es? Zudem untergräbt es auch massiv die Stabilität und die Zukunft von Demokratien (Volksherrschaften).

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