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Politik
Montag, 20. November 2017 11

Serie

Was Erstwähler wirklich wollen

So bereiten sich Jungwähler aus der Region auf die Bundestagswahl vor. Sie fordern klare Ansagen statt Social-Media-Späße.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Rund drei Millionen Jungwähler dürfen am 24. September erstmals ihr Kreuzchen setzen. Foto: dpa

Regensburg.Wenn Thomas Weigert mit seinen Freunden grillt, dann sind derzeit auch politische Themen Gesprächsstoff. In wenigen Wochen wird ein neuer Bundestag gewählt und der 20-jährige Student aus dem Landkreis Regensburg darf erstmals seine Kreuze setzen. „Natürlich unterhält man sich mit den Eltern und im Freundeskreis über die Kandidaten, die Parteien und wofür sie stehen. Weigert informiert sich auch in unterschiedlichen Medien. Studienfachbezogen interessiert ihn vor allem die Wirtschafts- und Sozialpolitik. „Das alles hilft mir, zu meiner Entscheidung zu finden.“

Thomas Weigert (20): Demokratie braucht engagierte Jungwähler. Wählt, um extreme Parteien im Parlament zu verhindern! Foto: Weigert

Rund drei Millionen Erstwähler gibt es bei der Bundestagswahl. Die unter 30-Jährigen bilden sogar ein Sechstel der Wähler. Vor vier Jahren gingen 64,2 Prozent der Erstwähler an die Urnen. Jugendforscher gehen davon aus, dass die erste Wahl die jungen Leute für ihr weiteres Leben prägt. Gerade deshalb ist diese Altersgruppe so wichtig für die Parteien. Doch bereits nach der Wahlpremiere scheint das Interesse an der Politik schon wieder zu sinken. In der Altersgruppe der 21- bis 24-Jährigen machten 2013 nur 60,3 Prozent ihre Kreuzchen –und damit lagen sie mehr als zwölf Prozent unter der durchschnittlichen Wahlbeteiligung.

Jüngster Bundestagskandidat

Dominic Lenz aus Pyrbaum (Lkr. Neumarkt) ist da ganz anders veranlagt. Schon als Zwölfjähriger hat er sich für Politik begeistert. Sein Großvater nahm ihn mit zu Veranstaltungen der Freien Wähler. Nach und nach entwickelte der heute 19-Jährige eigene politische Interessen. „Mit der Flüchtlingspolitik hat es dann angefangen, dass ich immer unzufriedener wurde.“ Der BOS-Schüler suchte sich eine politische Heimat und fand sie bei den Linken. „Dort fühle ich mich am besten aufgehoben.“

Mit seinen 19 Jahren ist er jetzt der jüngste Direktkandidat für die Bundestagswahl. Seine Aufgabe sieht er vor allem darin, junge Menschen für Politik zu begeistern und ihre Themen zur Sprache zu bringen. In seinem Kreisverband in Neumarkt macht sich das Engagement bereits bemerkbar. Es gibt einen deutlichen Anstieg neuer Mitglieder, die jünger als 25 Jahre sind.

Die 2. MZ-Leserkonferenz

  • Am 6. September

    um 19 Uhr findet im Mittelbayerischen Verlagshaus an der Kumpfmühler Straße die zweite Leserkonferenz in diesem Jahr statt. Nach der Diskussion um die Glaubwürdigkeit von Medien steht diese zweite Veranstaltung ganz im Zeichen der bevorstehenden Bundestagswahl.

  • Eingeladen

    haben wir dazu regionale Vertreter all derjenigen Parteien, die nach den Umfragen der vergangenen Monate realistische Chancen auf einen Einzug in den Bundestag am 24. September haben. Das sind bisher die Union, die SPD, die Grünen, die Linke, die FDP und die AfD.

  • Zur Sprache kommen

    dabei die Anliegen unserer Leser, alle Fragen, Kritik und Anregungen, die ihnen schon lange auf den Nägeln brennen. Bewusst stehen an diesem Abend nicht die Politiker im Mittelpunkt. Moderiert wird die Veranstaltung von MZ-Redakteur Stefan Stark.

  • Einige Restplätze

    sind noch frei. Anmeldung per E-Mail an inge.passian@mittelbayerische.de oder an Inge Passian, Mittelbayerische Zeitung, Kumpfmühler Straße 15, 93047 Regensburg. Unter diesen Adressen können Leser auch Fragen einreichen. Wir geben sie an die Politiker weiter.

Mindestlohn, Mütterrente, Betreuungsgeld und die Flüchtlingskrise, das sind Themen aus der nun endenden Legislaturperiode. Aber wo kommen die jungen Wähler vor? Nach der Shell-Jugendstudie 2015 interessieren sie sich für Arbeit und Ausbildung, Sozialpolitik, Freiheit und Umweltschutz. Wahlentscheidend ist für viele auch die Haltung der Parteien gegenüber Flüchtlingen und Rechtspopulismus. Im Großen und Ganzen, so sagt Erstwähler Thomas Weigert, sind bei den Parteien die Themen der jungen Bevölkerung auch alle präsent. „Ich fühle mich nicht schlechter vertreten als die älteren Wähler.“

Wer steht für was?

Selina Bayes (20): Es ist aufwendig, sich vor der Wahl gut zu informieren. Nicht zu wählen wäre für mich aber keine Option. Foto: Krenz

Doch welche Partei nun für welche Inhalte steht, das ist schon nicht mehr so einfach festzustellen. „Es ist schwer, sich in den Parteiprogrammen zurechtzufinden. Da gibt es viel Gelaber und zu wenig verlässliche Aussagen“, sagt die Regensburger Studentin Selina Bayes. Dem pflichtet Sophie Irl bei, die derzeit eine Ausbildung zur Kauffrau im Büromanagement absolviert. „Ich würde mir eine klare Aussage dazu wünschen, was geleistet wurde und was in Zukunft geleistet wird.“ Auf Versprechen, die dann doch nicht eingehalten werden, sollten die Parteien nach Ansicht von Studentin Sarah Estor (21) ganz verzichten.

Emma Miesler (18): Jede einzelne Stimme hat Gewicht. Wer nicht zur Wahl geht, der stärkt Parteien wie die AfD. Foto: Krenz

Auch extreme Anschauungen sind etwas, womit die von unserem Medienhaus befragten jungen Wähler gar nichts anfangen können. „Weder im linken noch im rechten Parteienfeld“, wie sie betonen. Emma Miesler, die aus Dresden kommt und derzeit in Regensburg ein Praktikum macht, hat in ihrem Bekanntenkreis erlebt, wie die AfD schon unter Schülern Zuspruch findet. „Sie plaudern Parolen der AfD und der Pegida einfach unreflektiert nach. Daran sieht man, wo es hinführt, wenn junge Menschen sich nicht informieren.“

„Was sagt ein Post aus?“

Sarah Estor (21): Ich wähle, weil es eine Chance ist, in unserem Land mitzubestimmen. Foto: Krenz

In der Schule, auch da sind sich die Erstwähler einig, wird man nicht umfassend genug und zudem zu einem völlig falschen Zeitpunkt mit politischen Themen vertraut gemacht. „Vieles, was wir über die Parteien und das Wahlsystem gelernt haben, haben wir längst wieder vergessen, weil es im Lehrplan vermittelt wird, wenn man sich selbst noch kaum für Politik interessiert.“ Die fünf befragten jungen Frauen werden deshalb den Wahl-O-Mat nutzen, um herauszufinden, welche Partei ihren Anliegen und ihrem Meinungsbild am nächsten kommt. Thomas Weigert sagt, dass er durch die Diskussionen in Familie und Bekanntenkreis bereits zu einer Entscheidung gelangt sei.

Sophie Irl (21): Es ist wichtig, sich eine politische Meinung zu bilden und sie durch die Wahl deutlich zu machen. Foto: Krenz

In den Umfragen der Meinungsforschungsinstitute liegt die Union mit Kanzlerin Angela Merkel derzeit vor dem SPD-Herausforderer Martin Schulz. Für die Neumarkter Studentin Lea Gillich (19) kommt es bei der Wahl aber nicht allein darauf an, wer das beste Wahlkampfthema hat. Sie werde auch Sympathiepunkte vergeben, verrät sie. Dass Politiker genau deshalb auf YouTube-Kanälen, auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv sind, wird ihre Entscheidung allerdings nicht beeinflussen. „Das machen sie wegen der Zielgruppe und schon allein deshalb kann ich das nicht ernst nehmen.“ Auch Sarah Estor fühlt sich davon nicht angesprochen. „Dieser Versuch wirkt viel zu plakativ“, sagt die Studentin. „Was sagt ein Post darüber aus, wofür die Parteien stehen?“

Wir verschenken 1000 Web-Abos für Erstwähler. Hier gibt es mehr Informationen.

Keine Wahlkampfsprüche, sondern den direkten Austausch, das war auch das Ziel einer Veranstaltung der Kolpingjugend in der Diözese Regensburg. Unter dem Titel „Wählbar?!“ diskutierten Erstwähler mit den Direktkandidaten aus der Region.

„Aus den Rückmeldungen wissen wir, dass das für die Teilnehmer sehr hilfreich war“, sagt Markus Neft, der die Veranstaltung mitorganisiert hatte. Nach den Gesprächen durften die Jungwähler auch probehalber abstimmen. Die meisten Stimmen gab es für die CSU.

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