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Politik
Samstag, 25. November 2017 13° 3

Wahlen

Was für Wähler wirklich zählt

Steuern, Bürokratie und Natur sind Themen, die Menschen umtreiben. Vier Wähler sagen, was sie vom neuen Bundestag erwarten.
Von Marianne Sperb, MZ

„Wählen gehen!“ steht auf einem Sticker zur Bundestagswahl. Vier Menschen aus der Region erzählen, was sie sich vom neuen Bundestag wünschen: ein Unternehmer, ein Handwerker, ein Familienvater und ein Geringverdiener. Foto: dpa

Regensburg. Der Unternehmer: Hubert Döpfer

„Politik muss berechenbar sein“, sagt Hubert Döpfer. Kontinuität und Planbarkeit sind sein zentraler Wunsch an den neuen Bundestag. Die Döpfer-Schulen – private Berufsfachschulen, die mit staatlicher Anerkennung bundesweit im Sozial- und Gesundheitswesen ausbilden – brauchten für ihre Investitionen verlässliche Rahmenbedingungen, „wie alle Unternehmen“, sagt der Schulgründer aus Schwandorf. In einer Koalition von Union und FDP sähe er diese Verlässlichkeit garantiert, auch einer großen Koalition von SPD und Union traut er ein investitionsfreundliches Klima zu. „Und in der Investitionsfreude liegen Job-Sicherheit und Zukunft“, betont der Unternehmer. Der Abbau von Bürokratie, die Lockerung starrer Regelungen ist ein zweites Anliegen Döpfers an die Politik. „Brandschutz-Auflagen zum Beispiel – das ist für mich als Unternehmer ein Riesen-Thema. Aber ich bin Realist und glaube, die Vorschriften werden eher noch mehr.“ Mit der Steuerpolitik ist Döpfer im Großen und Ganzen zufrieden. „Damit kann ich leben.“ Was sich seiner Meinung nach ändern müsste: Zwischen „dem Millionär mit gigantischem Anlage-Vermögen“ und dem einkommensteuerpflichtigen Unternehmer, der seine Gewinne reinvestiert, müsste stärker differenziert werden. Die Steuerlast für Betriebe dürfe nicht weiter erhöht werden. Außerdem müsse die Politik mehr gegen drohende Altersarmut tun, so der Arbeitgeber von rund 700 Menschen. Es brauche stärkere Anreize und mehr Förderung der privaten Altersvorsorge.

Hubert Döpfer aus Schwandorf Foto: Döpfer

Der Geringverdiener: Johann Bognar

„Die Rente!“ Johann Bognar hat ein klares Anliegen an die Politik: auskömmliche Altersbezüge. Der Kraftfahrer hat ein Leben lang hart gearbeitet, sich zeitweise mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Private Altersvorsorge war „kaum drin“. Heute muss der 70-Jährige mit rund 700 Euro im Monat auskommen – während die Steuereinnahmen im Land sprudeln. Gerecht findet er das nicht. Eine Senkung der Mehrwertsteuer könnte ein richtiger Schritt sein, weil sie auch Geringverdienern zugutekäme. Allerdings zweifelt Bognar am Effekt: „Ich vermute, dass die Konzerne die Entlastung einbehalten und nicht an den Verbraucher weiter geben würden.“ Der Rentner stellt der Politik nur in einem Punkt uneingeschränkt gute Noten aus: „Der Arbeitsmarkt steht gut da. Es gibt genug Job-Angebote. Aber zu wenig geeignete oder gewillte Arbeitnehmer.“ Ein weiterer Wunsch an den neuen Bundestag: mehr Rücksicht auf Ressourcen. Die Natur würde immer stärker den wirtschaftlichen Interessen geopfert. Wem er am 24. September seine Stimme geben soll, ist für Bognar schwierig zu beantworten. Von der Linken bis zu SPD, Union und AfD: Keine der Parteien genießt sein Vertrauen. „Die Politiker sagen viele Dinge zu. Die Frage ist, ob sie ihre Ankündigungen umsetzen.“ Auch von einer großen Koalition erwartet sich Bognar „nicht viel“. Der 70-Jährige gehört zu den Politikverdrossenen im Land. „Manchmal überlege ich, ob ich überhaupt wählen gehen soll. Hält doch eh’ keiner seine Versprechen.“

Johann Bognar aus Regensburg Foto: Sperb

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Der Handwerker: Stefan Juglreiter

Bürokratie abbauen, so heißt das zentrale Anliegen von Stefan Juglreiter an den neuen Bundestag. Vorschriften, Dokumentationen, auch das Steuerrecht: „Vieles ist kompliziert, überreguliert oder sogar aufgeblasen bis zum Geht-nicht-mehr“, sagt der 46-Jährige, der in dritter Generation eine Schreinerei führt. Als Beispiele nennt er starre Arbeitszeitregulierung und verschärfte Entsorgungsvorschriften am Bau, die kaum einzuhalten seien. Am ehesten traut er der FDP zu, den Gesetzesdschungel zu lichten. Eine zweite wichtige Aufgabe der Politik sei es, den Akademisierungswahn einzudämmen. „Jeder studiert, und uns gehen die Fachwerker aus.“ Und: Das Problem magerer Renten dürfe nicht unterschätzt werden. „Wenn ich nur auf meine Mitarbeiter schau, die 45 Jahre lang einzahlen, und dann so wenig ausbezahlt bekommen...“ Den Zuzug von Flüchtlingen sieht der Handwerker kritisch. „Die Politik muss mehr darauf schauen, wer ins Land kommt und aus welchen Gründen“, meint er, und: „Integration muss zwingend sein. Nicht wir müssen uns anpassen, sondern der, der kommt.“ Insgesamt gesehen, würde sich Juglreiter am ehesten mit einer Schwarz-Gelben Koalition wohlfühlen. „Das Schlimmste wäre wieder eine Große Koalition.“ Es gehe dem Land zwar gut, aber: „Ein Weiter-so wird nicht funktionieren. Dann wird wieder nur rumgewurschtelt und auf dem kleinsten Nenner regiert.“ Wählen ist für den Rodinger ein Muss: „Wer nicht wählt, kann nachher auch nicht schimpfen.“

Stefan Juglreiter aus Roding Foto: Juglreiter

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Der Familienvater: Martin Götzfried

Martin Götzfried hat als Vater von drei Kindern (16, 14 und 11) bei der Wahl vor allem ein Thema im Blick: den Umgang mit der Zukunft. Klimawandel und Ökologie rangieren für den Informatiker in der Prioritätenliste ganz vorn, und er weiß ziemlich klar, bei welcher Partei er diese Themen gut aufgehoben findet: bei den Grünen. „Aber das schlägt in der Politik leider nicht durch, weil die Grünen nicht an der Regierung beteiligt sind.“ Ein zweites Anliegen des 52-Jährigen: gute Bildung. „Was mir missfällt: die Planlosigkeit, etwa beim G8, und der hohe Unterrichtsausfall.“ Bildung gehört seiner Meinung nach nicht zur Kernkompetenz der Grünen, aber anderen Parteien traut er vernünftige Schulpolitik auch nicht zu. Die Versprechen von Union und SPD überzeugen ihn nicht: „Sie hatten es ja schon bisher in der Hand, etwas zu ändern.“ Und „die Klientelpartei FDP“, die Bildung in ihrem Programm großschreibt, hält er für unglaubwürdig. Ein dritter Punkt, auf den es ihm bei der Wahl ankommt: Unterstützung für Familien, etwa bei den Kita-Kosten. Der Regensburger war rund zehn Jahre lang der Alleinverdiener im Haus, „glücklicherweise mit relativ hohem Einkommen“, aber: Nicht allen gehe es so gut. Kinder brauchen nicht nur Ausbildung, sondern später auch Aussicht auf einen Job. In Sachen Wirtschaftskompetenz traut Götzfried der Union am meisten zu. Nicht zu wählen, ist für ihn übrigens keine Option: „Das hab’ ich schon von meinen Eltern gelernt: Wer nicht wählt, der kann auch nicht mitwirken.“

Martin Götzfried aus Regensburg Foto: Götzfried

Analysen, Einschätzungen, Hintergründe – alles rund um die Bundestagswahl finden Sie unter: www.mittelbayerische.de/bundestagswahl

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