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Politik
Montag, 30. Mai 2016 21° 6

Nahost

Wem gehört das Land Israel?

David Katzar ist gläubiger Zionist, Abu Hassan palästinensischer Aktivist. Wir haben die Frage gestellt, die beide umtreibt.
Von Jana Wolf, MZ

Muslimische Frauen laufen vor dem Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem. An diesem Ort entlädt sich immer wieder der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Foto: Jana Wolf

Jerusalem.David Katzar ist in dem Land angekommen, das er „unser Land“ nennt. 48 Jahre hat er in Deutschland gelebt, genauer gesagt in Regensburg. Jetzt, da er mit seiner Familie nach Israel ausgewandert ist, muss er keine lästigen Fragen mehr beantworten, warum er eine gehäkelte Kappe auf dem Kopf trägt. Er muss nicht mehr erklären, warum Fleisch und Milchprodukte bei ihm nicht auf einen Teller kommen. Und er muss sich nicht mehr dafür rechtfertigen, warum er seine Kinder nach der Tora erzieht. Wenn Katzar „unser Land“ sagt, dann meint er nicht nur die neue Heimat seiner Familie, wo er seine Kinder erziehen will und sich verwurzelt fühlt. Er spricht auch vom Gelobten Land, auf das die Juden ein Recht hätten. „Niemand wird uns hier wegbringen“, davon ist der gläubige Jude überzeugt.

Vor zwei Jahren ist der 50-Jährige, der die Jüdische Gemeinde in Regensburg leitete, mit seiner Familie nach Tal Menashe gezogen. Das 600-Einwohner-Dorf liegt in den besetzen Gebieten im Nordwesten des Westjordanlandes. „Wir sind die sogenannten Siedler“, sagt Katzar mit einem ironischen Unterton. Dabei ist es ihm eine ernste Angelegenheit. Die Grenzen Israels reichen vom Mittelmeer bis zum Jordan. Das ist für Katzar nicht verhandelbar.

Für den Frieden kämpfen

Abu Hassan bezeichnet religiöse Zionisten wie David Katzar als „Fanatiker“. Aus Sicht des Palästinensers hätten die Juden kein ernsthaftes Interesse daran, Frieden zwischen Israel und Palästina zu schließen und zwei Staaten zu gründen. „Ihr Ziel ist ein großes Israel“, sagt der Aktivist. „Wenn ein Staat Palästina gegründet werden würde, wäre für sie dieser Traum zu Ende.“ Abu Hassan ist in Jerusalem geboren, genauso wie sein Vater und Großvater. Der 50-Jährige ist mit einer Deutschen verheiratet und zieht seine beiden Töchter in der heiligen Stadt auf. Doch Abu Hassan ist nicht religiös. Jerusalem ist seine Geburtsstadt, hier will er auch alt werden.

„Die Zionisten haben kein Interesse daran, Frieden zu schaffen und zwei Staaten zu gründen. Ihr Ziel ist ein großes Israel.“

Abu Hassan, palästinensischer Aktivist

Bis zum Tod Jassir Arafats im Jahr 2004 hat Abu Hassan in der Palästinensischen Autonomiebehörde gearbeitet, einer quasistaatlichen Einrichtung mit Sitz in Ramallah. Im Auftrag der Behörde ist er durch das Westjordanland gereist und hat in Dörfern, an Schulen und Universitäten Workshops zur politischen Aufklärung gegeben. Die Motivation dahinter erklärt Abu Hassan so: „Wir wollten den Leuten die Hoffnung geben, dass wir für beide Seiten Frieden und eine Zweistaatenlösung erreichen können.“

In der Tradition der zionistischen Bewegung

Israel ist der einzige Staat der Welt, in dem Juden eine Bevölkerungsmehrheit bilden. Hier spazieren orthodoxe Juden am Strand von Tel Aviv entlang. Foto: Jana Wolf

Die Hoffnung auf Frieden teilt auch David Katzar. Die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung dagegen nicht. Für ihn ist klar, dass die Juden allein Anspruch auf dieses Land hätten. Damit meint er das biblische Großisrael, das das Gebiet des heutigen Israels und Westjordanlands einschließt, sich nördlich in den Libanon und nach Syrien und östlich nach Jordanien erstreckt. Mit seiner Forderung steht er in der Tradition einer zionistischen Bewegung, die die zerstreuten Juden weltweit aus dem 2000-jährigen Exil ins Land der Vorfahren zurückbringen will. Der Glaube ist dabei mit dem politischen Territorialanspruch verknüpft. Für David Katzar ist das Judentum nicht nur eine Religion, es ist auch eine nationale Identität.

„Israel ist unser Land. Und niemand wird uns hier wegbringen.“

David Katzar, gläubiger Zionist

Er und seine Frau Ruth sind keine gebürtigen Juden, sondern beide noch in Deutschland konvertiert. Ihre Kinder Rivka, Jehoschua und Tali sprechen mittlerweile fließend Hebräisch; die Älteste besucht ein religiöses Internat. Katzar ist überzeugt davon, dass er seinen Kindern in Israel ein positives Bild des Glaubens vermitteln kann. In Deutschland sei das Judentum noch immer mit Shoa und Holocaust besetzt. Auch die aktuellen politischen Entwicklungen in Europa beobachtet Katzar mit Sorge: Aus seiner Sicht gibt es einen neuen Antisemitismus.

Ein Thema – zwei unversöhnliche Meinungen

Was sagt der Palästinenser? Was sagt der Israeli? Lesen Sie hier zwei Statements: Abu Hassan sagt, dass viele Palästinenser zunehmend die Hoffnung auf Frieden verlieren. David Katzar hält dagegen und findet, dass gezielt Hass gegen Juden geschürt wird.

Die Besatzung muss ein Ende haben

Abu Hassan sieht den Kern des gewaltvollen Israel-Palästina-Konflikts in der israelischen Besatzung. Die Ausweitung des Territoriums und der Siedlungsbau sind für ihn nicht eine religiöse Verheißung, sondern harte politische Realität. „Sie nehmen mein Land ein, nehmen mein Wasser und demütigen meine Leute“, sagt er. Im Alltag könnten Palästinenser nicht aus dem Haus gehen, ohne durchsucht zu werden, erklärt Abu Hassan. Junge Leute würden oft zu spät zum Unterricht oder gar nicht in die Schule kommen, weil sie an Checkpoints oder bei Straßenkontrollen aufgehalten würden. Er beobachtet, dass die Menschen frustriert und sauer sind, weil sich an ihrer Situation nichts ändert.

Auch wenn Abu Hassan weiterhin für eine Zweistaatenlösung einsteht, spricht doch Ernüchterung aus ihm: „Wieso gab es die Oslo-Verträge und die ganzen Friedensvereinbarungen, wenn sich nichts ändert?“, fragt er. Frieden könne es aus seiner Sicht nur geben, wenn Israelis und Palästinenser politisch auf einer Ebene stehen und gleiche Rechte haben. „Dann können wir anfangen, auf Augenhöhe über Sicherheit und Menschlichkeit zu diskutieren“, sagt er. Der einzige Weg dorthin sei ein Ende der Besatzung.

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