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Politik
Donnerstag, 21. September 2017 19° 3

Gesellschaft

Wir müssen wieder reden

Ob öffentlich oder privat: Anstelle von Argumenten tritt Lautstärke. Wie kommen wir miteinander wieder ins Gespräch?
Von Anja Martin

Anja Martin ist Sprecherin des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS).

Wir müssen reden! – Viele Beziehungsgespräche beginnen mit diesem Satz. Manchem mag sich der Magen drehen, weil er einen Manipulationsversuch wittert. Andere mögen aufatmen: Endlich findet einer den Mut, aus einer unerträglichen Situation auszusteigen, in der Partner sich sprachlos oder unversöhnlich im Endlosstreit gegenüberstehen.

So oder so: Ums Miteinanderreden führt auf Dauer kein Weg herum, will man gedeihlich und friedlich zusammenleben. Das gilt für Beziehungen wie für Gesellschaften. Doch beschleicht mich der Verdacht, dass wir uns (nicht nur) in Deutschland schwertun, diese Erkenntnis umzusetzen. Ob in öffentlichen oder privaten Diskussionen über politische Fragen: Schnell gewinnen Vorwürfe und Unterstellungen, Polarisierung und Rechthaberei die Oberhand. Dann wird nicht argumentiert, sondern diffamiert, geschrien statt geredet. Ich spreche mich selbst davon nicht frei.

Unzählige Kommentare und Artikel haben diese unerträgliche und Demokratie zersetzende Situation bereits trefflich beschrieben. Mit wenigen Ausnahmen formulieren sie am Ende jedoch klare Schuldzuweisungen: Mal steht die Political Correctness am Pranger, mal sind es die Ängste sogenannter Modernisierungsverlierer, mal abfällig als Gutmenschen titulierte Engagierte, besonders gerne irgendwelche Eliten. Doch Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Sie schlagen Türen zu, statt sie zu öffnen.

Und doch scheint es einfacher, weiter aufeinander herumzuhacken, als miteinander ins Gespräch zu kommen, irgendwie sicherer, schnell die vermeintlich richtige Lösung zu präsentieren, als einander zuzuhören. Weil wir lieber Recht haben als zuzugeben, nicht weiter zu wissen?

Globalisierung, Klimakatastrophe, Terrorismus, demografischer Wandel, Zuwanderung – es wächst einem über den Kopf, dieses Knäuel wild miteinander verwobener Probleme. Und es wächst das beängstigende und beschämende Gefühl, Entwicklungen nicht mehr gestalten zu können, sondern ihnen nur noch hinterherzulaufen. Als sei man auf der Flucht – wie im Krieg. Da verwundert nicht, dass Kriegs- und Vernichtungsrhetorik längst Einzug in Diskussionen erhalten haben. Da ist von Verrat, Betrug und Kampf die Rede, da wird aufgerufen, die „Volksverräter“ aus den Parlamenten zu jagen.

Und die Medien stecken im Dilemma zwischen Chronistenpflicht und unfreiwilligem Steigbügelhalter. So wird verbalen Grenzübertritten prominenter Populisten oft mehr Sendezeit eingeräumt, als all denen, die am Funktionieren tragfähiger gesellschaftlicher Beziehungen arbeiten.

Es bleibt die Frage: Wie kommen wir raus aus dem Gegeneinander? Klar ist, das geht nur mit denen, die dazu bereit sind. Menschen, die Gewalt verherrlichen, zu Gewalt aufrufen oder Hetze betreiben, sind ein Fall für die Justiz. Klar ist aber auch: Wir werden uns nie alle einig. Das ist auch nicht das Ziel. Aber wir müssen uns einigen, wie wir miteinander streiten.

„Zuhören, argumentieren und nicht vorverurteilen“, bringt es Jacqueline Schäfer, Präsidentin des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), auf den Punkt. „Was wir wieder lernen müssen, ist Anerkennung der anderen Meinung ohne Aufgabe der eigenen Haltung oder Etikettierung des Gegners, Streit in der Sache ohne Schläge unter die Gürtellinie und Zutrauen in demokratische Strukturen.“

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