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Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

Gesellschaft

Wo das Leben am längsten währt

Wie lange man lebt, hängt unter anderem vom Wohnort ab. Die regionalen Unterschiede sind groß, auch in Ostbayern.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Wer arm ist, hat meist auch mit sozialer Ausgrenzung zu kämpfen. Foto: dpa

Regensburg.Felsengebirge, Biotope und rundherum der Pfälzer Wald: Pirmasens in Rheinland-Pfalz liegt inmitten einer idyllischen Landschaft. Doch nirgendwo sonst in Deutschland ist die Lebenserwartung niedriger dort. Dabei ist die ehemalige Schuhmetropole, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat, nur ein besonders deutliches Beispiel für das bundesdeutsche Gefälle bei den durchschnittlichen Chancen auf ein langes Leben. Die Unterschiede sind groß, auch in Bayern. Das zeigen Zahlen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Berlin.

Die höchste Lebenserwartung in ganz Deutschland haben Männer demnach im wohlhabenden Starnberg. Sie werden im Schnitt 81,3 Jahre alt. Es folgen der Landkreis München und der teure Hochtaunuskreis bei Frankfurt (jeweils 80,9), Böblingen in Baden-Württemberg (80,8), der Bodenseekreis und der Landkreis Ebersberg bei München (80,7 Jahre). Ein ganz anderes Bild zeigt sich beim Blick auf Ostbayern. So werden Männer in Weiden in der Oberpfalz zum Beispiel im Schnitt nur 75,5 Jahre alt, in der Stadt Amberg 75,9 und in Landkreis Cham 77 Jahre. Spitzenreiter in der Region ist der Landkreis Regensburg mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 78,9 Jahren für Männer.

Münchnerinnen haben gute Karten

Bei Frauen ist die Lebenserwartung im Schnitt generell höher als bei Männern. Spitzenreiter bei den Frauen ist der Kreis Breisgau-Hochschwarzwald mit durchschnittlich 85 Lebensjahren, dicht gefolgt von München (84,6 Jahre). Aber auch in Starnberg werden Frauen relativ alt, im Schnitt 83,6 Jahre. Schaut man auf Ostbayern, sticht wieder Weiden hervor, allerdings nicht positiv: Hier werden Frauen im Schnitt nur 79,8 Jahre alt. Zum Vergleich: In der Stadt Amberg sind es 80,3 Jahre, in Cham 82,5 und im Landkreis Regensburg 83 Jahre.

Die Deutschlandkarte des Bundesinstituts BBSR zeigt Regionen mit hoher Lebenserwartung in sattem rotbraun – vor allem Teile Bayerns, Baden-Württemberg und Hessens sind so eingefärbt. Bundesdeutsches Schlusslicht bei der durchschnittlichen Lebenserwartung von Frauen ist Pirmasens mit 77,1 Jahren. Auch Männer leben in der Stadt in Rheinland-Pfalz so kurz wie sonst nirgendwo in Deutschland (73 Jahre), dicht gefolgt von Hof (73,5 Jahre), Emden in Ostfriesland (73,6), Suhl (73,9) und Straubing in Niederbayern (74,5).

Strukturschwache Regionen

Die ehemalige Schuh-Hochburg Pirmasens im Pfälzer Wald ist eine Stadt mit Strukturproblemen und einer hoher Verschuldung. Eine eher geringe Lebenserwartung gibt es generell auch in weiten Teilen Ostdeutschlands, im Ruhrgebiet, in Teilen des Saarlands oder Frankens – also in eher strukturschwachen Regionen. Die geografische Lage ist nicht für diese Unterschiede verantwortlich. So beträgt die Lebenserwartung zum Beispiel in Gelsenkirchen im Ruhrgebiet bei den Männern im Schnitt nur 75,2 Jahre – in der 70 Kilometer entfernten Universitätsstadt Münster liegt sie 4,3 Jahre höher.

Kommentar

Armutszeugnis

Statistiken sind keine in Stein gemeißelten Wahrheiten, aber sie können Denkanstöße geben. Wenn ein Starnberger im Schnitt gut 81 Jahre alt wird, ein Mann...

Schlechte Lebensbedingungen

„Wer arm ist, muss früher sterben“, sagt Armutsforscher Christoph Butterwegge, Professor für Politikwissenschaft in Köln. Er macht dafür zwei Ursachen verantwortlich: soziale Unterschiede und eine schlechtere medizinische Versorgung. „Arme arbeiten und wohnen meist ungesünder als Reiche, außerdem haben sie keinen Zugang zu medizinischen Privilegien“, so Butterwegge.

Der Kölner Armutsforscher und Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge ist überzeugt, dass arme Menschen in Deutschland schlechter medizinisch versorgt sind. Foto: dpa

Er fordert daher eine Abschaffung der Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung. „Wer wohlhabend ist, kann sich bei uns aus der Solidarität verabschieden und zahlt bei der Behandlung von teuren Krankheiten der Ärmeren nicht mit.“ Er plädiert stattdessen für eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen, auch Freiberufler, Beamte und Abgeordnete. Darüber hinaus besteht nach Ansicht des Armutsforschers dringend Handlungsbedarf bei der Steuerpolitik. „Reiche müssen stärker besteuert werden.“ So sei es aus seiner Sicht wichtig, wieder eine Vermögensteuer zu erheben und eine vernünftige Reform der Erbschaftssteuer umzusetzen. „Aber genau das blockiert die CSU.“

Dass die Lebenserwartung in einer Beziehung zum Einkommen steht, zeigen auch Daten des Robert Koch-Instituts (RKI). Unterteilt man die Einkommensgruppen grob in fünf Teile, dann macht der Unterschied zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe bei Männern mehr als zehn Jahre aus. Bei Frauen unterscheidet sich die Lebenserwartung immerhin noch um gut acht Jahre. Das RKI hält auch einen Zusammenhang von Krankheit und sozialem Status für erwiesen: Bei schweren Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes oder chronischen Lungenerkrankung sind Sozialschwächere deutlich häufiger betroffen.

Die Zahlen des BBSR hat die Linken-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann ermittelt. In einer Anfrage der Abgeordneten dazu räumt die Bundesregierung ein, „dass günstigere sozioökonomische Bedingungen in der Wohnregion mit einer höheren Lebenserwartung einhergehen“. Ursache seien Unterschiede bei Bildung, aber auch beim Rauchen, der Ernährung und der Bewegung – sowie bei den Arbeits- und weiteren Lebensbedingungen. (Mit Material von dpa)

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