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Politik
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Nahost

Zwei heilige Feste und ein harter Kampf

Juden wie Muslime feiern am Mittwoch das höchste Fest im Jahr. Gewalt ist vorprogrammiert, die Lage in Israel ist instabil.
Von Jana Wolf, MZ

Palästinensische Frauen erheben den Koran als Zeichen ihres Proteste gegen jüdische Besucher auf dem Tempelberg in Jerusalems Altstadt. Foto: afp

Jerusalem.Die Provokationen und gewaltvollen Kämpfe in Jerusalem halten seit Tagen an. Blendgranaten und Wasserwerfer von Seiten der israelischen Sicherheitskräfte, Steine und Molotowcocktails von palästinensischen Demonstranten. Pünktlich zum Beginn des jüdischen Neujahrfest Rosch Haschana am 13. September ging es los mit den Ausschreitungen. Und heute ist die Gefahr groß, dass sie erneut hochkochen.

Denn zwei große Feiertage fallen an diesem Mittwoch zusammen: das jüdische Versöhnungsfest Jom Kippur und das muslimische Opferfest Eid al-Adha. Für beide Religionen ist es der wichtigste und heiligste Feiertag im Jahr. Juden feiern an Jom Kippur den Höhepunkt der zehn Bußtage, die an Rosch Haschana („Haupt des Jahres“) beginnen. Reue und Einkehr werden an diesem Tag zelebriert. Zu Hause wird ein Licht für verstorbene Angehörige entzündet und vom Vorabend bis zum folgenden Abend auf Essen und Trinken verzichtet. Für Muslime bedeutet das Opferfest dagegen den Höhepunkt der großen Wallfahrt nach Mekka, die traditionell im islamischen Monat Haddsch begangen wird. Im Islam wird heute des Propheten Abraham gedacht und ein Opfertier geschlachtet, um Gott zu danken.

Während Juden diesen Tag als strengen Fastentag im Kreis der Familie begehen, grillen und feiern Muslime häufig ausgelassen auf den Straßen der Stadt. In Jerusalem, wo sich die Gebetsorte rund um den Tempelberg auf kleiner Fläche konzentrieren, prallen die unterschiedlichen religiösen Kulturen besonders harsch aufeinander.

Kleinkaliber gegen Demonstranten

Eine neue Regelung der israelischen Regierung erlaubt es Sicherheitskräften, Kleinkaliberwaffen gegen Steinewerfer einzusetzen. Foto: afp

Das birgt auch politischen Sprengstoff. Die Kämpfe der vergangenen Tage haben gezeigt, wie angespannt die Lage ohnehin schon ist. 26 Palästinenser sollen innerhalb von drei Tagen verletzt worden sein. Die israelische Polizei sprach am Sonntag von 27 Festnahmen in Jerusalem und weiteren zwölf im Westjordanland. Ein 64-Jähriger Autofahrer kam vergangene Woche ums Leben, nachdem sein Wagen mit Steinen beworfen wurde und er die Kontrolle über das Fahrzeug verlor.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ging soweit, einen „Krieg gegen Werfer von Steinen und Brandsätzen“ auszurufen. Die israelische Regierung beriet derweil über den Einsatz schärferer Munition gegen palästinensische Demonstranten. Eine neue Regelung erlaubt es israelischen Sicherheitskräften, Schüsse aus Kleinkalibergewehren auf Steinewerfer abzufeuern. Wie Netanjahu am Sonntag bekanntgab, sei diese Erlaubnis am Wochenende bereits angewendet worden.

Israelische Sicherheitskräfte bewachen das Gelände, während palästinensische Muslime an den Freitagsgebeten im Ost-Jerusalemer Stadtteil Ras al-Amud teilnehmen. Foto: afp

Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen kritisieren das israelische Vorgehen scharf. Die Organisation B’Tselem warnte eindringlich vor dem Einsatz scharfer Munition. Seit Jahresbeginn seien drei Palästinenser im Westjordanland an Schüssen aus Kleinkaliberwaffen gestorben. Die Bürgerrechtsorganisation „Association of Civil Rights“ (ACRI) forderte laut der Tageszeitung Haaretz vom Freitag, das erhöhte Sicherheitsaufgebot in Jerusalem zu stoppen. ACRI kritisierte das israelische Aufrüsten als inakzeptabel und illegal, da es sich nur gegen eine spezifische Gruppe der Bevölkerung (die palästinensische, Anm. d. Red.) richte.

Kommentar

Versöhnung geht anders

Kleinkalibergeschosse gegen Steinewerfer und Molotowcocktails gegen Sicherheitskräfte – in Jerusalem herrscht derzeit ein kriegsähnlicher Zustand. Frieden...

Aufgrund der Kämpfe hat der UN-Sicherheitsrat alle Beteiligten zu Ruhe und Zurückhaltung aufgerufen. Das höchste UN-Gremium äußerte am Donnerstag seine „ernste Sorge“ über die Zusammenstöße zwischen muslimischen Demonstranten und der israelischen Polizei und drängte sie dazu, den historischen Status quo der heiligen Stätte „in Worten und Taten“ zu achten. Auch die Europäische Union und das US-Außenministerium forderten zu Ruhe und Zurückhaltung auf.

Der Tempelberg als Mikrokosmos

Muslime richten Rufe gegen Juden, die in den Gassen der Jerusalemer Altstadt beten und dabei von israelischen Sicherheitskräften bewacht werden. Foto: dpa

Dass sich die Konflikte rund um den Tempelberg entzünden, ist kein Zufall. Das Hochplateau in Jerusalems Altstadt ist die heiligste Stätte im Judentum und die drittheiligste im Islam, nach Mekka und Medina. Der Ort gilt als Mikrokosmos des israelisch-palästinensischen Konflikts. Seit der israelischen Besetzung Ost-Jerusalems 1967 kommt es immer wieder zu Konflikten, die nie vollständig ausgesöhnt wurden. Der Tempelberg steht unter israelisch-jordanischer Verwaltung, was Palästinenser von der Mitbestimmung ausschließt. Experten befürchten einen politischen Flächenbrand in Israel, wenn die Lage weiter eskaliert.

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