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Politik
Freitag, 24. November 2017 13° 2

Kommentar

Zwischen den Welten

Ein Kommentar von Holger Schellkopf, MZ

Die einen haben es schon immer gewusst, die anderen wollen noch immer nichts wahrhaben. Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln (und wohl anderen deutschen Städten ) sind längst nicht aufgeklärt, unzählige Fragen gar nicht oder nur sehr mangelhaft beantwortet – und doch reicht das, was bisher tatsächlich oder vermeintlich bekannt ist erstaunlich vielen Menschen aus. Mit Begeisterung werden Gerüchte in Tatsachen verwandelt, werden vorhandene Verdachtsmomente als erfundenes Mittel zum Zweck diskreditiert.

Es gibt noch immer zu viele Fragezeichen

Dabei gibt es noch immer zu viele Fragezeichen, um die richtigen und wirklich notwendigen Schlüsse aus den Ereignissen ziehen zu können. Warum hat die Polizei nicht eingegriffen, obwohl es doch angeblich sogar nicht abgerufene zusätzliche Einheiten gegeben hat? Wie kann es sein, dass Hunderte von Frauen massiv bedrängt und belästigt werden, ohne dass dies den anwesenden Beamten ausreichend bewusst wurde? Wie sind die Ungereimtheiten in und zwischen den unterschiedlichen Polizeiberichten zu erklären? Und auch: Warum gibt es bis heute weder Foto- noch Video-Aufnahmen von den Übergriffen aus der Nacht von Köln, obwohl doch Tausende junger Menschen mit ihren Smartphones vor Ort waren? Vielleicht gibt es auf diese Fragen ganz einfache und plausible Antworten, allein: Sie müssen im Laufe der Ermittlungen auch wirklich gegeben werden.

Wenig besser sieht es bei der Frage nach den Tätern aus. Eigentlich scheint bisher nur klar zu sein, dass es sich offensichtlich um „Männer nordafrikanischer oder arabischer Herkunft“ handelt. Lassen wir mal außer Acht, woran man diese Herkunft wirklich erkennt. Wesentlich spannender ist, wie diese Männer derart außer Kontrolle geraten konnten und ob eine Wiederholung solcher Szenarien droht – und welche Schlüsse man daraus ziehen muss.

Als würde es das Problem sexualisierter Gewalt in Deutschland nicht schon immer geben

Man kann es sich natürlich leicht machen und nach der Verschärfung der Asylgesetze schreien. Man kann Ängste instrumentalisieren, um eigene Interessen zu manifestieren. Man kann immer auf andere zeigen. Wie so etwas geht, führt die CSU geradezu in Perfektion vor. Vielleicht auch, weil dieses Geschrei die unangenehmen Nebengeräusche übertönt. Man kann dann so tun, als hätte es das Problem sexualisierte Gewalt in Deutschland nicht schon immer gegeben – sonst kommt ja noch jemand auf die Idee, dass zuallererst das Sexualstrafrecht überarbeitet werden muss. Dabei wird in Kauf genommen, dass die rechten Brandstifter sich noch mehr bestätigt fühlen. Wohin das führt, zeigt jetzt Köln. Dort rottete sich bereits allerlei Gesindel zusammen, um Jagd auf Fremde zu machen.

Zur unangenehmen Wahrheit gehört gleichzeitig, dass es eben auch einen gewissen Zusammenhang zwischen kultureller Herkunft, sozialem Status und Lebensperspektiven auf der einen sowie einem tendenziell frauenverachtendem Menschenbild auf der anderen Seite geben kann. Nur wer das akzeptiert, wird erstens der großen Masse an rechtschaffenen Menschen mit dem so genannten Migrationshintergrund gerecht und kann zweitens existierenden Problemen begegnen.

Häufig entsteht die Kritik , weil schon unangenehme Fragen nicht in das zurechtgelegte Weltbild passen.

Zwischen den Hetzern und den Verharmlosern stecken häufig wir als Medien. Von allen Seiten werden wir mit den absurdesten Vorwürfen konfrontiert. Selbst wenn man die Idioten und rechten Dumpfbacken inklusive der üblichen Polit-Populisten abzieht, deren lächerliche Verschwörungstheorien und Drohungen ignoriert, bleibt eine erstaunliche Menge an Kritik. Die ist zum Teil berechtigt, hier müssen wir genauer hinschauen. Häufig entsteht die Kritik aber, weil schon unangenehme Fragen nicht in das zurechtgelegte Weltbild des Einzelnen passen. Genau an dieser Stelle, zwischen den Welten quasi, sind wir richtig. Denn nur wenn wir diese unangenehmen Fragen stellen, dann werden wir am Ende auch brauchbare Antworten bekommen. Dann zählen echte Fakten mehr als wirre Theorien. Dann können wir Lösungen finden.

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