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Politik
Montag, 26. Juni 2017 27° 5

Reaktionen

Zwischen Entsetzen und Abwarten

Die Menschen in der Region sind bestürzt über Donald Trumps Wahlsieg – und erwarten wenig Gutes vom neuen US-Präsidenten.
Von Marianne Sperb, MZ

Donald Trump (Mitte) mit Vizepräsident Mike Pence (links) und seinem Sohn Barron (rechts): Die Menschen in der Region Regensburg reagierten am Mittwoch überrascht und bestürzt auf den Wahlsieg. Foto: dpa

Regensburg. Politikern wirft man gern vor, dass sie Wahlversprechen brechen. Bei Donald Trump ist es gerade umgekehrt: Viele hoffen, dass er nicht tut, was er angekündigt hat. Politiker, Künstler, Sportler oder Wissenschaftler aus der Region: Sie reagierten am Mittwoch durch die Bank verblüfft, vielfach bestürzt, auf den Wahlausgang. Einer von ihnen: Professor Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg.

Der Amerikanist kennt die USA ausgezeichnet. Er forschte in Michigan, Colorado und an der Harvard University. Trotzdem war er so überrascht wie die meisten Menschen, als sich der Sieg abzeichnete – auch im Audimax, bei der US-Wahlparty mit gut 1600 Menschen. „Wir lagen alle falsch“, sagt Hebel. Das System der Wahlprognose habe im Fall Trump versagt.

Er vermittelte den „amerikanischen Traum“

Für den Erfolg des Tycoons gebe es viele Erklärungsmöglichkeiten. „Aber es bleibt ein Rest an Unerklärlichem.“ Offenbar sei Trump für die „armen weißen Männer“ doch mehr Projektionsfläche als angenommen. Den amerikanischen Traum, den Trump auch nach seinem Sieg zitierte, den Glauben: Jeder kann es schaffen – den habe Trump offenbar stärker vermittelt, als es viele wahrhaben wollten, sagt Hebel. Die Attraktivität des Polit-Rabauken für Wähler, die sich vergessen fühlen, wurde „nicht genug angeschaut“. Trump sei wohl doch nicht so unamerikanisch, wie er vielen schien.

„Wir müssen das Ergebnis der US-Wahl akzeptieren“, sagt Hebel auch. „Das heißt nicht: zu akzeptieren, was Trump sagt.“ Mit Blick auf die Außenpolitik vertraut der Wissenschaftler darauf, dass hier – unabhängig von Personen – klare vitale nationale Interessen regieren. „Ob Trump jetzt wirklich als erstes zu Putin nach Moskau reist – das muss man erst mal sehen.“ Ganz ohne Weiteres werde auch Trump die US-Außenpolitik nicht völlig über den Haufen werfen. Andererseits sei der Präsident von einem „geradezu egomanischen Sendungsbewusstsein getrieben“ und damit nicht zu unterschätzen.

Professor Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg und Amerikanist: Er sagt, Trump habe den amerikanischen Traum offenbar besser vermitteln können, als viele wahrhaben wollten. Foto: Archiv

Hebel denkt nicht, dass der Ausgang der Wahl das amerikanische System und die Nation komplett aus den Angeln heben wird. Trumps Sieg bedeute aber die Aufforderung an Europa, wachsam darauf zu blicken, wie die Länder in einer immer globaleren Welt zusammenwachsen können. „Wir müssen uns in Europa anschauen, wie wir mit der Politik Trumps umgehen und was wir mittragen können.“ Dazu brauche es ein konkretes, nachvollziehbares Programm. Aus europäischer und deutscher Sicht müssten jetzt klare Wertvorstellungen positioniert werden.

„Die USA sind sehr vielfältig, sehr bunt – und ein sehr sehr paradoxes Land. Mit einer einzigen Erklärung kommt man da nicht weit.“

Prof. Dr. Udo Hebel

„Die USA sind sehr vielfältig, sehr bunt – und ein sehr sehr paradoxes Land. Mit einer einzigen Erklärung kommt man da nicht weit.“

Trumps Aussagen über Frauen, über Minderheiten und Einwanderer, Gewalt gegen Afroamerikaner, über wirtschaftlichen Protektionismus, die Nato und über Außenpolitik: „Es gibt auf vielen Feldern Grund zur Sorge“, meint Hebel. Eine entscheidende Frage heiße: Eine wichtige Frage heiße: Wer wird Stabschef? Wer wird Minister? Anders als etwa Seiteneinsteiger Ronald Reagan agiere Trump weitgehend losgelöst vom politischen System. „Das kann ein sehr gefährlicher Punkt sein.“

Markus Huber, Exportberater bei der IHK Regensburg: Er warnt vor Panik und sagt: „Wir müssen jetzt dynamisch abwarten.“ Foto: MZ-Archiv

„Buy american“ ist eins der Schlagworte von Trump. Bayern horcht da auf. Für den Freistaat sind die USA Handelspartner Nummer eins. 2015 exportierte Bayern Waren für 23 Milliarden Euro in die USA, 16 Prozent mehr als 2014. Stark nach oben zeigt auch der Import aus den USA nach Bayern, mit mehr als 12 Milliarden Euro Volumen (22 Prozent mehr als 2014). Die vielen Geschäftsbeziehungen und Netzwerke dürften auch nach Trumps Sieg nicht plötzlich gekappt werden, schätzt Markus Huber.

„Wir müssen jetzt einfach dynamisch abwarten.“

Markus Huber

Der Exportberater bei der IHK Regensburg, professioneller Ansprechpartner für 1500 Unternehmen der Region, bezweifelt, dass der neue Präsident die USA tatsächlich so stark isolieren wird wie er es angekündigt hat. „Aber: er ist auch unberechenbar.“ Huber warnt vor Panik: Auch nach dem Brexit folgte auf Schock und Ernüchterung eine Normalisierung. „Wir müssen jetzt einfach dynamisch abwarten.“

Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs glaubt: Der emotionalisierte Wahlkampf, wie ihn die USA erlebt haben, wird Schule machen. Foto: MZ-Archiv

„Das Ergebnis ist für mich immer noch unfassbar“: Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) glaubte „zu 100 Prozent“ an Hillary Clintons Sieg. „Ich hoffe, Donald Trump kommt ganz schnell in der politischen Realität an.“ Es werde sehr viel schwieriger, die US-Außenpolitik einzuschätzen. Wolbergs zeigte sich vor allem erschüttert, weil Trumps Sieg das Signal aussende, dass auch „mit gnadenlosem Populismus und dem Schüren von Stimmung“ Wahlen zu gewinnen sind. Der emotionalisierte Wahlkampf wird Schule machen, fürchtet der OB.

Simone Elliott, Tänzerin im Regensburger Ensemble und US-Bürgerin: Viele ihrer Freunde überlegen, nach Kanada auszuwandern. Foto: Jochen Quast / Theater Regensburg

Simone Elliott, Tänzerin im Ensemble des Theaters Regensburg, stammt aus Seattle. Die Amerikanerin nannte das Wahlergebnis am Mittwoch traurig und bestürzend. „Trump verbreitet Hass.“ Ein Hauptgrund für seine Wahl liege in der Angst vor Ausländern, Angst vor sozialem Abstieg. „Es gibt sehr viele Rassisten in den USA.“ Diese Strömungen waren in der demokratischen Ära von Barack Obama weniger sichtbar und kämen nun zu Tage. Viele sehr Reiche, viele Arme und eine schrumpfende Mittelklasse: Diese Konstellation hat nach Elliotts Meinung den Sieg von Trump ermöglicht.

„Viele meiner Freunde sagen: Ich gehe nach Kanada.“

Simone Elliott

Für Kunst und Kultur bedeute der Wahlsieg, dass die Kreativen, die bereits heute wenig öffentlichen Beistand erhalten, künftig noch weniger Wertschätzung bekommen dürften. Sie hofft, dass das amerikanische Volk zusammenhält und die Spaltung überwindet, und dass Trump in der Außenpolitik nicht die weltweiten Verbindungen der USA durchtrennt.

Die Homepage der kanadischen Einwanderungsbehörde war am Mittwoch unter der Flut von Anfragen kollabiert. Viele US-Bürger überlegen, auszuwandern. Elliott bestätigt die Beobachtung: „Viele meiner Freunde sagen: Ich gehe nach Kanada.“

Ismail Ertug, SPD-Politiker, Mitglied des EU-Parlaments: Er sagt: „Die Welt leidet an einer Auto-Immunerkrankung und Trump ist nur ein Symptom.“ Foto: MZ-Archiv

Mit Donald Trump ist der politische Diskurs nach Ansicht von Ismail Ertug, Mitglied des Europäischen Parlaments für die Oberpfalz und Niederbayern, „in neue Tiefen gesunken“. Besonders die außenpolitische Ausrichtung bereitet dem SPD-Politiker Sorge. Gerade in Zeiten einer zunehmend vernetzten, globalen Welt sei die Abschottungspolitik von Trump fatal, so der aus Amberg stammende Parlamentarier. Das Problem einer ungleichen Verteilung von Vermögen und Chancen innerhalb der Gesellschaft werde Trump mit Isolationismus nicht lösen.

„Die Welt leidet an einer Auto-Immunerkrankung und Trump ist nur ein Symptom.“

Ismail Ertug

„Trump ist zwar als Anti-Establishment-Kandidat angetreten, seine Politik wird aber voraussichtlich genau diesem Establishment und damit den Reichen nützen“, so Ertug. „Die Welt leidet an einer Auto-Immunerkrankung und Trump ist nur ein Symptom.“ Der Sieg des Republikaners bedeutet für den SPD-Mann eine Aufforderung zu „Menschen zuerst, Kapitalismus zurückdrängen“.

Margit Wild, SPD-Abgeordnete im Landtag: Sie macht sich Sorgen um die Demokratie. Foto: MZ-Archiv

„Es ist erschreckend, dass man mit blankem Populismus, Frauenverachtung, Hetze gegen Minderheiten und ohne Fachkenntnisse das höchste Amt in den USA erreichen kann“: Margit Wild, SPD-Abgeordnete im Landtag, zeigte sich am Mittwoch „geschockt“. Sie mache sich Sorgen um die Demokratie.

„Das Wahlergebnis muss die Politiker in Europa aufrütteln.“

Margit Wild

„Das Wahlergebnis muss die Politiker in Europa aufrütteln. Wir müssen uns mit den Ursachen von Rechtspopulismus beschäftigen, denn für so eine Entwicklung gibt es Gründe. Wir sollten uns genauer ansehen, was den Menschen Sorge macht und wovor sie Angst haben.“

Matt Vance, Baseballspieler bei den Legionären in Regensburg, wählte in San Diego / Kalifornien: für Hillary Clinton. Foto: MZ-Archiv

Matt Vance, Baseballer bei den „Legionären“, hat in San Diego (Kalifornien) gewählt – Hillary Clinton. „Meine Familie und die meisten Freunde sind überrascht und enttäuscht.“ Offenbar wollten die Amerikaner den Wechsel und eine Abkehr vom Establishment. „Der Trend ist: Eine Partei hält ihre Führungsposition erfahrungsgemäß nicht länger als zwei Wahlperioden. Aber dass sich dieser Trend auch mit einem Kandidaten Donald Trump bestätigt, hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Zuletzt sei das Land unter Präsident Barack Obama viele kleine Schritte vorwärts gekommen, sagt Mann Vance, mit Blick etwa auf die aktuelle US-Arbeitslosenquote von rund vier Prozent; unter Trump mache das Land jetzt wohl viele große Schritte zurück.

Alles zur US-Präsidentschaftswahl in unserem MZ-Spezial

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