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Bildung

DDR: Schülern mangelt es an Wissen

Besonders ostdeutsche Jugendliche kennen sich kaum aus. Wissenschaftler vermuten, dass die Lehrer daran Schuld sein könnten.

Klaus Schroeder, Historiker an der FU Berlin und Chef des Forschungsverbundes SED-Staat

Berlin. Die DDR? Das war doch dieser andere deutsche Staat, in dem nicht alles so super gelaufen ist. Na ja, zumindest war da die Umwelt noch halbwegs intakt. Und die Stasi? Muss sowas wie die ostdeutsche Ausgabe von James Bond gewesen sein. Führende SED-Leute? War das nicht Kohl? Oder sonst Adenauer. Wer weiß das schon so genau – ist ja alles ewig her.

So ähnlich muss nach einer Studie des Forschungsverbunds SED-Staat das DDR-Bild nicht weniger deutscher Schüler aussehen. Professor Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin befragte dafür über 5200 Schüler aus Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern, überwiegend 16 oder 17 Jahre alt. Die Überschrift könnte lauten: „Irgendwas war da...“ Auch wenn die Studie mittlerweile drei Jahre alt ist, bestreiten Lehrervertreter nicht, dass sie noch immer relevant ist. „Wir arbeiten aber dran“, sagt Peter Lautzas vom Verband der Geschichtslehrer Deutschlands.

Für viele überraschend: Ostdeutsche Schüler sehen im Wissenstest besonders schlecht aus und beurteilen die DDR außerdem wesentlich milder. „Etwa zwei Drittel der Schüler in den westlichen Regionen erkennen den Diktaturcharakter des SED-Staates, aber nicht einmal die Hälfte in den ostdeutschen“, heißt es in der Untersuchung.

Erzählungen prägen Eindruck

Im Osten sei das Bild der Schüler durch Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern schöngefärbt, sagt Schroeder. „Die Leute, die das erlebt haben, leben eben noch. Und die kommen sofort und sagen: ,Das war doch gar nicht so.‘ “ Und: „Im Westen interessiert man sich nicht für die DDR“, fügt er hinzu. Je weiter man nach Westen komme, desto mehr Leute würden sagen: “Das ist deren Geschichte, nicht unsere.“

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, beklagt Wissenslücken auch bei den Lehrern. „Viele haben noch zur Zeit der Entspannungspolitik studiert. Die Dimensionen der kommunistischen Verbrechen sind vielen nicht bekannt. Und das Interesse an Fortbildungsangeboten ist eher gering.“

Zu wenig aufgearbeitet

Dagegen nimmt der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, die Lehrer in Schutz. Solange noch nicht einmal die Gesellschaft das Kapitel DDR aufgearbeitet habe, könne man dies schwerlich von der Schule erwarten. „Klar, das System war nicht demokratisch, insofern besteht Einigkeit“, sagt er. „Aber sobald man etwas in die Tiefe geht, wird es doch komplizierter. In der Masse haben die Menschen das Beste gewollt.“

Über eine solche Haltung kann sich Schroeder „richtig aufregen“. Genau so komme es zur Verklärung der DDR-Vergangenheit, meint er. Ähnlich scharf äußert sich Knabe: „Wenn es um Diktaturen geht, besitzt die Schule eine Aufklärungspflicht, die sie bei der DDR nur unzureichend wahrnimmt. Dass die Menschen doch nur das Beste gewollt hätten, hat man in meiner Jugend auch über den Nationalsozialismus gesagt.“

Peter Lautzas vom Verband der Geschichtslehrer versichert, dass die Lehrer ihre Lektion durchaus gelernt hätten. „Da hat sich in den letzten Jahren was getan“, sagt er. „Auch dadurch dass die Kultusminister-Konferenz 2009 empfohlen hat, den Schwerpunkt im Geschichtsunterricht noch mehr auf Zeitgeschichte zu legen.“ In einigen Bundesländern dürfe die DDR jetzt in Geschichte Abiturthema sein. Aber natürlich dauere es seine Zeit, bis sich das wirklich in einem spürbaren Wissenszuwachs niederschlage: „Da muss man schon so vier, fünf Jahre rechnen.“

An grundsätzlichem Desinteresse der Jugendlichen kann es aber nicht liegen, wie Hubertus Knabe betont. Schüler, die von ehemaligen Häftlingen durch das Stasi-Gefängnis geführt würden, seien oft wie elektrisiert. Ein 15-Jähriger mailte ihm neulich: „Es war der absolute Hammer!“

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