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50 Jahre Mauerbau
Samstag, 25. November 2017 13° 3

Enthüllung

Geheimakte Mauerbau: Die Strippenzieher

Manfred Wilke wertete Dokumente aus, die lange unter Verschluss waren. Im MZ-Interview erklärt er die Vorgeschichte der Berliner Teilung.
Von Reinhard zweigler, mz

Plötzlich verlief eine Sperrwand mitten durch Berlin, zunächst aus Stacheldraht, dann wurde die Mauer gebaut: Fast drei Jahrzehnte lang trennte sie Familien und Freunde voneinander. Foto: dpa

Wie haben Sie als damals 20-Jähriger den 13. August 1961 und die Abriegelung von West-Berlin erlebt?

Ich lebte damals in Nordhessen und im Deutschlandsender aus Ost-Berlin hörte ich einen Kommentar von SED-Chefagitator Karl-Eduard von Schnitzler. Er schwadronierte darüber, dass mit der Grenzschließung dem Imperialismus eine Niederlage beigebracht worden sei. Ich war von dem ganzen Geschehen schmerzhaft berührt, weil nun die Überwindung der deutschen Teilung in unabsehbare Ferne gerückt worden war.

Wer war die treibende Kraft hinter dem Mauerbau, Moskau oder Ost-Berlin, der sowjetische Machthaber Nikita Chruschtschow oder SED-Chef Walter Ulbricht?

Man muss sich die damalige Situation in Erinnerung rufen: Die DDR steckte in einer Krise, die durch die Kollektivierung in der Landwirtschaft und die massenhafte Abwanderung von jungen, fähigen Fachkräften hervorgerufen wurde. Diese Menschen nutzen das Tor West-Berlin, um in den Westen zu gelangen.

Weil die innerdeutsche Grenze bereits 1952 noch auf Befehl Stalins abgeriegelt worden war, blieb West-Berlins offene Grenze der letzte Ausweg in den Westen.

Genau. Berlin hatte einen besonderen Status, es war eine Vier-Mächte-Stadt. Die vier Siegermächte des 2.Weltkriegs, die Sowjetunion, die USA, Großbritannien und Frankreich, hatten das Sagen. So hatte Moskau die Oberhoheit über den sowjetischen Sektor, also Ost-Berlin. Die SED benötigte das Plazet der sowjetischen Führung, um die Grenze zu schließen. Ulbrichts Bestreben war es, das letzte Schlupfloch in den Westen zu stopfen und die dramatische Abwanderung zu unterbinden. Jeden Monat kehrten etwa 20000 bis 30000 Menschen der DDR den Rücken. Anfang Juni hat sich Ulbricht an Moskau gewandt und gewarnt, ohne die Grenze zu schließen, sei die Existenz der DDR gefährdet.

Hat Chruschtschow Ulbricht wirklich gebremst, die Mauer zu bauen?

Anfangs schon, denn der Kreml-Chef wollte das West-Berlin-Problem durch eine Einigung mit dem jungen USA-Präsidenten John F. Kennedy lösen. Moskau wollte, dass West-Berlin zu einer „Freien Stadt“ würde, das heißt, die West-Alliierten sollten ihre Truppen zurückziehen und der Zugang sollte von den Sowjets bzw. Ost-Berlin geregelt werden. Chruschtschow wollte mit dem Sputnik und der eigenen Atomrüstung im Rücken dem Westen eine Niederlage beibringen und den eigenen Herrschaftsbereich stabilisieren. Die Nöte der SED mussten sich dem Ziel der Moskauer Deutschlandpolitik unterordnen.

Ein Rückzug aus Berlin stand aber für die West-Mächte nie zur Debatte. Ihre Truppen garantierten der Freiheit der Stadt. Hatte sich Chruschtschow verspekuliert?

Auf dem Gipfeltreffen zwischen Chruschtschow und Kennedy Anfang Juni 1961 in Wien machte Kennedy dem Kremlchef unmissverständlich klar, dass die USA ihre Rechte in West-Berlin, dazu gehörten die Zugangsrechte, aufrechterhalten würden. Das Gleichgewicht der Kräfte dürfte nicht verändert werden. Erst nachdem Chruschtschow einsah, dass er seine Linie gegenüber den USA nicht würde durchsetzen können, gab er dem Drängen Ulbrichts nach und entschied am 20. Juli 1961, die Sektorengrenze der „Hauptstadt der DDR“ zu West-Berlin abzusperren.

Die Entscheidung über die Mauer fiel also im Kreml, nicht in Ost-Berlin, nicht durch Ulbricht oder Honecker, der damals Sicherheitssekretär der SED war?

Ulbricht und die SED brauchten die Mauer. Die ausschlaggebende Entscheidung aber lag bei Chruschtschow. Die Planungen für die Abriegelung der Grenze hat Chruschtschow seine Militärs ausarbeiten lassen, aber natürlich gab es in Ost-Berlin bereits streng geheime Vorbereitungen. Die Entscheidung über den Mauerbau bedeutete zugleich weltpolitisch den Rückzug Moskaus auf den Status quo. Chruschtschow musste die Pattsituation, in der sich die beiden politischen Lager befanden, anerkennen. Die Mauer wurde zum Symbol der Teilung Deutschlands in zwei Einflusssphären.

Wäre nicht auch eine militärische Lösung des Berlin-Problems denkbar gewesen?

Denkbar schon, aber das hätte einen atomaren Konflikt bedeutet. Doch die beiden entscheidenden Politiker, die den Einsatz von Atomwaffen befehlen konnten, also Kennedy und Chruschtschow, wollten wegen West-Berlin keinen Atomkrieg wagen. Wenigstens darin waren sie sich einig. Allerdings haben die Militärs beider Seiten entsprechende Szenarien durchgespielt.

Warum dann die Lüge von Ulbricht am 15. Juni 1961, „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“?

In der historischen Pressekonferenz erklärte Ulbricht auf eine Frage von Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau, er verstehe ihre Frage so, als wollten Leute in West-Deutschland, dass die DDR eine Mauer errichten solle. Doch eine Mauer war zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Gespräch. Chruschtschow hatte die Frage der Schließung der Sektorengrenze noch nicht entschieden. Insofern hatte Ulbricht zu diesem Zeitpunkt nicht gelogen. Aber gleichwohl wusste er von den streng geheimen Vorbereitungen für einen solchen Schritt.

Warum war die Abriegelung der West-Sektoren zuerst mit Stacheldraht vorgenommen worden?

Weil es mit Stacheldraht binnen weniger Stunden möglich war, die Grenze innerhalb der Stadt abzuriegeln. Mit schrecklichen Folgen für die Berliner. Der Stacheldraht zerschnitt Familien, trennte Bekannte und Freunde voneinander.

Wann kam die eigentliche Mauer?

Am 20. August erklärte Ulbricht dann, die heiße Phase der Operation sei vorbei. Der Stacheldraht könne nicht ewig in der Stadt bleiben, er reize die Menschen zu immer neuen Versuchen, die Grenze zu durchbrechen. Er erklärte deshalb: Wir werden anstelle des Stacheldrahtes eine Mauer bauen und sie sogar verputzen. Am 18. September 1961 wurde beschlossen, eine zwei Meter hohe und 20 Kilometer lange Mauer entlang der Sektorengrenze durch die Stadt zu ziehen.

Wer war für die Ausgestaltung des mörderischen Grenzregimes verantwortlich, Ost-Berlin oder Moskau?

Marschall Iwan S. Konew, der mit seinen Truppen 1945 Berlin mit erobert hatte, war im August 1961 von Chruschtschow zum Oberkommandierenden der sowjetischen Truppen in der DDR ernannt und nach Berlin geschickt worden. Konew nahm maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Grenzregimes. Er forderte ein „strenges militärisches Regime“ in der 100-Meter-Sperrzone vor der Grenze einzuführen und „gegen Verräter und Grenzverletzer die Schusswaffe anzuwenden“. Die sowjetische Armee hat die Gestaltung des Grenzregimes bis in die Einzelheiten kontrolliert. Dies traf auch auf die innerdeutsche Grenze zu, deren Verminung Konew einforderte. Im Oktober 1961 hat Konew klar gestellt, dass es sich um eine repressive Grenze handele. Das heißt, die Grenzbefestigung war gegen die Einwohner der DDR gerichtet, nicht gegen die Abwehr feindlicher Angriffe von außen, wie es die SED-Propaganda darstellte.

Überraschen Sie jüngste Umfragen, wonach ein Drittel der befragten Berliner die Mauer nicht für falsch halten, um die die Massenflucht aus der DDR zu stoppen?

Die Mauer war für all die Menschen nicht falsch, die an der Existenz einer sozialistischen DDR gegenüber der marktwirtschaftlichen Bundesrepublik mit ihrer parlamentarischen Demokratie festhalten wollten. Und vergessen sie nicht die Bedeutung der Mauer über Berlin hinaus. Sie sollte auch gesamtdeutsche Illusionen absterben lassen. Für viele endete mit dem Mauerbau die Hoffnung auf ein geeintes Deutschland, viele in Ost und in West fanden sich mit der Teilung ab. Es setzte eine fast drei Jahrzehnte währende Entfremdung ein, die man in der Euphorie des Mauerfalls gar nicht wahrhaben wollte.

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