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Asyl in Kelheim
Montag, 11. Dezember 2017 4

Flüchtlinge

Die Riesen-Angst vor der Abschiebung

Viele junge Afghanen in Kelheim fürchten sich vorm Flieger nach Kabul. Für Berater, Lehrer und Helfer ist das frustrierend.
Von Beate Weigert

Wer sich reinkniet, Deutsch lernt, die Schulbank drückt, Praktika macht – der hat eine Chance bekamen viele Afghanen gesagt. Das ist für viele – vor allem alleinstehende junge Männer – anders. Die Angst vor Abschiebung geht bei vielen im Landkreis um. Foto: Nicolas Armer/dpa

Kelheim.Ein Thema, das Passanten bei zwei Mahnwachen in der Kelheimer Innenstadt mitbekommen haben, und das die meisten nur aus den Nachrichten kennen, ist für Flüchtlingshelfer, Asylsozialberater, Berufsschullehrer und die Betroffenen selbst im Kreis Kelheim derzeit ein Riesen-Thema. Die Rede ist von der geplanten Abschiebung afghanischer Flüchtlinge. Welche Bayern – im Gegensatz zu nördlichen Bundesländern – nach dem Wissen von Insidern aus dem Landkreis „rigoros umsetzt“.

In der Vergangenheit seien noch keine Afghanen aus dem Landkreis abgeschoben worden, heißt es auf unsere Nachfrage vom Landratsamt. Bei Flüchtlingen verschiedener anderer Nationalitäten sei dies der Fall gewesen. Ob in Kürze Abschiebungen anstehen, „dazu können und werden wir keine Angaben machen, da nach der vollziehbaren Ausreisepflicht die Zuständigkeit an die zentrale Ausländerbehörde Niederbayern übergeht“, antwortet die Pressestelle.

Fälle aus Landshut bekannt

Auch Stefan Killian, Asylsozialberater bei der Caritas, hat von einer Abschiebung aus dem Landkreis noch nichts mitbekommen. Wohl aber aus Landshut. Aber die Angst unter afghanischen Flüchtlingen und ihren ehrenamtlichen Betreuern bzw. begleitenden sozialen Einrichtungen sei sehr groß.

Zwar hätten sich die Wartezeiten auf Anhörung und Entscheidungen mittlerweile sichtlich verkürzt. Dennoch gebe es Altfälle, wo die Leute seit Jahren hier seien und auf eine Entscheidung warteten, so Killian. Afghanische Familien bzw. Kinder und Frauen bekämen derzeit alle Schutz, zumindest Abschiebeschutz. Bei alleinstehenden Männern dagegen seien die individuellen Gründe entscheidend, die Chancen geringer. Betreuer wie Johanna Anthofer vom BBW in Abensberg findet so manche Entscheidung „willkürlich“. Oft fielen diese genau anders herum aus, als sie und ihre Kollegen vermuteten.

Zahlen aus dem Kreis Kelheim

  • Aktuell leben

    1784 Flüchtlinge im Landkreis Kelheim, davon stammen 270 aus Afghanistan. 1232 aller Asylbewerber sind inzwischen als Flüchtlinge anerkannt bzw. sind sogenannte subsidiäre Schutzberechtigte. Dies gilt auch für 85 der insgesamt 270 Afghanen. Noch im Asylverfahren stecken 494 Menschen, davon 181 Afghanen. Duldungsstatus haben laut der Pressestelle des Kelheimer Landratsamts 58 Personen, davon vier Afghanen.

  • Subsidiärer Schutz

    greift laut dem BAMF, wenn weder Flüchtlingsschutz noch Asylberechtigung gewährt werden können und im Herkunftsland ernsthafter Schaden droht. Als solcher gilt u.a. Todesstrafe, Folter oder ernsthafte individuelle Bedrohung des Lebens oder der Unversehrtheit einer Zivilperson infolge willkürlicher Gewalt durch bewaffnete Konflikte. Laut Landratsamt gilt dieser Schutz aktuell für Syrien, Afghanistan und Irak „sofern die Flüchtlingseigenschaft vom Bundesamt nicht festgestellt wurde“. (re)

Generell spiegle sich im Landkreis der Bundesschnitt wieder. Demnach werde etwa der Hälfte aller Afghanen Schutzstatus zugesprochen, der anderen nicht, sagt Stefan Killian.

Seinen Kollegen von der AWO, Dr. Sigmund Neubauer, beschäftigen gerade zwei Abschiebebescheide. Neubauer glaubt, dass Bayern vor allem straffällig Gewordene loswerden möchte. Für seine Schützlinge treffe dies jedoch nicht zu.

Für Manfred Neumann, den Koordinator für die Flüchtlingsklassen am Berufsschulischen Zentrum (BSZ) in Kelheim, sind die im Raum stehenden Abschiebungen das „Brennpunkt-Thema“.

60 junge Afghanen besuchen derzeit das BSZ, in Kelheim bzw. Mainburg. „Das sind fast drei Klassen“, sagt Neumann. An manchen Tagen sei normaler Unterricht gar nicht drin, weil zum einen die Angst riesig sei, zum anderen die Ungewissheit alles lähme. Zum einen berichten die Schüler Neumann „laufend von ablehnenden Bescheiden“. Aufgrund der Weisung des bayerischen Innenministeriums bedeuten diese, dass diejenigen weder arbeiten noch eine Ausbildung anfangen dürfen.

Die meisten klagen laut Stefan Killian dagegen. Was wegen der Überlastung der Gerichte derzeit Monate dauere. Erst nach einem gewonnenen Verfahren dürften die Betroffenen wieder arbeiten oder eine Ausbildung beginnen.

Ein „Trick“ und „eiskalte Sätze“

Aber auch diejenigen, die sogenannten subsidiären Schutz zugesprochen bekommen, blickten nicht unbedingt frohen Mutes in die Zukunft, erklärt Neumann. Neuerdings gibt es den statt für bislang drei Jahre nur noch für eines. „Das ist der Trick, den die bayerische Staatsregierung anwendet“, so Neumann. Zwar könnten die Betroffenen den Schutzstatus nach einem Jahr erneut verlängern. Die Verkürzung bedeute jedoch, dass Familienzusammenführungen unmöglich sind.

„In anderen Bescheiden steht eiskalt drin, dass der Betroffene nach 30 Tagen ausreisen muss“, sagt Neumann. Was die Jugendlichen faktisch nicht könnten. Viele von Neumanns Schützlingen hätten nun Schiss vor Sammelabschiebungen und seien vollständig von der Spur. „Holt mich die Polizei oder nicht? Werden wir in Abschiebelagern zusammengerottet?“, solche Fragen dominieren derzeit im BSZ. „Afghanistan ist kein sicheres Land, das kann unser Bundesinnenminister noch so oft im Fernsehen wiederholen“, ärgert sich Neumann.

Mit dem Satz spricht er Christiane Lettow-Berger vom Kelheimer Helferkreis aus der Seele. Sie sagt: „Wer mit unseren afghanischen jungen Männern gesprochen hat, weiß, was Angst bedeutet, das ist sehr eindrücklich.“ Neben den Sammelabschiebungen nach Afghanistan stünden derzeit auch Dublin-Abschiebungen nach Italien verstärkt auf der Tagesordnung, weiß Lettow-Berger.

Sie kennt noch eine besondere Gruppe. Die sogenannten Hazara. Viele von ihnen kamen als Flüchtlingskinder im Iran zur Welt, auch ihnen drohe die Abschiebung nach Afghanistan. „Auch wenn sie das Land überhaupt nicht kennen.“

Motivieren, wofür nur?

Neumann und seinen Kollegen versuchten die Schüler dennoch zu motivieren, weiter den Unterricht zu besuchen. In der Hoffnung, dass eine gute Prognose, bei der Ausländerbehörde, etwas nutzen könnte. Doch motiviert sind derzeit die wenigsten, Perspektiven können sie nicht erkennen.

Manfred Neumann Foto: Archiv/Weigert

Nichtsdestotrotz bräuchten die jungen Leute jetzt mehr denn je feste Strukturen und Ablenkung. „Ob das hilft?“, weiß Neumann auch nicht.

Seiner Meinung nach hätten alle betroffenen Schüler aus Afghanistan ein Recht auf eine Ausbildungsduldung. Allein, das sieht Bayerns Innenminister anders. Neumann wünschte sich, dass die Ausländerbehörde im Landkreis stärker ihren Ermessensspielraum, „den sie hat“, nutzte.

Neumann arbeitet eng mit Werner Damböck vom Kolpingbildungswerk zusammen. Der fürchtet, dass es künftig schwierig werden dürfte Betriebe im Landkreis für Praktika zu gewinnen. Trotz vieler positiver Erfahrungen bislang. Wenn unklar bleibt, ob danach überhaupt eine Ausbildung oder eine Einstiegsqualifizierung daraus werden könnte. Die Entwicklung sei für ihn und die Kollegen „bitter und frustrierend“. Er würde sich wünschen, dass das Herkunftsland bei der Erteilung einer Arbeits- und Ausbildungserlaubnis weniger stark berücksichtigt würde.

Arbeitgebern dürfte das Problem noch gar nicht so bewusst sein, denn die nächsten Praktikumsstellen würden erst wieder ab Sommer gesucht.

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