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Montag, 11. Dezember 2017 4

Extremismus

Salafismus – eine „Jugendbewegung“

Salafisten stellen den Koran über weltliche Gesetze. Ideologie und wie man ihr begegnet, war Thema bei Dialog im Donaupark.
von Benjamin Neumaier

Ein wahrhaft islamisches Land – wie der Islamische Staat – ist das Ziel der Salafisten. Foto: dpa

Kelheim.Anis Amri, Salah Abdeslam, Abu Hamza – das sind nicht nur drei Namen. Einer dieser Menschen war verantwortlich für den Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt, der andere Strippenzieher für die Anschläge in Paris und Brüssel, der dritte ist ein Konvertit, bekanntester islamistischer Hassprediger in Deutschland. Was sie eint, ist der Salafismus.

Verbindung mit Terror

Salafismus – ein Begriff den wohl beinahe jeder schon einmal gehört hat. Man verbindet ihn mit Terroranschlägen oder dem Islamischen Staat. Was genau dahintersteckt und wie Politik, Justiz und Ordnungshüter damit umgehen, das war Thema der Premiere der Diskussionsreihe „Dialog im Donaupark“ des Landkreises Kelheim.

Knapp 70 Interessierte waren der Einladung von Landrat Martin Neumeyer gefolgt, der mit der Diskussionsreihe „Themen in den Fokus stellen will, die uns alle berühren. Das muss nicht immer Kreispolitik sein“. Transparenz wolle man dadurch schaffen, „ins Gespräch kommen, die Bürger als Multiplikatoren nutzen.“ Ein Dialog war es bei der Premiere nicht wirklich – der war aber auch nicht zu erwarten. Es war mehr ein Vortrag mit anschließender Fragerunde – bei Landkreisthemen ist das durchaus anders zu erwarten.

Dafür zu speziell war das Thema, das Philipp Frank vom Verfassungsschutz und Christian Druck vom Innenministerium vorstellten. „Es gibt keinen Islamismus ohne Islam, jedoch den Islam ohne Islamismus. Jeder Salafist ist ein Muslim – aber die wenigsten Muslime sind Salafisten“, begann Frank, der eine Definition lieferte. So sei „das Phänomen Salafismus eine extreme Ideologie, die auf der religiösen Sprache des Islam fußt, um politische Ziele zu verfolgen und sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richtet“. Oberstes Ziel ist dabei die Errichtung eines Gottesstaates auf Grundlage der Scharia – also Allah als einzigem Gesetzgeber.

Szene gibt es auch in Regensburg

9700 Salafisten gebe es in Deutschland, 670 in Bayern. Eine Szene gebe es in Nürnberg, München Passau oder auch Regensburg. Mittels Infoständen, Seminaren, Vorträgen, Benefizveranstaltungen, Flüchtlingshilfe sowie Internetpropaganda werde versucht, „vor allem junge Muslime zu radikalisieren, sie zur Hijra, also zur Auswanderung in ein wahrhaft islamisches Land – sprich den Islamischen Staat – zu bewegen.“ Ziel sei es, diese Menschen zum militanten Jihad und sogar dem Märtyrertum zu bewegen, das den sofortigen Eintritt ins Paradies garantiert – unabhängig von Geschlecht oder Alter, dafür verbunden mit der Vergebung aller Sünden. Etwa 50 IS-Rückkehrer mit Potenzial zum Terrorismus gebe es in Bayern, sagte Franke. Die habe der Verfassungsschutz im Auge – doch man setze früher an. Anzeichen für Radikalisierung seien der typische lange Kinn- und Backenbart, traditionelle Kleidung, wenn sich der Umgang mit dem anderen Geschlecht plötzlich ändere, Sozialkontakte abbrechen, Schwarz-weiß-Denken einsetzt oder Sympathie für Anschläge zu erkennen ist. So war es auch bei einem 21-jährigen Abensberger Salafisten, der sich – unbemerkt von Familie und Umfeld – radikalisierte und sich einer Terrormiliz in Syrien anschließen wollte, den Behörden aber im Juli 2015 am Münchner Flughafen ins Netz ging (wir berichteten).

Kommentar

Nicht auf Augenhöhe

„Der Islam hat nichts damit zu tun“ – dieser Satz fällt umgehend nach islamistischen Terroranschlägen, vorwiegend von Politikern in Medien oder via sozialer...

Was man denn tun solle, wenn man so etwas bemerke, kam als Frage aus dem Publikum. Die Antwort von Christian Druck: „Nichts. Sie sollten es dem Innenministerium, der Polizei oder dem Verfassungsschutz melden – sie selbst können da nichts ausrichten.“ Mit Präventionsarbeit und Deradikalisierung wollen vier Ministerien und andere Organisationen dagegen vorgehen, „dem Salafismus den Nährboden entziehen. Je früher, desto besser. Das Durchschnittsalter liegt bei 19 Jahren. Es geht zwar quer durch alle Bildungs- und Alterschichten, aber Salafismus ist schon eine Jugendbewegung“, sagte Druck. Jugendliche sensibilisieren, seelische Begleitung in allen Lebenslagen bieten, kritisches Hinterfragen fördern, sind Ansatzpunkte. „Vor allem Jugendliche ohne gefestigte Persönlichkeit, ohne Halt in der Gesellschaft, sind gefährdet, suchen dann Identifikation in der Religion und sind für die salafistischen Werber anfällig. Die bieten etwas Elitäres, sprechen die Sprache der Jugendlichen, senden klare Botschaften. Der Preis ist allerdings hoch: blinder Gehorsam.“

Wie man denn nun damit umgehe, wollte ein Besucher von Druck wissen. „Wir müssen auf die neuen Gegebenheiten – durch die Flüchtlinge wurde der Islam arabischer geprägt – eingehen, müssen Jugendliche aus dem Schwebezustand abholen, nicht den Salafisten überlassen. Das funktioniert eben über Integration, über Prävention, über Deradikalisierung – Nähe zum Menschen kann vieles verhindern.“ Es gehe auch darum, „Muslime nicht unter Generalverdacht zu stellen. Wir müssen weg von einem Schubladendenken, dürfen Muslime nicht auf ihre Religion reduzieren – das tun sie aber leider oft auch selbst.“

Zahl ist stark angewachsen

  • Wachstum:

    Der Salafismus gilt als zurzeit dynamischste islamistische Bewegung. In Deutschland steigen die Anhängerzahlen. Lag die bundesweite Zahl der Salafisten 2011 noch bei 3800 Personen, sind es aktuell etwa 9700.

  • Ideologie:

    Unter dem Oberbegriff Salafismus versteht man eine vom Wahhabismus geprägte islamistische Ideologie, die sich an den Vorstellungen der ersten Muslime und der islamischen Frühzeit (7. bis 9. Jahrhundert)orientiert.

  • Jihad:

    Das von Salafisten verbreitete Gedankengut bildet den Nährboden für eine islamistische Radikalisierung bis hin zur Rekrutierung für den militanten Jihad. Anhänger dessen glauben, ihre Ziele durch Gewaltanwendung realisieren zu können.

  • Informationen:

    Weiterführende Informationen und Ansprechpartner finden Interessierte im Internet unter www.verfassungsschutz.bayern.de, unter www.antworten-auf-salafismus.de oder unter der Webadresse www.ufuq.de.

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