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Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Bildung

Burnout nach der 4. Klasse

Viele Eltern treiben ihre Kinder panikartig an, damit sie es aufs Gymnasium schaffen. Doch manche Schüler brauchen länger.

Andrea Nüsslein ist Vorsitzende des Landeselternverbands Bayerische Realschule e. V.

München.Jedes Jahr das Gleiche. Kinder kommen in die 3. Klasse einer Grundschule und bei vielen Eltern bricht schon leichte Panik aus. Diese Panik steigert sich in der 4. Klasse und beeinträchtigt oftmals das gesamte Familienleben. Was soll aus unserem Kind einmal werden? Wie kommt es unbeschadet durchs Leben? Wie kann es eine glückliche Zukunft aufbauen? Diese Fragen beschäftigen viele Familien tagtäglich.

Es ist längst bewiesen, dass Kinder mit einer unbeschadeten, glücklichen Kindheit besser lernen, sich behaupten zu können und damit glücklich und zufrieden sind. Die Realität zeigt uns aber, dass „ angetriebene“ Kinder zu Aussteigern ohne Selbstbewusstsein werden und damit unglücklich sind. Getriebene Kinder sind auch schneller ausgebrannt und unmotiviert. Sie rutschen in eine Verliererrolle. Zudem ist es heute keine „Zukunftsgarantie“ mehr, Akademiker zu sein. Nicht selten verdient ein gut ausgebildeter Realschüler in seinem qualifizierten Beruf mehr als ein taxifahrender Akademiker ohne entsprechende Anstellung und Zukunftsperspektive.

Hier, liebe Eltern, sind Sie gefragt: „Wie weit wird Ihr Kind getrieben? Hat es noch genügend Freiraum, um Kind zu sein?“ Gerade in unserem mehrgliedrigen Schulsystem hat jeder die Möglichkeit, vom schlechtesten Grundschüler zum besten Professor zu werden. Allerdings sollte man die Schularten nicht als Aussiebung der Schüler betrachten, sondern als Chance, mit der sich jedes Kind nach seinen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten entwickeln kann.

Ist es deshalb nicht manchmal vernünftiger, wenn man nicht den direkten Weg geht und das Kind erst mal auf die Mittelschule oder Realschule schickt? Manche Kinder brauchen länger, bis der Knoten aufgeht. Auch ist nicht jedes Kind, das einen Notendurchschnitt von 2,33 im Übertrittszeugnis hat, für das Gymnasium geeignet, da viele Kinder eine praktische Perspektive vor der theoretischen bevorzugen. Sie begeistern sich dann oft erst im Erwachsenenalter für das wissenschaftlich-theoretische und holen ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach.

Wie viele Kinder haben es schon von der Mittelschule zum Studium gebracht? Leider wird hierüber nichts publiziert. Warum auch, das will keiner hören. Weil in unserer Gesellschaft nur zählt, wenn das Kind ins Gymnasium geht. Mittelschulen und Realschulen bieten aber auch hervorragende Chancen für eine spätere berufliche Karriere. Über die Möglichkeiten, die unser differenziertes Schulsystem bietet, sollten sich die Eltern ausführlich informieren, bevor sie eine Entscheidung zum Übertritt treffen.

Dann kann auch vermieden werden, dass Kinder spätestens nach der 7. Jahrgangsstufe scheitern und klassenweise vom Gymnasium in die Realschule wechseln müssen. Diese Kinder müssen oft erst langwierig aus ihrer Verliererrolle geholt und motiviert werden, bis sie sich wieder als Gewinner sehen.

Deshalb sollten sich alle Eltern die folgende Frage offen und ehrlich beantworten: „Ist mein Kind glücklich? Oder setzen wir es zu viel unter Druck?“

Schule ist wichtig, aber sie ist nicht der Mittelpunkt des Lebens. Sie formt, sie bildet, sie fördert und erzieht und sie sichert die Fachkräfte der Zukunft!

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