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Montag, 25. September 2017 20° 3

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Das Tabu durchbrechen

Bundesweit können 7,5 Millionen Menschen nicht richtig lesen und schreiben. Analphabetismus ist keine Frage der Schuld.
Von Prof. Dr. Thomas Beyer

Prof. Dr. Thomas Beyer, Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bayern

Die vier Abbildungen auf der Dose im Supermarktregal sind anschaulich: Auf der ersten kippt eine Person einen gehäuften Löffel Pulver in ein Glas. Auf dem zweiten Bild wird in einem Stieltopf eine Flüssigkeit erhitzt; die wird im dritten in das Glas mit Pulver geschüttet. In der vierten Zeichnung schließlich trinkt die Person aus dem Glas. Um welchen Inhalt – Kakao – es sich handelt, und welche Zutat – Milch – dazugegeben werden muss, diese für einen Kauf wesentlichen Informationen kann der Interessierte dem kurzen Begleittext auf der Dose entnehmen – wenn er diesen lesen kann. Letzteres aber ist, anders als landläufig angenommen, keine Selbstverständlichkeit, weder in armen Ländern, noch in wohlhabenden.

Laut einer der wenigen aussagekräftigen Studien, die die Hamburger Universität 2011 veröffentlicht hat, ist Analphabetismus in Deutschland verbreitet. Demnach können bundesweit 7,5 Millionen Menschen, davon 700000 in Bayern, nicht in dem Maß lesen und schreiben, wie es den gesellschaftlichen Anforderungen entspricht. Das bedeutet, sie sind funktionale Analphabeten und somit beispielsweise nicht in der Lage aus der Schriftsprache auf einer Verpackung zu erschließen, dass sie Kakao enthält.

Obwohl es so viele Betroffene gibt, ist das Problem ein Tabu. Kein Wunder, in unserer digitalisierten Welt werden Verständnis von und Umgang mit Schriftsprache quasi vorausgesetzt. Diese nicht ausreichend zu beherrschen, stigmatisiert und schwächt das Selbstbewusstsein.

Armut und Analphabetismus weisen Gemeinsamkeiten auf. Beide sind als Begriffe relativ, hängen von den Rahmen- und Lebensbedingungen einer Gesellschaft ab, die die Koordinaten für gesellschaftliche Teilhabe darstellen. So gilt für Analphabetismus, dass nicht nur die individuellen Lese- und Schreibkenntnisse einer Person entscheidend sind, sondern auch „welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung innerhalb der konkreten Gesellschaft, in der die Person lebt, erwartet wird“, wie Peter Hubertus definiert.

Wie bei Armut gibt es auch für Analphabetismus mehrere, sich teilweise bedingende Ursachen: lange Krankheit, familiäre und finanzielle Schwierigkeiten zählen dazu. Und nicht zuletzt zeigt sich folgende Parallele: So wie sich Armut häufig über Generationen hinweg verfestigt und von den Betroffenen meistens nicht ohne Hilfe von außen überwunden werden kann, haben auch (funktionale) Analphabeten nicht selten Vorfahren mit Schreib- und Leseschwäche. Und auch sie benötigen meistens einen Anstoß und Hinweise von Dritten, um ihre Fertigkeiten in Alphabetisierungskursen zu verbessern.

Es mag für Betroffene nicht einfach sein, von Hilfsangeboten zu erfahren und diese neben Arbeit und Familie wahrzunehmen. Noch schwieriger ist es gewiss, als Erwachsener die Scham zu überwinden und sich und anderen einzugestehen, dass die Grundkenntnisse Schreiben und Lesen erst systematisch erlernt werden müssen. Aus diesem Grund ist nicht nur mehr Geld für die Förderung von Kursen notwendig, sondern auch eine breit angelegte Kampagne, um den (funktionalen) Analphabetismus in unserer Gesellschaft zu enttabuisieren. Es muss allen Bürgern klar werden, dass Analphabetismus – genauso wie Armut – keine Frage der persönlichen Schuld oder des persönlichen Schicksals sind.

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