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Montag, 25. September 2017 20° 3

Außenansicht

Denkmalschutz ist ein Fixstern

Geschichtsträchtiger Boden wird behandelt wie wertbefreites Neuland. Deshalb müssen Vorschriften nachjustiert werden.
Von Dr. Thomas Goppel, Vorsitzender des Bayerischen Landesdenkmalrats

Die aktuelle Außenansicht kommt von Dr. Thomas Goppel. Der Autor ist Vorsitzender des Bayerischen Landesdenkmalrats. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Die Diskussionen um sachgerechten Denkmalschutz im Freistaat sind inzwischen oft seismografischer Natur. Das Thema scheint eine eher nachgeordnete Rolle zu spielen. Sichtlich machen sich weder die Gesellschaft noch die in ihr geforderten Kräfte wirklich bewusst, dass oft, wenn die Abrissbirne den amtlichen Zuschlag erhält, Unwiederbringliches, Kulturerbe der Einmalklasse aufgegeben wird.

Ja! In Zeiten, in denen fast nichts so knapp wird wie der Boden und die Erinnerung an die Stein gewordenen Wurzeln unserer Geschichte, stehen alte Gemäuer und Ensembles, die uns zwar lieb sind, aber nicht teuer werden sollen, im Weg. Nicht nur auf der kommunalen Ebene, der der freistaatliche Gesetzgeber vor 40 Jahren die Entscheidungshoheit über den Gebäude- und Raumbestand übertragen hat, sind nicht mehr die Grundsatzbekenner wie zu Zeiten der Gesetzesverabschiedung unterwegs. Auch in den übrigen Gremien sind Wortführer nachgerückt, die das Tempo der technischen und digitalen Entwicklung für ausschlaggebender halten als die Bindung an Tradition und Geschichte. Auch ein neues Verständnis von Geborgenheit und Heimat macht sich breit. Die Jungen sind nicht mehr so ortsgebunden beheimatet und regional eingewurzelt. Auch die Tatsache, dass zweistellige Prozentanteile eines Jahrgangs gleich nach der Schule national und international neue Bindungen beruflich wie privat eingehen, reduziert den Bevölkerungsanteil, der sich seiner Herkunft verbunden weiß. Dass wir international geworden sind, hat auch zur Folge, dass wir in unseren Bindungen weniger sensibel reagieren, uns leichter lösen.

Der Tag des offenen Denkmals in unserer Region: Hier gibt es weitere Informationen.

Genau das kriegt der Denkmalschutz zu spüren. Aus den unterschiedlichsten Quellen: Vor allem dort und dann, wenn sich auch konkret Verantwortliche nicht be- und getroffen fühlen. Die aktuelle Liste der Einreden zu kommunalen Vorhaben, die – losgelöst vom Standort und seiner Baugeschichte – so neu planen als gehe es um wertbefreites Neuland, ist lang. Das unsensibel ersetzte Hotel, die kommerzorientierte Umgestaltung einer historischen Innenstadt, die mit der aktuellen Wohnungsnot begründete Beseitigung eines eingewachsenen Ensembles fallen mir ein. Für das streitfrei gesetzte kommunale Entscheidungsprivileg, das einen Maulkorb für die Denkmalpflege bedeutet, wäre durchaus ein Nachjustieren der Vorschriften zugunsten des Bestandsschutzes angebracht. So wie der demokratische Rechtsstaat das Instrument von Bewährungsauflagen sonst handhabt, sollte er auch in dieser Streitfrage im Wettbewerb um die beste Lösung nicht ausgegrenzt bleiben.

Dass das dann zu Lasten aller am Prüfverfahren Beteiligten ausgelotet werden muss, versteht sich von selbst. „Leben und leben lassen“, das gibt kein Vorrecht zu bauen oder zu verhindern, sondern versieht Streitiges mit der Auflage, die Suche nach dem richtigen Weg nicht dem zuständigen Beamten zu übertragen, der zumeist noch weniger Bindung an die umstrittene Lokalität mitbringt als die Verfahrensbeteiligten. Das Gesicht Bayerns trägt viele Züge. Auch eine Gesetzesvorschrift muss beachten, dass verpflichtende Kompromisssuche in aller Regel das Stadt- und Landschaftsbild auf Sicht krönen helfen und können muss.

Denkmalschutz gehört zu den Fixsternen, den Himmelslichtern am Firmament: Er darf nicht zur Warnleuchte reduziert werden.

Weitere Beiträge in unserer Reihe Außenansicht lesen Sie hier.


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