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Donnerstag, 27. Juli 2017 21° 7

Soziales

Eine hochkomplexe Aufgabe

Die Berufsbetreuung hat sich gewandelt – von der Entmündigung zur Teilhabe an der Gesellschaft.

Thorsten Becker ist Vorsitzender des Bundesverbandes der Berufsbetreuer und Berufsbetreuerinnen.

Regensburg.Die gute Nachricht ist noch gar nicht überall angekommen. Und schon läuft sie Gefahr, von den schlechten Bedingungen überrollt zu werden. Die gute Nachricht: Entmündigung gibt es bereits seit 1992 nicht mehr. Wenn heute ein Mensch seine Angelegenheiten nicht mehr selber regeln kann, dann kann ihm von einem Gericht ein Betreuer zur Seite gestellt werden. Dieser soll mit seinem Klienten daran arbeiten, an der Gesellschaft teilzuhaben und dessen Rechte zu wahren.

Hierbei ist der Lebensentwurf des Klienten maßgebend. Der Klient soll zur eigenen Entscheidung befähigt werden – auch, wenn er für Laien scheinbar nicht auskunftsfähig ist. So fordert es auch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), welche die Bundesregierung 2007 unterschrieben hat.

Rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland erhalten derzeit eine Unterstützung durch gerichtlich bestellte Betreuer (davon rund 43 Prozent hauptamtlich und 57 Prozent ehrenamtlich). Das Gericht ordnet an, für welche Bereiche eine Betreuung eingerichtet wird: etwa die Vermögenssorge, die Gesundheitssorge oder die Vertretung gegenüber Behörden. Das Betreuungsgericht überprüft die Anordnung der Betreuung spätestens alle sieben Jahre und es kontrolliert den Betreuer.

Die Abwägung von Schutz und Freiheitsrechten stellt eine besondere Herausforderung für die Betreuung dar. Gesetzliche Betreuung ist inzwischen eine hochkomplexe Aufgabe geworden. So sind auch von den etwa 6700 Mitgliedern im Bundesverband der Berufsbetreuer und Berufsbetreuerinnen (BdB) rund 90 Prozent Akademiker.

Natürlich braucht es zusätzlich zu den Profis eine breite Ehrenamtlichkeit. Sonst ist diese wachsende gesellschaftliche Aufgabe nicht zu schaffen. Zumindest für die professionellen Betreuer sagen wir: Betreuung ist ein Vertrauensberuf. Und genau deshalb fordern wir schon lange, den Berufszugang zu regeln und eine Aufsicht zu schaffen, beispielsweise durch eine Kammer. Denn wir finden das Verhältnis von fehlenden Verbindlichkeiten, hoher Verantwortung und der Befugnis zu Grundrechtseingriffen höchst fragwürdig. Aus diesem Grund arbeiten wir an Berufsstandards.

Aber die Arbeit an Standards wird sich erheblich verlangsamen, wenn sich nichts an den Rahmenbedingungen ändert. Denn diese verschlechtern sich seit Jahren: Die Anforderungen steigen kontinuierlich. Die Zeitpauschalen reichen lange nicht mehr. Trotz Inflation und Kostensteigerungen wurde die Vergütung seit zwölf Jahren nicht erhöht. Eine Studie des Bundesjustizministeriums (BMJV) hat ergeben: Berufsbetreuer arbeiten derzeit im Schnitt mehr als sie bezahlt bekommen. Darunter leidet die Qualität der Arbeit. Einige Berufsbetreuer geben bereits aus wirtschaftlichen Gründen auf.

Die Regierungskoalition hat daher eine Gesetzesänderung in Auftrag gegeben für eine Erhöhung der Vergütung um 15 Prozent. Der Bundestag hat mit den Stimmen aller Fraktionen im Mai zugestimmt! Allerdings muss der Bundesrat noch zustimmen: Die Zukunft der Betreuung liegt in den Händen der Länder. Mehr Geld wäre ein erster Schritt. Um weiter Missstände zu vermeiden, muss an dem System gearbeitet werden. Nach einer Vergütungserhöhung wird sich der BdB mit Politikern über eine solche Reform austauschen.

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