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Donnerstag, 18. Januar 2018 7

Konflikt

Wunschzettel für den Jemen

Die Menschen in meiner Heimat sind vom Krieg erschöpft und ausgezehrt. Der Jemen braucht endlich Frieden.
Hind Abbas

Hind Abbas ist Kommunikationsassistentin bei CARE Jemen.

Berlin.Ein neues Jahr ist oft ein neuer Anfang. Eine neue Chance, Dinge anders zu machen und aus unseren Erfahrungen zu lernen. Mein Jahr 2017 war lehrreich, aber auch fordernd. Denn ich lebe im Jemen und damit tagein, tagaus im Krieg. Der Geruch von Schokoladenkuchen und Kaffee weckt in mir schöne Erinnerungen. Am Silvesterabend ging ich früher oft mit meinem besten Freund aus. Wir kauften uns neue Notizbücher und setzten uns in ein Café, wo wir Kaffee und ein warmes Stück Schokoladenkuchen bestellten. Danach schrieben wir eine lange Liste von Plänen und Wünschen in unsere neuen Notizbücher. Mit jedem Jahr wurden unsere Pläne, Notizbücher, Wünsche und Träume größer. Aber mit den Jahren wurde unser Leben auch komplizierter. Heute leben meine Freunde im Ausland.

Der Krieg im Jemen tobt seit fast drei Jahren. Tausende von Menschen sind geflohen. Drei Millionen Menschen sind Binnenvertriebene. Vor drei Jahren konnte ich noch problemlos durch die Straßen von Sana‘a laufen. Heute zerbricht mir der Anblick der zerstörten Gebäude das Herz. Die Jemeniten versuchen zu überleben. Aber ihre Gesichter zeugen vom schrecklichen Leid, das sie erlebt haben. Sie sind körperlich und emotional erschöpft. Sie verbringen Hunderte von Stunden damit, sich bei Luftangriffen oder Bodenbeschuss in Kellern zu verstecken. Die Schließung der Häfen hat die Lage noch verschlimmert, so dass acht Millionen Menschen am Rande einer Hungersnot stehen.

Als ich kürzlich ein Dorf besuchte, begrüßten uns bitterarme Menschen mit einem Mittagessen. Da fehlen einem die Worte. Was wünschen sich die Menschen im Jemen für 2018? Sie möchten wieder schlafen, ohne sich Sorgen um die Zukunft machen zu müssen. Sie wollen ein friedliches Leben führen, in dem Normalität und Stabilität, nicht Angst und Hunger dominieren. Sie wünschen sich Strom und sauberes Wasser und möchten ihre Kinder wieder zur Schule schicken. Sie wollen ohne Angst durch die Straßen gehen können. Ich wünschte, ich hätte einen Zauberstab, mit dem ich mein Heimatland zu einem Ort machen könnte, an dem jeder in Frieden leben kann. Ich werde dieses Jahr keinen Kaffee und Schokoladenkuchen mit meinem Freund teilen, kein neues Notizbuch kaufen. Aber ich weiß, was ich mir wünsche. Frieden.

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