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Sicherheit

50 Pädophile in Regensburg therapiert

Sexual-Ambulanz in Regensburg hilft potenziellen Tätern, keine Opfer zu suchen. Anlaufstelle seit sieben Jahren in Betrieb
Von Christine Schröpf, MZ

Pädophile können in Regensburg lernen, ihre Fantasien nicht auszuleben. Foto: dpa

Regensburg.Seit sieben Jahren therapieren Professor Michael Osterheider und sein Team in der Sexualwissenschaftlichen Ambulanz in Regensburg Pädophile: Damit Menschen mit dieser Neigung keine Kinder missbrauchen und sich von Kinderpornografie fernhalten. Prävention ist für Bayerns Justizminister Winfried Bausback von zentraler Bedeutung. „Wir können zwei Menschen retten: Den Täter, der nicht zum Täter wird. Das Opfer, das nicht zum Opfer wird“, sagte er am Freitag bei einer Pressekonferenz in München, bei der er eine Zwischenbilanz zum Projekt zog. Der Minister stellt zur Finanzierung der Einrichtung in Regensburg inklusive der Zweigstelle in Bamberg für 2017 und 2018 je 520  000 Euro zur Verfügung – mehr als in früheren Jahren, wie er betonte. Im Freistaat gibt es zwei der bundesweit zwölf Ambulanzen.

Kinderpornoring „kein Einzelfall“

Bestärkt fühlt sich der CSU-Politiker durch einen Fall, der erst im Juli für Schlagzeilen sorgte. Ermittler sprengten einen internationalen Kinderporno-Ring. Im Darknet, der dunklen Seite des Internets, waren auf einer Plattform mit dem zynischen Namen „Elysium“ Fotos von nackten Kindern zur Schau gestellt worden. „Elysium, das steht in der griechischen Mythologie für die Insel der Seligen. Ein nahezu paradiesischer Ort“, sagte Bausback. Seit Ende 2016 hätten sich mehr als 87 000 Nutzer auf die Plattform geklickt. „Menschen aus fast allen Bundesländern, auch über die Grenzen hinweg. Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft.“ Die Taten seien leider keine Einzelfälle. Die Opfer stets die, die wir am meisten beschützen wollen: „die Kinder“.

Kommentar

Helfen und hinsehen

Die Taten von Pädophilen sind abscheulich und durch nichts zu entschuldigen. Es verdient aber Anerkennung, wenn Menschen mit diese fatalen sexuellen Veranlagung...

Nach Schätzungen von Experten sind bis zu ein Prozent der männlichen Bevölkerung pädophil. Rechnet man das auf Bayern um, wären es rund 50 000. Osterheider will diese Zahl am Freitag nicht bestätigen. Der Leiter der Regensburger Ambulanz verweist ausdrücklich darauf, dass nicht jeder Pädophile automatisch zum Täter wird – und nicht jeder sexuelle Missbrauch von Kindern von Pädophilen verübt wird. Die Übergriffe werden in mindestens 30 Prozent der Fälle von Männern verübt, für die Kinder schlicht das leichtere Opfer darstellen, sagte Bausback.

Die Ein-Prozent-Pädophilen-Quote hält der Minister für „befremdlich. Das hätte ich nie so vermutet“, sagte er. 50 000 oder doch weniger Pädophile im Freistaat? Die Regensburger Ambulanz wurde jedenfalls seit 2010 von rund 1060 Pädophilen, ihren Partnerinnen oder anderen Angehörigen kontaktiert. Bei über 250 Männern wurde eine aufwendige Diagnose erstellt, über 150 erhielten ein Therapieangebot – einige wurden an alternative Stellen verwiesen. Bei 50 Patienten ist die mindestens eineinhalbjährige Behandlung inzwischen abgeschlossen. Sie werden im Viertel-Jahres-Rhythmus weiter begleitet. Denn die pädophile Neigung bleibt. In der Zweigstelle Bamberg wurden seit dem Start Ende 2015 insgesamt 19 Männer untersucht, fünf von ihnen haben eine Therapie gestartet.

Bilanz bei einer Pressekonferenz: Justizminister Winfried Bausback, Professor Michael Osterheider und die Therapeutin Petya Schuhmann. Foto: Schröpf

Zumeist in Gruppensitzungen wird mit Pädophilen unter anderem eingeübt, wie sie sich verhalten müssen, wenn der Wunsch nach sexuellen Kontakten mit Kindern aufflammt. Die Betroffenen durchbrechen mit der Therapie auch eine gesellschaftliche Isolierung. Therapeutin Petya Schuhmann spricht bei der Pressekonferenz von Erfolgen. Bei Kindesmissbrauch habe es bisher bei den Therapierten keinen Rückfall gegeben. „Bei der Kinderpornografienutzung sieht es anders aus“, sagte sie. Die Schwere des Konsums lasse aber in jedem Fall nach. Schuhmanns Einschätzung beruht auf Eigenangaben der Patienten, die sie aber für verlässlich hält. Sie äußerten sich offen – wegen der ärztlichen Schweigepflicht.

Störung entsteht in der Pubertät

Pädophilie ist nach offizieller Definition die andauernde Hinwendung zu vorpubertären Kindern. „Die Pädophilie hat sich derjenige, der Täter sein kann, nicht ausgesucht“, sagte Osterheider, der neben der Ambulanz auch die Abteilung für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Regensburg leitet. Die Neigung entsteht bei den Betroffenen in der Pubertät. Sexuelle Gefühle richten sich plötzlich nicht auf Gleichaltrige, sondern etwa die kleine Cousine, die erst fünf oder sechs Jahre alt ist.

„Die Pädophilie hat sich derjenige, der Täter sein kann, nicht ausgesucht.“

Professor Michael Osterheider

Warum ist es zu dieser psychiatrischen Störung kommt, ist bisher wissenschaftlich nicht geklärt. Osterheider arbeitet mit Partnern wie der Berliner Charite an der Erforschung. In den Pädophilen-Ambulanzen werden dazu Datensätze gesammelt. „Es hat wohl mit dem männlichen Sexualhormon im weiteren Sinne zu tun“, sagte er. Beleg dafür ist, dass es fast keine Frauen mit dieser fatalen Neigung gibt.

Hotline für Betroffene

Die Ambulanzen in Regensburg und Bamberg zählen elf Mitarbeiter, darunter sieben Therapeuten. Behandelt werden inzwischen auch nicht-pädophile Männer, die Kinder als potenzielle Opfer betrachten. Dieses Angebot sei „ein bayerisches Alleinstellungsmerkmal“, sagte Bausback. Die Hilfen sind kostenlos und anonym. Die Regensburger Ambulanz ist unter der Telefonnummer (0941) 94 11 088 und der Mailadresse kontakt@kein-taeter-werden-bayern.de erreichbar. Schuhmann verwies am Rande der Pressekonferenz auch darauf, was das Umfeld tun kann, wenn es den Verdacht auf Pädophilie oder Kindesmissbrauch gibt. „Sprechen Sie die Person offen an. Bieten Sie Hilfe an.“ Möglichst ohne die Betroffenen zu verurteilen. „Viele Patienten sind erst zu uns gekommen, nachdem es in der Familie aufgefallen ist“, sagte sie.

Die Pädophilen-Ambulanz in Regensburg war vom bayerischen Landtag auf den Weg gebracht worden, mit einigen Anlaufschwierigkeiten. Die Regensburger Landrätin Tanja Schweiger (Freie Wähler) hatte – damals noch als Abgeordnete – besonders stark angeschoben.

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  • AO
    Angelika Oetken
    11.08.2017 18:59

    Wenn bislang kaum Frauen als in klinischer Hinsicht von Pädophile betroffen identifiziert worden sind, könnte es auch daran liegen, dass Frauen im Sinne der traditionellen Geschlechterrollen noch mehr als pädophile Männer dazu neigen, es umzudeuten, wenn sie davon phantasieren, Kinder sexuell auszubeuten bzw. ihre Wünsche konkret in die Tat umsetzen. Und da die Frau als Täterin selbst für viele Fachleute immer noch schwer vorstellbar ist, hat sie auch kaum jemand auf dem Schirm. Kindesmissbraucherinnen fliegen den Kinderschützern und den Sexualtherapeuten buchstäblich unterm Radar davon.

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    • AO
      Angelika Oetken 11.08.2017 19:13

      Der Frage, ob sich einige solcherart biografisch geschädigte Frauen bei (ihren) Kindern holen, was sie in sexueller Hinsicht zu vermissen glauben, sollte man nachgehen. Wenn ein Mädchen als Kind den Körper eines erwachsenen Mannes, insbesondere seine Genitalregion, als Quelle von Schmerz, Ekel und Angst kennen lernt, liegt es eigentlich nahe, dass es ein ähnliches, aber weniger aggressiv erscheinendes Körperschema, nämlich den eines Jungen als in sexueller Hinsicht attraktiver wahrnimmt.

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    • AO
      Angelika Oetken 11.08.2017 19:14

      Frauen wurde bis vor wenigen Jahrzehnten gar keine eigene Sexualität zugestanden. Man erwartete lediglich von ihnen, dass sie sich ihren Ehemännern sexuell zur Verfügung stellten. In sehr konservativen Gefügen auch das nur zum Zwecke der Reproduktion. Über sexuellen Missbrauch wurde nicht gesprochen. Wenn missbrauchte Mädchen als Opfer identifiziert worden waren, dann drohte ihnen Ausgrenzung, indem man sie psychiatrisierte oder in Heimen verschwinden ließ. Oft äußerte man gegenüber den Schilderungen der Opfer Unglauben, obwohl man meistens genau Bescheid wusste.

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  • AO
    Angelika Oetken
    11.08.2017 18:33

    Prof. Osterheiders Verweis ist wichtig. Denn das Gros der Menschen, die Kinder missbrauchen bzw. Missbrauchsabbildungen, so genannte "Kinderpornografie" konsumieren, ist gar nicht im klinischen Sinne pädophil. Aber in ihrer sexuellen Identität und Praxis gestört. Wie viele davon Frauen sind, ist genauso schwer zu ermitteln, wie die verschiedenen Motive der TäterInnen, Kinder sexuell auszubeuten, sexualisiert zu misshandeln und zu missbrauchen. Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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    • AO
      Angelika Oetken 11.08.2017 18:52

      Wenn Minister Bausback die Rate von einem Prozent an Pädophilen innerhalb der männlichen Bevölkerung als "befremdlich" empfindet, wie hätte er dann wohl auf die Feststellung von Thomas Knecht reagiert. Einem forensischen Psychiater, der im März diesen Jahres im Schweizer Fernsehen feststellte, dass ein Fünftel aller Männer von etwas phantasieren, was er als „Sex mit Kindern“ bezeichnete. Im Tagesanzeiger wurde davon unter der Überschrift „Jegge ist überall“. Abgesehen davon, dass wir nicht wissen, wie vielen Frauen es ähnlich geht, zeigt dies, wie verbreitet solche Vorstellungen innerhalb der Bevölkerung sind.

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