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Donnerstag, 14. Dezember 2017 4

Parteien

Kohnen geht mit Genossen auf Kurs 4.0

Die SPD-Chefin möchte der CSU die Butter vom Brot nehmen. Das wollten schon andere. Aber ihre Ideen sind cooler, sagt sie.
Von Wolfgang Ziegler, MZ

Natascha Kohnen glaubt nach wie vor an die Chance der SPD bei der Bundestagswahl: „Wir haben noch drei Monate!“ Foto: Ziegler

Regensburg.Lange Hose, langärmelige Bluse, beides dunkelblau – auf den ersten Blick könnte man die neue bayerische SPD-Chefin für eine Stewardess von Air Berlin halten. Aber Natascha Kohnen serviert keinen Tomatensaft, obwohl der aufgrund seiner Farbe gut zu ihr passen würde. Natascha Kohnen sitzt im Cockpit. Vermutlich kommt sie sich dort derzeit manchmal auch so vor wie eine Pilotin der Pleiten-Pech-und-Pannen-Airline. Verspätungen und Turbulenzen gab und gibt es auch in ihrer Partei.

Am Donnerstagabend im Regensburger Presseclub ist davon nichts zu spüren, die Nachfolgerin des selbst in den eigenen Reihen wenig beliebten Florian Pronold sprüht vor Tatendrang und Optimismus, glaubt an sich, ihre Partei, das Wahlprogramm der SPD und ihre Ideen. Eine davon, die sie schon in ihrer Erwiderung auf die Regierungserklärung von Ministerpräsident Horst Seehofer zur Digitalisierung vorgebracht hat, ist die Aufhebung des Handy-Verbots in Schulen. Die jungen Leute seien quasi mit dem Smartphone in der Hand geboren und wüssten auf diesem Gebiet meist mehr als ihre Lehrer, sagt sie. „Deshalb gilt es jetzt, mehr Freiheit in die Schulen zu bringen, die Kinder müssen mit dem Internet lernen können.“ Insgesamt sieht Kohnen in ihrem Vorstoß mehr Chancen als Risiken – vor allem dann, wenn in den Schulen vermittelt werde, das immense Wissen, das das Internet berge, richtig einzuordnen.

„Wir sind wild entschlossen“

Auf die Fragen von Moderatorin Christine Schröpf, der Landtagskorrespondentin unseres Medienhauses, spricht sich die SPD-Landesvorsitzende zudem für digitale Klassen nach dem Vorbild der Niederlande aus. Schüler müssten sich auch einfach einmal in irgendwelchen Ecken zusammensetzen können und dort vernetzt arbeiten, wo es gerade passt oder gefällt. „Das Schulsystem muss sich öffnen, man muss mehr Kreativität zulassen“, sagte sie. Der immer noch praktizierte Frontal-Unterricht mit dem Lehrer vor der Klasse sei ein Auslaufmodell.

Die Bildungspolitik im Freistaat ist nur ein Thema, mit dem Natascha Kohnen für ihre Partei punkten will. Auch das Steuerkonzept der SPD und die von ihr persönlich geforderte „Millionärssteuer“ hält die neue Frontfrau für geeignet, die Sozialdemokraten wieder in ein besseres Licht zu rücken. Nach dem schnellen Verpuffen des sogenannten Schulz-Effekts Anfang des Jahres lag die SPD in Umfragen zuletzt um die 20 Prozent, weshalb Kohnen von einer jetzt notwendigen Aufholjagd spricht – und vom Glauben an eine zweite Chance für die SPD. Martin Schulz habe einen Fehler gemacht, als er sich vor der NRW-Wahl etwas zurückgezogen und das Feld allein der damaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft überlassen habe, bekennt sie. „Aber wir sind noch immer wild entschlossen. Die SPD hat zu 100 Prozent für ihr Wahlprogramm gestimmt, und wir haben noch drei Monate.“

Nun sei es Aufgabe jedes Kandidaten, dieses Programm so zu übersetzen, dass es vom Bürger verstanden werde. Beispielsweise müsse erklärt werden, was das Steuerkonzept der Sozialdemokraten für jeden Einzelnen bedeute. Und es müssten die direkten Entlastungen gerade für untere und mittlere Einkommen aufgezeigt werden. Die von ihr propagierte „Millionärssteuer“ – im Presseclub nannte sie diese auch „Extremverdienersteuer“ – sei ihrer Meinung nach „eine Frage des sozialen Miteinanders“. Wer mehr habe, müsse mehr beitragen, damit diejenigen, die weniger hätten, mitkommen könnten.

Nichtwähler ins Boot holen

Viel verspricht sich die SPD-Chefin auch von den ins Leben gerufenen Basecamps, die sie als „Experimentierkasten“ und Denkfabrik ohne Verbote ansieht. Ihre Partei verzeichne seit Anfang des Jahres rund 2000 Neueinsteiger, von denen viele unter 30 Jahren alt seien. „Die finden in den Ortsvereinen nicht immer das vor, was sie selbst politisch im Kopf haben“, so Kohnen. Daneben seien auch viele Kulturschaffende unter den neuen Mitgliedern, die sich um die Demokratie sorgten, und kreative Köpfe, die extrem viele Ideen hätten und der SPD Schwung geben könnten. Von ihnen allen sollten die Funktionäre in den Basecamp lernen. Der Phantasie seien dort keine Grenzen gesetzt.

Mit dieser Graswurzelbewegung 4.0 will sich Kohnen bewusst auch von der CSU absetzen, die der Bayern-SPD nach ihren Worten ohnehin viel Platz lasse – „weil wir nicht so sind wie die“. Die Christsozialen würden den Freistaat von oben herab entwickeln. Das funktioniere nach ihrem Dafürhalten nicht, bei der jüngeren Generation schon gar nicht. „Wenn man Nichtwähler gewinnen will, muss man sie ins Boot holen, muss man sie mitmachen lassen“, skizziert Kohnen ihre Philosophie. „Wir unterscheiden uns von der CSU einfach in der Mentalität, wir sind cooler als die!“ Das machte die SPD-Chefin auch am Thema „Ehe für alle“ fest. „Damit haben wir einen Nerv getroffen!“ Es gebe nämlich viele Menschen im Land, die diskriminiert würden, weil es die „Ehe für alle“ bislang nicht gebe. Die Union wisse nicht, wie weit die Gesellschaft schon sei – und habe sich, zumindest in diesem Punkt, schlichtweg verkalkuliert.

Natascha Kohnen

  • Die neue Landesvorsitzende

    der Bayern-SPD wurd am 27. Oktober 1967 in München geboren und wuchs im Stadtteil Maxvorstadt auf.

  • In Regensburg

    studierte sie von 1987 bis 1992 Biologie.

  • Mit ihrer Familie lebt sie

    seit November 1999 in der Gemeinde Neubiberg im Landkreis München.

  • Mitglied der SPD

    ist sie seit Februar 2001.

  • Sie war

    unter anderem stellvertretende Vorsitzende der SPD München-Land (2003-2009).

  • Landtagsabgeordnete

    für München-Land Süd ist sie seit 2008, Mitglied im Fraktionsvorstand der SPD-Landtagsfraktion seit 2009.

  • Als Generalsekretärin

    der Bayern-SPD fungierte sie von 2009 bis 2017.

  • Daneben arbeitete sie

    als Vorsitzende des SPD-Kreisverbandes München-Land (2013-2015).

  • Seit Dezember 2015

    ist sie Mitglied im Parteivorstand der SPD im Bund.

  • Am 20. Mai 2017

    wurde sie zur Landesvorsitzenden der Bayern-SPD gewählt.

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