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Bundestagswahl 2017
Dienstag, 21. November 2017 5

Wahlkampf

Mit Claudia Roth wird es emotional

Im Regensburger Presseclub wirbt die Grünen-Politikerin leidenschaftlich für Menschenrechte und Demokratie.
Von Christine Straßer, MZ

Mit Claudia Roth im Wahlkampfmodus erleben die Zuhörer im Regensburger Presseclub ein Wechselbad der Gefühle. Foto: Straßer

Regensburg.Auch mit 62 Jahren kann sich Claudia Roth noch so richtig aufregen. Am Freitagabend im Regensburger Presseclub zum Beispiel über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, weil wir uns von ihm „sträflich erpressbar“ gemacht haben, wie die langjährige Grünen-Bundesvorsitzende findet. Über die Vorwürfe an Organisationen wie die Regensburger Lebensretter von Sea Eye. Die hätten stattdessen Schutz und eine Auszeichnung verdient. Oder darüber, dass das Pflanzenschutzmittel Glyphosat in Deutschland auf die Äcker und in die Vorgärten darf, obwohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass Glyphosat krebserregend ist. Das seien „mit die abenteuerlichsten Debatten“ gewesen, die sie im Bundestag miterlebt habe. Und nun als Bundestagsvizepräsidentin bekomme sie ja viel mehr mit.

Wenn sich Roth über diese Themen ärgert, kippelt und wackelt ihre hohe Stimme. Schnell wird es bei ihr emotional. Daran hat sich auch nichts geändert, seit sie leicht erhöht über den anderen Abgeordneten sitzt. Auch als Bundestagsvizepräsidentin hat sie sich nie nur aufs Repräsentieren verlegt. Demokratie, Menschenrechte, Flüchtlinge sind die Themen, die sich durch ihr politisches Leben ziehen. Mit ihrer Mischung aus Angriffslust und farbenfrohem Kleidungsstil zieht sie aber auch immer wieder Spott auf sich. Kaum jemand polarisiert so sehr wie die Schwäbin. Roth gehört zwar schon seit 2012 nicht mehr zu dem Kreis derjenigen, die in der Partei die Strippen ziehen. Im Bundestagswahlkampf könnte sie mit ihrer Stimme, die noch immer von vielen gehört wird, für Stimmen für die Grünen sorgen.

Klimapolitik spielt eine große Rolle

Angesichts schlechter Umfragewerte für die Grünen ist Roths Wirkmacht bedeutsam. Denn obwohl sich mit Dieselaffäre, Fipronil-Skandal und der Türkei im müden Sommerwahlkampf Paradethemen für die Partei auftaten, versäumten es die Grünen damit auch zu punkten. Nur auf sieben bis acht Prozent würden sie nach derzeitigem Stand kommen.

In den nächsten Wochen muss viel passieren, gibt Roth zu. Eine große Rolle werde die Klima- und Verkehrspolitik spielen. Außerdem gefragt seien Ideen für einen Wandel in der Landwirtschaft. Dafür brauche es die Grünen. „Ich wäre unglaublich glücklich, wenn Frau Merkel nicht nur eine grüne Jacke hätte, sondern auch Klimakanzlerin wäre“, sagt die Spitzenpolitikerin. Roth ist überzeugt, dass die Energiewende und der Ausstieg aus der Kohle, was natürlich nicht leicht sei, ohne die Grünen nicht umgesetzt werden werden. „In diesen Bereichen sind wir unverzichtbar.“

Für Roth ist ganz klar, dass die Grünen bei der Bundestagswahl am 24. September den dritten Platz erreichen müssen, damit überhaupt die Voraussetzung gegeben ist, dass die Partei über eine Regierungsbeteiligung verhandeln kann. Eine schwarz-grüne Koalition sieht die Altlinke, die mit dem CSUler Günther Beckstein eine Freundschaft verbindet, im Bereich des Möglichen. Mit einer Christian-Lindner-Partei, wie sie die FDP nennt, kann sich Roth das hingegen viel weniger vorstellen.

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Demokratisch streiten

Die ehemalige Europaabgeordnete mahnt an, die europäische Idee zu verteidigen. „In Zeiten, in denen wir von Demokratiefeinden umgeben sind, müssen wir beweisen, dass die Demokratie die beste Staatsform ist“, sagt Roth. Nachdenklich wird Roth, wenn sie in der Rolle der Bundestagsvizepräsidentin spricht. Sie schildert ihre Beobachtung, dass sich in den Landesparlamenten, in denen die AfD eingezogen ist, sehr viel geändert habe: die Zusammenarbeit, das Vertrauen, der Ton, der sehr bösartig werde. Für die Mitglieder im Präsidium, die künftig Sitzungen leiten, werde es sehr wichtig sein, deutlich zu machen, wo die Grenzen von Meinungsfreiheit überschritten werden. Den parlamentarischen Umgang miteinander sieht Roth gefährdet. Es werde wichtiger, aufzuzeigen, was demokratisch zu streiten bedeutet.

Tränenfeucht werden Roths Augen, als sie von ihrem Besuch im Büro für Leichte Sprache in Regensburg erzählt. „Wir müssen alles dafür tun, die Rahmenbedingungen an die großartige Individualität von Menschen anpassen“, fordert sie und entschuldigt sich, dass sie „wieder so emotional“ werde. Aber das geht bei ihr wohl nicht anders.

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