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Franziskus ist neuer Papst - Artikel
Dienstag, 4. August 2015 30° 1

Papst-Rücktritt

„Ratzinger geht jetzt in ein Gefängnis“

Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert spricht im Interview über die Zukunft von Papst Benedikt in Rom. Er stuft den Rücktritt als „moderne“ Amtsauffassung ein.

Prof. Dr. Wolfgang Beinert Foto: MZ-Archiv

Herr Professor Beinert, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie vom Rücktritt Benedikt XVI. hörten?

Beinert: Im Nachhinein betrachtet kam er nicht überraschend. Beim letzten Treffen des Schülerkreises im August 2012 in Castel Gandolfo hatte der Papst zum Abschied gesagt, er wisse nicht, ob er im nächsten Jahr wieder dabei sein werde. Das müsse der Barmherzigkeit Gottes überlassen bleiben. Ich deutete das als eine Floskel. Weihnachten kam dann ein Brief vom Sprecher des Schülerkreises zur nächsten Begegnung mit dem Hinweis, noch stehe nicht fest, ob der Heilige Vater dabei sein werde. Da bin ich dann stutzig geworden.

In der Audienz am Aschermittwoch betonte Benedikt XVI., er habe die Entscheidung „in voller Freiheit zum Wohl der Kirche“ getroffen.

Diese Formulierung ist die Bedingung für einen Rücktritt entsprechend dem Kirchenrecht. Für seine Entscheidung habe ich Verständnis. Wenn die Kräfte schwinden, muss man dem Körper wohl oder übel gehorchen.

Wie ist dieser Rücktritt dogmatisch einzuordnen?

Ob jemand ein Amt annimmt und wie lange er es ausführt, hat mit dem Dogma nichts zu tun. Mit diesem hat aber zu tun, wie das Amt beschrieben wird. Darüber gibt es unterschiedliche theologische Ansichten. Früher war die übereinstimmende Meinung, ein Amt verleihe dem Inhaber eine neue ontologische Qualität. Nach der klassischen Dogmatik prägt die Priester- und Bischofsweihe ein „unauslöschliches Merkmal“ ein. Man folgerte daraus, dass einer mit dem Amt untrennbar und lebenslänglich verbunden bleibt, also nicht zurücktreten könne.

Die Gegenansicht?

Nach wie vor hält die Dogmatik am unauslöschlichen Merkmal fest. Nur wird das Amt zuerst als eine Funktion angesehen, die beschrieben wird durch bestimmte Tätigkeiten. Wenn ich diese nicht mehr ausüben kann, kann ich oder muss ich das Amt niederlegen. Dessen theologische Voraussetzungen bleiben aber. Der Papst hat sich für diese Interpretation entschieden. Dass sein Schritt bei vielen eine so große Verwunderung auslöst, mag auch auf Dante zurückgehen. Der italienische Dichter hat den 1294 von seinem Amt freiwillig zurückgetretenen Papst Coelestin V. für diese Tat in seiner „Divina Comedia“ in die Hölle gesteckt und sein Vergehen als „große Verweigerung“ bezeichnet. Er warf ihm Feigheit vor. Auch dieser Tage gibt es Stimmen, die Benedikt XVI. als feige bezeichnen.

Ist Benedikt XVI. somit ein „moderner Papst“?

Ja. Im Grunde vollzieht der Papst nur, was das Neue Testament über das Amt sagt. Das aber ist im Laufe der Jahrhunderte durch die ontologische Auffassung, die mit der griechischen Philosophie zu tun hat, bis zum Zweiten Vatikantischen Konzil verdeckt worden. Mit seinem jetzigen Schritt achtet der Papst das Amt und stellt es über seine persönlichen Befindlichkeiten. Er sieht es, wie die neutestamentlichen Autoren, in erster Linie als Dienst.

Welche Akzente hat der Papst in seiner Amtszeit gesetzt?

Für eine Bilanz ist es zu früh. Ein noch nicht gehobener Schatz sind seine Enzykliken, vor allem „Deus caritas est“. Wenn man sie fruchtbar machen würde für die Kirche, dann könnte diese nicht so bleiben, wie sie ist. In dem Text ist ein Sprengpotenzial enthalten. Wenn das explodiert, wird sich etwas ändern. Momentan haben aber noch nicht alle in der Kirche das wahrgenommen.

Sie waren immer ein kritischer Begleiter des Papstes.

Er hat ja auch regressive Akzente gesetzt, Stichwort: Piusbrüder. Meiner Meinung nach ist eine Verständigung nicht möglich, solange beide Seiten auf ihrer Position beharren. Und sie müssen das, denn der Papst kann nicht vom Konzil herunter, und die Piusbrüder können es nicht anerkennen, sonst verlieren sie ihre Daseinsberechtigung.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf für einen Nachfolger?

Oh. Der tut mir jetzt schon leid. Die Kirche steht an einem Scheideweg. Sie kann den seit 200 Jahren gängigen antimodernistischen, antireformerischen und regressiven Kurs fortsetzen - und wird dann weiter an Bedeutung verlieren. Sie kann aber auch den Weg der Reform gehen und von ihren Ursprüngen her einen offenen Dialog mit den geistigen Kräften der Gegenwart führen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Anlauf dazu unternommen, ist aber dann im Sprung gehemmt worden. Er muss aber vollendet werden.

Wie würden Sie einen Papst im Ruhestand ansprechen?

Wenn ich es zu bestimmen hätte, würde ich sagen: Alt-Bischof von Rom. In seiner Rücktrittserklärung hat Benedikt XVI. gesagt, er lege das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers des heiligen Petrus nieder. Da ist jedes Wort wohl erwogen. Im Konklave wird genau genommen der Bischof von Rom gewählt, der dann Papst heißt und weltkirchliche Aufgaben hat. Wenn diese Person das Amt aufgibt, gibt sie direkt das Amt des römischen Bischofs ab und ist dann eben Alt-Bischof von Rom.

Werden Sie weiter zu ihm Kontakt halten?

Ob das möglich ist, wird sich zeigen. Joseph Ratzinger geht jetzt gleichsam in ein Gefängnis. Er wird kein lautes Wort mehr sagen dürfen.

Wird er weiter publizieren?

Beinert: Schreiben wird er bestimmt. Er wird aber vermutlich den Weg der Klugheit gehen, seine kommenden Werke der posthumen Veröffentlichung zu überlassen. (kna)

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