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Regensburg
Montag, 11. Dezember 2017 4

Politik

Krematorium: Stadt rüstet jetzt nach

Die Öfen in Regensburg sollen zügig saniert werden. Ein Mitarbeiter, der eine Abgasbelastung moniert hatte, wurde entlassen.
Von Julia Ried, MZ

Die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt gegen „eine größere Anzahl von Mitarbeitern“ des städtischen Krematoriums. Fotos: Tino Lex

Regensburg.Nach Vorwürfen eines Mitarbeiters der Stadt, im Regensburger Krematorium gefährde Kohlenmonoxid die Gesundheit der Beschäftigten, hat der zuständige Stadtratsausschuss am Donnerstag einstimmig die Nachrüstung der Öfen beschlossen. Diese Entscheidung kommt plötzlich: Hatte die Stadt noch im Frühsommer keinen akuten Handlungsbedarf bezüglich der Abgase bekannt gegeben, sollen nun die „Rauchgasanlagen“ erneuert werden, und das zügig. Der Krematoriums-Mitarbeiter, der einen Vorgesetzten bei der Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung angezeigt hatte, ist inzwischen nicht mehr im Dienst. Ihm wurde fristlos gekündigt. Die Staatsanwaltschaft geht seiner Anzeige im Rahmen der Ermittlungen gegen „eine größere Anzahl“ von Mitarbeitern im städtischen Bestattungswesen, wie es Oberstaatsanwalt Theo Ziegler am Donnerstag formulierte, aufgrund diverser Vorwürfe nach.

Einen Zusammenhang zwischen den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Erneuerung der Öfen bestritt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. Bei einem Ortstermin mit Technikern der Stadt, der Arbeitssicherheit und des Anlagenherstellers sei entschieden worden, die ohnehin geplante Sanierung der Anlage um ein Jahr vorzuziehen, erklärte sie. Der Leiter des Bürgerzentrums, Peter Müller, erläuterte dazu im Verwaltungsausschuss, nur bei seltenen Störfällen – nicht aber kontinuierlich, wie vom Anzeigeerstatter behauptet, dringe Abgas in den Innenraum. Dann aber warne ein Alarm die Mitarbeiter. Wie oft das passiere, könne er nicht sagen, „weil leider in der Vergangenheit ein Betriebsbuch nicht entsprechend geführt wurde“.

In der Beschlussvorlage der Verwaltung für den Stadtrat heißt es, die Abgasanlagen hätten das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Es könne davon ausgegangen werden, „dass die Anlagen nur noch wenige Jahre einen Betrieb des Krematoriums gewährleisten können“, genannt ist ein Zeitraum zwischen einem und drei Jahren. Die Verantwortlichen stellen fest, auch „die Bearbeitung der in eine jeweilige Urne zu füllende Asche“ müsse verbessert werden. Bisher müssten die Mitarbeiter dabei eine Staubschutzmaske tragen, da „gegebenenfalls die Konzentration von chemisch belastetem Staub in den Arbeitsräumen zu hoch ist“.

CO-Werte zu häufig überschritten

In der Beschlussvorlage steht zudem: In den vergangenen Jahren seien die Kohlenmonoxid-Grenzwerte, gemessen außen am Schornstein, zu häufig überschritten worden. „Die Filteranlagen sind aus dem Jahr 1994 und abgewirtschaftet. Sie müssen ersetzt werden.“ Insgesamt kommt die Verwaltung zu dem Schluss, ein Vertrag mit einem Ingenieurbüro zur Planung der Erneuerung solle „unverzüglich“ abgeschlossen werden.

Im Frühsommer hatte sich die Verwaltung in Bezug auf den Zustand der Krematoriums-Technik noch erheblich zurückhaltender geäußert. In einer Antwort auf eine Anfrage von CSU-Stadtrat Markus Jobst hatte sie zwar eingeräumt, dass eine Ofenlinie eine Grenze für Kohlenmonoxid-Überschreitungen nicht eingehalten habe. Allerdings lägen die Mittelwerte deutlich unterhalb des Grenzwertes. Abschließend hatte die Verwaltung festgehalten, eine grundlegende Sanierung sei für das Investitionsprogramm 2020 angemeldet worden. In dem Schreiben wird nicht erwähnt, dass Kohlenmonoxid in den Innenraum gelangen könne. Jobst fühlt sich verschaukelt. „Wir wurden immer in Sicherheit gewogen“, sagte er der Mittelbayerischen. Nun gebe es „auf einmal“ eine Verwaltungsvorlage, „in der sehr wohl steht, dass die Gesundheit hätte gefährdet werden können“. Im Verwaltungsausschuss erkundigte er sich, warum dem Anzeigeerstatter gekündigt worden sei, bekam jedoch mit dem Hinweis, dieses Thema könne nur nichtöffentlich besprochen werden, keine Antwort. Die Stadtsprecherin beantwortete die Frage der Mittelbayerischen, warum sich die Verwaltung von dem Mitarbeiter trennte, ebenfalls nicht. Die CSU forderte auch eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zum Krematorium.

Die Stadt hat inzwischen mit personellen Konsequenzen auf die Vorwürfe gegen Krematoriums-Mitarbeiter reagiert. Nach Informationen der Mittelbayerischen wurde eine Ex-Führungskraft der Abteilung vorläufig des Dienstes enthoben. Gegen eine weitere Führungskraft hat die Stadt ebenfalls ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Der Mitarbeiter übt seine bisherige Position nicht mehr aus, ist aber noch in der Verwaltung tätig. Im Februar war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Mitarbeiter des städtischen Betriebs ermittelt. Sie geht dem Verdacht nach, dass bei Einäscherungen fremde Körperteile mitverbrannt worden sind, und prüft auch Betrugsvorwürfe. Im Februar war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Mitarbeiter des städtischen Betriebs ermittelt. Sie geht dem Verdacht nach, dass bei Feuerbestattungen fremde Körperteile mitverbrannt worden sind, und prüft auch Betrugsvorwürfe.

Stadt sagt nichts zu den Vorwürfen

Die Stadt möchte zu diesen Vorwürfen keine Stellung nehmen, solange die Ermittlungen laufen. SPD-Fraktionschef Dr. Klaus Rappert wollte sich zur Frage, ob ein Zusammenhang bestehe zwischen den Vorwürfen, der Nachrüstung der Öfen und der Kündigung des Anzeigeerstatters, nicht äußern. Er sagte zum aktuellen Beschluss nur: „Wenn eventuelle Gefahren identifiziert sind, muss man sicherheitshalber eingreifen.“

Die Ermittlungen

  • Die Vorwürfe:

    Die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt seit August 2016 wegen angeblicher Vorfälle in dem Krematorium der Stadt. Mitarbeiter sollen zwischen 2011 und Mai 2015 in rund 200 Fällen bei der Feuerbestattung unter anderem fremde amputierte Körperteile mitverbrannt haben. Außerdem sollen Beschäftigte des Betriebs Urnen auf dem normalen Postweg versandt haben, während den Hinterbliebenen das Geld für den deutlich teuereren Urnenversand abgerechnet worden sein soll, und bei Trauerfeiern für wohltätige Zwecke gedachtes Geld zweckentfremdet haben.

  • Die Reaktion der Stadt:

    Die Stadt Regensburg äußert sich derzeit zu den Vorwürfen gegen ihre Mitarbeiter nicht. Sie hat allerdings nach eigenen Angaben veranlasst, dass die Einfahrt der Särge in den Ofen mit Kameras überwacht wird. Außerdem werde nun grundsätzlich im Vier-Augen-Prinzip gearbeitet. Ein früher offener Hintereingang sei seit Längerem abgeschlossen.

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