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Regensburg
Freitag, 22. September 2017 21° 2

Politik

Leichtes Spiel für Martin Schulz

Einen großen Teil der Zuhörer auf der Regensburger Dult stellten Genossen. Auch viele andere fanden den Kandidaten glaubhaft.
Von Julia Ried, MZ

  • Mit den Daumen in der Luft grüßte Martin Schulz sein Publikum im Glöcklzelt. Das empfing ihn wohlwollend. Foto: Tino Lex
  • Schulz’ Rede wurde heftig beklatscht. Foto: Tino Lex

Regensburg.Der Martin Schulz aus dem Fernsehen sei ihr eher unsympathisch, das sagte Gertraud Haselbeck ganz klar. Die Sinzingerin war am Freitagnachmittag mit ihrer Tochter und deren Freunden ins Glöcklzelt gekommen, um den SPD-Kanzlerkandidaten persönlich zu erleben. An einem Tisch in der Nähe des Eingangs hatte die schlanke 57-Jährige mit den glatten hellblonden Haaren Platz genommen. Sie saß hinter den vielen roten Bänken im Mittelschiff, die die SPD mit Tischdecken und Parteifähnchen als Plätze für Genossen markiert hatte: als Unentschlossene, die noch nicht weiß, welcher Partei sie am 24. September ihre Stimme gibt.

Uli Grötsch, Generalsekretär der Bayern-SPD und Weidener SPD-Direktkandidat, versprach den Wählern im Vorprogramm viel. „Sie werden heute als ein anderer Menschen herausgehen, als Sie hereingegangen sind“, sagte er. „Weil Martin Schulz wirkt wie kein anderer. Weil die persönliche Begegnung mit ihm, das Erleben dieser herausragenden Persönlichkeit, etwas mit einem macht.“

Etwa 1000 Plätze für Mitglieder

Bei einem großen Teil des Publikums hatte Schulz ohnehin leichtes Spiel. Etwa 1000 Sitzplätze waren für Mitglieder vorgesehen, hieß es von der SPD. Die Genossen füllten viele davon. An einigen roten Bänken fanden aber auch andere Zuhörer einen Platz im mit gut 2000 Menschen recht vollen Zelt. Im Mittelteil, hinter der Riege der SPD-Funktionäre, -Mandatsträger und -Kandidaten in den ersten Reihen, verfolgten viele langjährige Genossen den Auftritt von Martin Schulz. Hier saßen der 78-jährige Walter Annuß, bis 2002 29 Jahre lang für die SPD im Stadtrat und von 1990 bis 1996 zweiter Bürgermeister von Regensburg, und der 72-jährige Dr. Johann Berger aus dem SPD-Ortsverein Kumpfmühl schon am frühen Nachmittag: gespannt, aber doch reserviert. Er lasse sich nicht leicht begeistern, betonte Annuß. Berger bedauerte: „Der Schulz leidet extrem darunter, dass er vom Parteitag so hochgejubelt wurde.“ Im Bierzelt gelte jetzt: „Es funktioniert nur so, dass er seine Position klar darlegt. Es muss glaubhaft rüberkommen.“

Martin Schulz im Glöckl-Zelt

Das Regional-Programm überließ der Kanzlerkandidat seinen Vorrednern, zu denen die Oberpfälzer Direktkandidaten Dr. Tobias Hammerl (Wahlkreis Regensburg), Johannes Foitzig (Amberg-Neumarkt), Uli Grötsch, Marianne Schieder (Schwandorf-Cham) sowie Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer zählten. Die Bürgermeisterin nutzte die Gelegenheit auf der Bühne im Glöcklzelt zu einem Appell für mehr Mittel für den sozialen Wohnungsbau. „Wir haben einen sehr angespannten Wohnungsmarkt. Wir brauchen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum.“

Schulz hörte das nicht. Und doch versprach er schon in den ersten Minuten seiner 45-minütigen Rede, bald nachdem er die ehemalige Oberbürgermeisterin Christa Meier als seine frühere Lehrerin begrüßt hatte: „Nach der Bundestagswahl wird mit diesem Mietwucher aufgeräumt.“ Zu Regensburger Themen äußerte er sich nicht. Zum Korruptionsskandal ließ er sich während seines Einmarsches gegen 15.15 Uhr nur wenig von Journalisten entlocken. „Es gibt starke Menschen und es gibt schwache Menschen. Und die gibt es in allen Parteien“, sagte er. Die Situation in Regensburg sei „bedauerlich“, zu laufenden Verfahren könne er sich aber nicht äußern.

„Fast alle Probleme rübergebracht“

Im Zelt würdigten selbst Menschen, die sich als konservative Wähler bezeichnen, Schulz als starken Redner. Auch Genossen, die nicht immer mitklatschten – und geklatscht wurde regelmäßig und heftig –, zeigten sich zufrieden. „Bei allen wesentlichen Dingen hat er recht“, lautete Annuß’ Fazit. Berger bestätigte: „Er hat nahezu alle Probleme rübergebracht und auch glaubhaft.“ Das Thema Energiewende fehlte dem Ingenieur allerdings, auch die Frage des Umgangs mit Flüchtlingen aus Afrika hätte Schulz ansprechen sollen, fand er.

Viele SPD-Anhänger jubelten im Bierzelt im Stehen. Foto: Tino Lex

Auch weiter hinten im Zelt wirkte Schulz. Erstwähler Ulrich Oberhofer (21) erzählte: „Ich fand ihn überzeugend. Man hatte den Eindruck, dass er hinter dem steht, was er sagt.“ „Keine leeren Floskeln“ habe Schulz verwendet, sich als „überzeugter Kämpfer für Europa präsentiert“, „und auf diese Weise das Zelt gut mitgenommen“. Bei Gertraud Haselbeck hinterließ der Kanzlerkandidat ebenfalls einen guten Eindruck. „Heute war er mir schon sympathisch“, sagte sie. Doch an Schulz’ Wirkung auf die Massen zweifelt sie. Er sei nicht so angekommen wie einst Gerhard Schröder, der 1998 auf der Dult gesprochen hatte. Im Vergleich damit gelte für Schulz’ Auftritt: „Das war alles ein bisschen verhalten.“

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