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Politik
Dienstag, 17. Oktober 2017 20° 2

Kommentar

Unbequemer Mahner

Ein Kommentar von REINHARD ZWEIGLER, MZ

Vor fünf Jahren lobte Angela Merkel den gerade 70 Jahre alt gewordenen Joachim Gauck als glänzenden „Lehrer für Demokratie“. Damals ahnte die Kanzlerin wohl nicht, dass der unbequeme einstige DDR-Oppositionelle und damalige „Unruheständler“ noch einmal eine wichtige politische Rolle in Deutschland spielen würde. Als Gauck von SPD und Grünen als Nachfolger des zurückgetretenen Horst Köhler ins Spiel gebracht wurde, wehrte Merkel die Personalie ab und setzte den unglücklichen Unionsmann Christian Wulff durch. Auch der versagte schließlich.

Und der Ostdeutsche Gauck musste schließlich ran, auch weil die damals noch mitregierende FDP Merkel bedrängte, ihre Vorbehalte gegen ihn aufzugeben. Das Verhältnis zwischen den beiden ist nicht erst seit jener Zeit durchaus spannungsgeladen. Heute ist es jedoch eher von geschäftiger Routine und grundlegender Übereinstimmung geprägt. Inzwischen können sich viele, wohl auch Merkel, durchaus eine zweite Amtszeit des inzwischen 75-Jährigen Gauck vorstellen. Langweilig würde es mit dem einstigen Bürgerrechtler aus Rostock auch in einer zweiten Wahlperiode nicht. Mahnen, auch mal anecken, sowie ermutigen, verstehen und verzeihen – all das gehört sozusagen zu Gaucks politischer Grundausstattung.

Mit Joachim Gauck rückte vor knapp drei Jahren ein Mann ins oberste Staatsamt, der nicht aus dem westdeutschen Polit-Establishment stammte. In der Folgezeit hat der frühere Rostocker Pfarrer denn auch die engen diplomatischen Grenzen des Amtes immer wieder ausgereizt. Kritiker meinen, er habe sie übertreten. Gauck schert das indes wenig. Er ist als unbequemer Mahner für Demokratie und Freiheit angetreten – und genau diesem Motto folgt er. Auf der Sicherheitskonferenz in München forderte er vor Jahresfrist einen größeren deutschen Beitrag zur Lösung internationaler Konflikte ein, was ihm von ganz Links den Vorwurf eines „Kriegstreibers“ einbrachte. Auf einer Gedenkstunde zum Beginn des Zweiten Weltkrieges in Polen zog er eine Parallele zwischen den Annexionen der Nazis mit der Einverleibung der Krim ins russische Reich Putins. National und über die Grenzen hinweg hat beides für viel Wirbel gesorgt.

Das 70. Jahr der Beendigung des Zweiten Weltkrieges ist für Gauck, dessen Vater nach einer Denunziation jahrelang in einem sowjetischen Arbeitslager saß, von besonderer Bedeutung. Er will den schwierigen Bogen zwischen den einstigen Kriegsgegnern, Nazi-Deutschland auf der einen und den alliierten Verbündeten auf der anderen Seite, schlagen. Gauck wird dabei offenbar an Richard von Weizsäcker anknüpfen, der den Tag der Niederlage und bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ bezeichnete. Dieses Wort wurde dem CDU-Mann von vielen in der damaligen Bundesrepublik übel genommen.

Gauck will vor allem an die damaligen Opfer erinnern, die Millionen getöteten Soldaten und ebenso an die Millionen zivilen Opfer in allen beteiligten Ländern. An die Millionen Opfer des Holocaust ebenso wie an die Opfer der Bombenangriffe, an die Opfer von Flucht und Vertreibungen, an die Opfer in Deutschland, Polen, Russland, der Ukraine, Frankreich und anderswo. Zugleich wird Gauck versuchen, die Lehren jenes verheerenden Weltbrandes vor 70 Jahren in die Gegenwart zu übertragen. Er verneigt sich vor den Millionen sowjetischen Opfern des Krieges – und zugleich erhebt er seine Stimme gegen einen kriegslüsternen Kremlchef, der in der Ukraine schießen lässt. Dass der oberste deutsche Mahner für Frieden, Freiheit und Demokratie nicht zur Siegesfeier nach Moskau eingeladen wird, ist insofern nur folgerichtig.

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