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Politik
Sonntag, 20. August 2017 23° 2

Migration

„Wir fühlen uns nicht als Fremde“

Kinder und Enkel von Einwanderern fordern die Politik auf zum Bekenntnis: Deutschland ist ein Einwanderungsland.
Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Farhad Dilmaghani, DeutschePlus (l.), Ferda Atamam, Neue deutsche Medienmacher (M), Tahir Della, Initiative Schwarze Menschen (h.r.) und Leila Youngs El-Amaire, JUMA - Jung, Muslimisch, Aktiv bei der Pressekonferenz „Wer wir sind, was wir wollen“ in Berlin. Foto: dpa

Berlin.Wenn von Integrationspolitik gesprochen wird, geht es meist um Sprachkurse, Elternabende und Bildungsangebote. Doch die Kinder und Enkel der Einwanderer machen oft die Erfahrung, dass sie im Alltag eher über ihr „anderes Aussehen“ oder ihren „exotischen Namen“ definiert werden. Das perfekte Deutsch und die Frage, wie sehr sie sich selbst mit ihrem Geburtsland Deutschland identifizieren, spielen dann eher eine untergeordnete Rolle. Sie stellen fest: Gegen diese Gummiwand aus subtilem Rassismus anzurennen, kann ganz schön frustrierend sein.

„Ich habe meine Schauspielerkarriere beendet, weil ich nicht immer nur Drogenhändler und Dönerbuden-Besitzer spielen wollte“, sagt ein Journalist mit dunklem Bart. Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland spricht zwar unverkennbar mit bayrischem Akzent. Doch wenn der Aktivist auf die Frage nach seiner Herkunft „aus München“ antwortet, geben sich die meisten Frager damit nicht zufrieden. Dass er dann meist noch gefragt wird: „Und, wo kommst du wirklich her?“ nervt nicht nur ihn. Über diese Form von Ausfrageritis beschweren sich auch viele andere Deutsche mit ausländischen Wurzeln.

Dass Rassismus nicht erst da anfängt, wo „Ausländer raus“ gegrölt wird, hat auch der Freizeitkicker Gökhan aus Köln erlebt. Als der Sohn türkischer Einwanderer sein Team telefonisch für ein Thekenmannschaften-Turnier anmelden wollte, hieß es erst, „tut uns leid, wir haben schon genügend Anmeldungen“. Als es der perfekt Deutsch sprechende Kicker noch einmal unter dem Namen „Peter Schmitz“ versuchte, war plötzlich noch Platz auf der Liste.

Gut gemeint ist nicht unbedingt gut

Zwar wissen auch die Vertreter der Initiativen der zweiten und dritten Generation von Einwanderern, die sich am Wochenende in Berlin trafen, dass man mit Gesetzen nicht wirklich gegen diese Art von Ausgrenzung im Alltag ankommt. Doch sie hoffen, dass eine stärkere Beteiligung von Zuwanderern in öffentlichen Gremien mit der Zeit dazu führen wird, dass die Fixierung auf die Herkunft und das äußerliche Erscheinungsbild allmählich abnimmt.

Dieses Ziel verfolgt auch die Initiative Vielfaltfinder, eine Datenbank für Experten mit Migrationshintergrund. Sie wirbt mit dem Slogan „Wir sind keine Experten für Islam, Integration und Gemüsehandel – Sondern für Deichbau, Deutsche Sprache und Mietrecht“ dafür, sich von den Klischees aus der Zeit der ersten Gastarbeiter zu lösen.

Oft stoßen sich Deutsche, deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind, auch an Begriffen, die eigentlich gut gemeint sind. „Da wird zum Beispiel über Fremdenfeindlichkeit diskutiert, aber wir fühlen uns ja gar nicht fremd“, sagt Ferda Ataman von der Initiative Neue deutsche Medienmacher. Sie hat kürzlich eine Broschüre mit „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ herausgegeben.

Darin werden alle Begriffe erklärt, die im weitesten Sinne mit Zuwanderung zu tun haben. Dass von der Frage nach der „politisch korrekten Ausdrucksweise“ in diesem Themenfeld inzwischen auch die „Deutschen ohne Migrationshintergrund“ betroffen sind, zeigen die verschiedenen Bezeichnungen, die für sie in den vergangenen Jahren erfunden wurden: Von „Biodeutschen“ über „Herkunftsdeutsche“ bis hin zum „Copyright-Deutschen“.

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