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Polizei
Mittwoch, 7. Dezember 2016 12

Die Ansichten eines Unbequemen über Afghanistan

Dr. Reinhard Erös kritisiert den Bundeswehr-Einsatz: Die sitzen nur in der Kaserne, anstatt Soldaten auszubilden

  • „Die Amerikaner mit ihrer arroganten Art erschweren alles“: Afghanistan- Kenner Reinhard Erös im Regensburger PresseclubFoto: Lex
  • Drogenfelder, so weit das Auge reicht: Bauern bei der Opium-Ernte Foto: dpa

Von Stefan Stark, MZ

REGENSBURG. Soldaten, die sich aus Angst vor Anschlägen fast nur noch in den Kasernen verschanzen, Drogenbarone, die mit ihren florierenden Geschäften den internationalen Terrorismus finanzieren und eine arrogante Besatzungsmacht USA, deren ziellose Bombardements immer mehr zivile Opfer fordern: Der Afghanistan-Experte Dr. Reinhard Erös spricht unbequeme Ansichten über die Lage in dem Land am Hindukusch aus, die deutsche Politiker und Generäle nicht gerne hören. „Die Zahl der Selbstmordanschläge hat sich innerhalb eines Jahres versechsfacht“, beschreibt Erös am Montag abend bei einer Diskussionsrunde im Regensburger Presseclub die dramatische Entwicklung.

Zorn steigt dem Gründer der „Kinderhilfe Afghanistan“ ins Gesicht, als er die Forderung des Stabs-Chefs der NATO-geführten ISAF-Truppe zitiert. „Wir brauchen mehr Soldaten“, hatte Bruno Kasdorf in einem Interview verlangt. „Von den 3000 Soldaten die derzeit im Norden Afghanistans stationiert sind, dürfen 80Prozent die Kasernen keine Sekunde verlassen“, sagt Erös zur Rolle der Bundeswehr am Hindukusch. „Die übrigen Soldaten bewegen sich in gepanzerten Fahrzeugen schnell irgendwo durch.“ Ein Kontakt mit der Bevölkerung und das Schaffen von Vertrauen fänden so kaum statt in einem Land, „in dem für die Menschen die Person entscheidend ist, nicht die Position.“ Trotz aller Kritik spricht sich Erös für den Verbleib der deutschen Soldaten in Afghanistan aus. „Die Bundeswehr soll das tun, was sie kann: Afghanische Soldaten ausbilden, damit das Land in die Lage versetzt wird, selbst für seine Sicherheit zu sorgen.“

Drogengelder für Terroristen

Es gebe keine Zusammenarbeit mehr zwischen den Hilfsorganisationen und der Bundeswehr, beklagt Erös und findet deutliche Worte über den deutschen Afghanistan-Einsatz: „Das sind Potemkin’sche Dörfer.“ Und das bei Kosten von 500 Millionen Euro allein 2007 zuzüglich 50Millionen für die Überwachungsflüge der deutschen Tornados. „Doch davon profitieren die Menschen in Afghanistan nicht“, sagt der ehemalige Oberstabsarzt der Bundeswehr, der mit seiner Organisation Schulen im Norden des Landes aufbaut.

Ganz im Gegenteil -- die ungleiche Bezahlung in der Bundeswehr und in der afghanischen Armee sorge für Unmut: „Ein deutscher Soldat, 19 Jahre, ledig, verdient dort unten netto 4200Euro im Monat, ein afghanischer Kommandeur, Familienvater und nur wenige Meter weiter außerhalb der Bundeswehrkaserne untergebracht, kriegt 50 Euro“, beschreibt Erös das soziale Ungleichgewicht.

Empört äußert er sich über den Einsatz der Bundeswehr-Tornados: „Die Aufklärungsbilder sollten nach dem Willen der Politik die Zahl der eigenen und zivilen Opfer begrenzen, weil man auf weniger Fehltreffer hoffte. Das Ergebnis nach fünf Monaten: Es gab noch nie so viele eigene Opfer und noch nie so viele tote Zivilisten“, lautet Erös‘ vernichtende Bilanz. „Sprengstofffallen und Selbstmordattentäter kann man mit den Kampfjets nicht erkennen“, sagt der Afghanistan-Experte.

„Sollen die Tornados Mohnfelder abmessen?“ fragt Erös provozierend. „Sie brauchen nur mit dem Auto durch Afghanistan fahren, da wächst nur noch Mohn“, spricht er das Problem des Drogenanbaus an. Im Jahr 2000, als die Taliban noch an der Macht waren, habe es praktisch keine Opiumfelder gegeben. Nach dem Sturz des alten Regimes sei der Anbau durch die lokalen Kriegsfürsten sprunghaft gestiegen. „In diesem Jahr werden auf den Feldern 8200 Tonnen Rohopium gewonnen. Daraus lassen sich 820 Tonnen Heroin zum Kilopreis von 80000 Euro herstellen“, sagt Erös. Und mit den Drogenerlösen werde der Terrorismus finanziert. Einer der mächtigsten Drogenbarone sei gleichzeitig einer der treuesten Verbündeten der USA, weil er die Taliban bekämpfe, beschreibt Erös die seltsamen Allianzen, die im Afghanistan-Konflikt geschmiedet werden. Wenn die Taliban, für die Opium Teufelszeug sei, wieder an die Macht kämen, müsse der Rauschgiftmillionär um sein Leben fürchten.

US-Uniformen ziehen Kugeln an

Vernichtend fällt die Kritik des Afghanistan-Experten an den US-Truppen aus. „Die Amerikaner setzen schwere Panzer und Kampfflugzeuge gegen die primitiven Flinten der Taliban-Kämpfer ein.“ Dadurch steige die Zahl der zivilen Opfer überproportional und das heize den Teufelskreis der Blutrache an: „Mit jedem Toten haben die Amerikaner eine ganze Familie gegen sich, die gegen sie kämpfen muss.“ Erös fordert den Abzug der US-Armee, die mit ihrer „arroganten Art“ den ganzen zivilen Wiederaufbau erschwere. „Wir bauen nur dort Schulen, wo keine amerikanischen Soldaten sind, weil ihre Uniformen wie ein Magnet auf die Kugeln der Taliban wirken.“

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