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Gesundheit
Dienstag, 20. Februar 2018 5

Medizin

Mit Methadon gegen Krebszellen

Das Opioid kann die Wirkung von Chemotherapien verstärken. Bislang ist Methadon aber nur als Schmerzmittel zugelassen.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Nora Fink-Wirth kämpf seit über vier Jahren gegen Brustkrebs. Durch eine Behandlung mit Methadon schöpft sie nun neue Hoffnung. Symbolfoto: dpa
  • Dr. Claudia Friesen forscht am Universitätsklinikum Ulm zu Methadon. Foto: Universitätsklinikum Ulm

Ulm.Dass sie in diesem Jahr mit ihrem Mann und ihrem Sohn Weihnachten feiern würde, hätte Nora Fink-Wirth kaum noch für möglich gehalten. Die 49-Jährige aus dem rheinland-pfälzischen Nastätten war im Juni 2010 an Brustkrebs erkrankt. Trotz zahlreicher Operationen und Chemotherapien war der Krebs immer wieder zurückgekommen. „Ich hatte schon mein Testament gemacht und meine Beerdigung geplant“, erzählt sie. Dann erfuhr Fink-Wirth in einem Krebsforum von einer möglichen Behandlung mit Methadon. Das Opioid ist vor allem als Ersatzdroge für Heroinabhängige bekannt, es wird in der Palliativ-Medizin aber auch als Schmerzmittel eingesetzt.

Klinische Studien sind in Planung

Nun könnte Methadon als Krebsmedikament Karriere machen: Die Forscherin Dr. Claudia Friesen vom Universitätsklinikum Ulm hat herausgefunden, dass Methadon Tumorzellen zerstören kann – sogar solche, die sich bereits als resistent gegen Chemotherapie und Bestrahlung erwiesen hatten. Das Methadon bindet an spezielle Opioid-Rezeptoren auf der Oberfläche der Tumorzelle und aktiviert Signalwege, die die Apoptose, den programmierten Zelltod, auslösen. Gesunde Zellen nehmen Friesen zufolge durch das Mittel keinen Schaden, weil sie nur sehr wenige Opioid-Rezeptoren auf der Oberfläche haben.

Methadon verstärkt zudem die Wirkung einer Chemotherapie, wie Friesen im Laborversuch nachweisen konnte. „Wenn das Methadon an die Zelle bindet, nimmt diese mehr von dem Chemotherapeutikum auf und gibt weniger davon wieder ab“, erläutert die Forscherin. Normalerweise versucht die Tumorzelle, das Krebsmedikament schnellstmöglich wieder nach draußen zu pumpen. Das Methadon verhindert dies jedoch, so dass eine größere Menge des Mediments länger in der Zelle bleibt und dort wirken kann. Gleichzeitig erhöht das Chemotherapeutikum die Zahl der Opioid-Rezeptoren auf der Zelloberfläche, so dass mehr Methadon an die Krebszelle binden kann. „Chemotherapeutikum und Methadon schaukeln sich in ihrer Wirkung also gegenseitig hoch“, so Friesen.

An Leukämiezellen und bösartigen Hirntumoren konnte die Forscherin die Wirkung von Methadon im Labor bereits nachweisen. Ihre Ergebnisse wurden unter anderem in der Fachzeitschrift Cancer Research veröffentlicht. Weitere Publikationen – etwa zur Lungen-, Brust- oder Darmkrebs – sind derzeit in Vorbereitung. Im kommenden Jahr sollen dann klinische Studien starten, um die Wirkung am Patienten nachzuweisen.

Auch Nora Fink-Wirth wollte an einer Studie teilnehmen und setzte sich mit Dr. Friesen in Verbindung. Da bei ihr der Krebs aber schon sehr weit fortgeschritten war, hätte sie den Start der Studie wohl nicht mehr erlebt. Doch es gab noch eine andere Möglichkeit: Als Palliativ-Patientin wurde Fink-Wirth wegen ihrer starken Schmerzen bereits mit Morphium behandelt. Über Friesen fand sie einen Arzt, der ihre Schmerztherapie Mitte November auf Methadon umstellte. „Seither geht es mir jeden Tag besser“, erzählt sie. „Ich habe keine Schmerzen mehr und neue Energie.“

Seit August war Fink-Wirth über einen Port künstlich ernährt worden. „Auf einmal habe ich wieder Hunger bekommen, ich kann wieder riechen und schmecken – das ist ein Wahnsinnsgefühl.“ Durch das Methadon schlage nun auch die Chemotherapie wieder an: Bei einer Untersuchung Anfang Dezember habe sich gezeigt, dass die Tumoren zurückgehen. „Das ist mein reales Weihnachtsmärchen.“

Ein Blog zum Therapieverlauf

Diese Verbesserung der Lebensqualität freut auch Friesen. „Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, wenn man sieht, dass die Arbeit im Labor auch zum Erfolg beim Patienten führt“, sagt sie. Etwa 4000 Krebspatienten werden in Deutschland derzeit mit Methadon als Schmerzmittel behandelt. Erst wenn klinische Studien die Wirksamkeit bestätigen, kann es als Krebsmedikament oder Wirkverstärker für die Chemotherapie eingesetzt werden. Das kann aber noch mehrere Jahre dauern. „Da man die Nebenwirkungen des Medikaments durch die Schmerztherapie gut kennt, hoffe ich, dass es schneller gehen wird“, sagt Friesen. Methadon kann abhängig machen. „Wenn man das Medikament absetzen möchte, muss man es langsam ausschleichen.“

Außer Müdigkeit und Verstopfung hat Nora Fink-Wirth noch keine Nebenwirkungen beobachtet. In einem Online-Blog unter www.krebs-methadon-nora.de berichtet sie über ihre Therapie, um die Behandlung mit Methadon bekannter zu machen. Sie hofft, dass die klinischen Studien rasch vorangetrieben werden, damit mehr Krebspatienten von dem Medikament profitieren können. „Ich hätte nie daran geglaubt, aber jetzt bin ich überzeugt, dass ich nächstes Jahr meinen 50. Geburtstag feiern darf.“

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