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Reise
Samstag, 18. November 2017 5

Neuseeland

Ein schräger Vogel als Maskottchen

Halb Eule, halb Papagei – der Kakapo ist ein komischer Kauz. Heimat des Tiers ist Stewart Island im Süden des Archipels.
Von Win Schumacher

  • Der Star unter den Kakapo: Sirocco hat seine eigene Facebook-Seite und wirbt landesweit für das Kakapo-Schutzprogramm. Fotos: Thompson/Tourism New Zealand/Schumacher
  • Farndickicht im Dschungel der Vogel-Insel
  • Stewart Island liegt im äußersten Süden Neuseelands.

Von wegen hässlichster Vogel der Welt!“, empört sich Matt Jones. „Im Gegenteil! Für mich ist er der schönste überhaupt.“ Die Rede ist von einem moosgrünen dicklichen Papagei, der bei einer Internet-Umfrage zum unansehnlichsten Tier der Erde den zweiten Platz belegte. Gewinner war die Dickkopf-Groppe, ein Tiefseefisch, der sich nur wenig von einem Klumpen Schleim unterscheidet. „Der Kakapo hat geradezu etwas Prähistorisches“, sagt Jones.

Er ist unterwegs im Rakiura-Nationalpark auf Stewart Island im äußersten Süden Neuseelands. Der Wanderweg führt entlang windgepeitschter Strände in einen der dichtesten Urwälder des Landes. Milde Sonnenstrahlen wechseln hier manchmal im Stundentakt mit rauen Windböen und heftigen Regenschauern. Über von Farndickicht und Dschungel überzogene Berghänge wabern dichte Nebelschwaden. Ganzjährig häufige Niederschläge ließen auf Stewart Island den südlichsten Regenwald der Erde wuchern. Würde man von hier aus nach Süden in See stechen, wäre das erste Land in Sicht die Antarktis.

„Früher waren die Vögel hier Könige“, sagt Matt Jones und lächelt: „Ich wünschte, ich könnte einmal eine Zeitreise in das Neuseeland vor der Ankunft des Menschen machen“. Wer auf dem Rakiura Track wandert, bekommt einen Eindruck von der abenteuerlichen neuen Welt, die die Maori, die ersten Bewohner Neuseelands, entdeckten, als sie wahrscheinlich im 13. Jahrhundert mit ihren Kanus an den Küsten Aotearoas, dem Land der langen weißen Wolke, strandeten.

Die Heimat seltener Vögel

Durch die Baumkronen dringt nur spärlich Licht auf den Waldboden. Das Unterholz entlang des Tracks ist von Moosen und Farnen überwachsen. Es ist das Jagdgebiet von Wetas, mausegroßen Langfühlerschrecken und endemischen fleischfressenden Schnecken auf der Suche nach Insektenlarven und Würmern.

Dieser wahrhaft prähistorische Wald ist die Heimat einer Reihe von Vogelarten, die auf den Hauptinseln bereits ausgestorben sind oder am Rande der Ausrottung stehen. Der ungewöhnlichste und seltenste unter ihnen ist der Kakapo. „Er ist in vielerlei Hinsicht einzigartig“, sagt Deidre Vercoe. „Ein flugunfähiger, nachtaktiver Vogel und der schwerste Papagei überhaupt.“ Seit acht Jahren leitet die Wildhüterin das Kakapo-Schutzprogramm der neuseeländischen Naturschutzbehörde. „Kakapos haben ein außergewöhnliches Brutverhalten“, erklärt Vercoe. Um ihre Weibchen zu beeindrucken, balzen die Männchen in einer Art Arena und versuchen ihre Konkurrenten mit einem lautstarken dumpfen Wummern zu übertrumpfen.

International bekannt wurde der Eulenpapagei vor allem durch eine Paarungsattacke auf einen Zoologen, die von der BBC ausgestrahlt wurde. Der von Hand aufgezogene und an Menschen gewöhnte Sirocco konnte der wilden Haarpracht des Briten nicht widerstehen. Er vergnügte sich vor laufenden Kameras mit dessen Hinterkopf und schlug ihm die ungelenken Flügel um die Ohren. Das unfreiwillige Lustspiel zwischen Vogel und Mensch wurde ein Youtube-Hit. Für weiteren zweifelhaften Ruhm sorgte 2013 die Online-Abstimmung zum hässlichsten Vogel der Welt. „Egal“, sagt Vercoe, „wir freuen uns über jede Art von Publicity. Auch wenn ich selbst ja finde, dass unsere Kakapos hinreißend aussehen.“

Wenn Touristen nach Stewart Island kommen, dann meist wegen der Kiwis und anderer bedrohter Vogelarten. Am Strand des kleinen Hauptorts Oban sieht man Birdwatcher aus Großbritannien und den USA, die mit ihren schweren Teleobjektiven nach seltenen Seevögeln Ausschau halten. Stewart Island ist fast halb so groß wie Mallorca und hat weniger als 400 Einwohner. Bei einer Wanderung um die Nordspitze oder auf dem Southern Circuit Track teilt man sich die Einsamkeit mit den Kiwis.

Vom Wüstling zum Medienstar

Einst bevölkerten wahrscheinlich mehrere Millionen Eulenpapageien auch die Nord- und Südinsel, bis die Maori ihr Fleisch als Delikatesse entdeckten, ihre getrockneten Köpfe als Ohrschmuck und ihre moosfarbenen Federn als Statussymbol für ihre Häuptlinge. Noch gefährlicher wurden den Vögeln die Ankunft der Europäer und ihrer Hunde sowie Hermeline und Frettchen, die Bauern gegen die ebenfalls eingeführten Kaninchen aussetzten. Anfang der 70er Jahre galt der Kakapo wahrscheinlich als ausgestorben, bis Ornithologen im zerklüfteten Fiordland-Nationalpark und auf Stewart Island zwei kleine Restpopulationen entdeckten. „Alle unsere Kakapos gehen auf 48 Vögel von Stewart Island und ein einzelnes überlebendes Männchen aus dem Fiordland-Nationalpark zurück“, sagt Deidre Vercoe. „Ihre Umsiedlung auf kleinere raubtierfreie Inseln hat sie wahrscheinlich vor dem Aussterben gerettet“.

Fast die Hälfte der vor der Ankunft des Menschen verbreiteten Landvogelarten Neuseelands ist inzwischen ausgestorben oder am Rand der Ausrottung. Auch noch vor Jahrzehnten häufige Arten wie der Kea-Bergpapagei sind inzwischen stark bedroht.

Matt Jones kramt seine Kamera aus dem Rucksack. Auch ein heftiger Regenschauer hält den begeisterten Birdwatcher nicht davon ab, einen seltenen Vogel ins Visier zu nehmen. Vor 20 Jahren war der Engländer zum ersten Mal zum Fotografieren hier und so begeistert, dass er sich zehn Jahre später ganz auf Stewart Island niederließ. Aus den Baumkronen dringt das Gezeter der Kaka-Waldpapageien, der rauschende Flügelschlag der Kereru-Tauben und der helle melodische Gesang des Tuis. Über dem Meer fotografiert Jones Albatrosse und Sturmvögel.

Einzig einen Kakapo hat Jones bisher nur auf der vorgelagerten Codfish Island fotografiert. Dort hat er Jungvögel mit kleinen Sendern ausgestattet, sodass die Mitarbeiter des Kakapo-Schutzprogramms die Tiere besser orten können. „Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob es die Vögel überhaupt noch auf Stewart Island gibt“, sagt Vercoe. „Sie in dem dichten Bergwald aufzuspüren, ist wie eine Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.“

Bekannt wie ein Elefant

Im letzten Jahr hatte die Umweltschützerin besonderen Grund zu Freude. Weltweit berichteten Medien über ein Rekordjahr an neugeschlüpften Kakapos. „Es ist die erfolgreichste Brutsaison seit der Gründung des Schutzprogramms 1990 und wir freuen uns auf die Bestandsvergrößerung!“, sagt Vercoe. Weniger als 160 Vögel gibt es noch in Neuseeland.

Sirocco hat sich inzwischen vom Wüstling zum Medienstar gemausert. Er hat seine eigene Facebook-Seite und fliegt jährlich mit der nationalen Fluglinie Air New Zealand auf Tournee. In Tierparks in Auckland, Wellington und Dunedin ist er bereits vor entzückten Schulklassen und kreischenden Teenagern aufgetreten. „Wir haben jahrelang versucht, ihm beizubringen, ein Kakapo zu sein“, sagt Vercoe. „Aber er ist lieber unter Menschen und genießt seine Auftritte sichtlich.“ Das Kakapo-Sternchen soll nun helfen, Spenden einzutreiben, um seine ungeliebten Artgenossen vor dem Aussterben zu bewahren. „Ich hoffe, dass wir den Kakapo irgendwann von der Liste der bedrohten Arten streichen und die Vögel wieder auf die Hauptinseln zurückkehren können“, sagt Vercoe. „Und wir wollen es schaffen, dass jedes Kind auf der Erde weiß, was ein Kakapo ist, genauso wie ein Tiger und ein Elefant.“

Was man wissen muss

  • Anreise-Tipp:

    Air New Zealand fliegt täglich von Frankfurt über Houston, Singapur, Los Angeles, Hongkong oder Tokio nach Auckland, ab ca. 1000 Euro. Man ist dabei mindestens 24 Stunden unterwegs. Weitere Informationen auf www.airnewzealand.com . Von Invercargill kommt man mit der Fähre nach Stewart Island (www.stewartislandexperience.co.nz ) oder dem Kleinflugzeug (www.stewartislandflights.com ).

  • Tour-Tipp:

    Stewart Island ist ein Wanderparadies. Auf dem Rakiura Track kann man den Regenwald auf einem bestens ausgeschilderten Wanderweg erkunden (www.greatwalks.co.nz ). Abenteuerlicher ist eine Inselumrundung auf dem Southern Circuit Track.

  • Info-Tipp:

    Tourism New Zealand, Internet: www.newzealand.com . Informationen über das Kakapo-Schutzprojekt findet man auf www.kakaporecovery.org.nz

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