mz_logo

Reise
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

China

Einmal langes Leben süßsauer, bitte!

Im Reich der Mitte ist Essen oftmals auch Medizin. Für Touristen kann Zikaden-Spucken-Tee ebenfalls eine Art Therapie sein.
Von Nicole Quint

  • Die eine chinesische Küche gibt es nicht. Je nach Provinz und Temperament brutzelt es in den Woks des Landes sehr vielfältig. Fotos: bildbaendiger.de
  • Auch kohlschwarze Hühnchen gibt es auf Chinas Wochenmärkten.
  • Chinas Hauptstadt ist für Peking-Enten berühmt.

In Chinas Küchen stehen lauter Ärzte am Herd. Wer das weiß, hat bereits das gesamte Gesundheitssystem und die Esskultur des Landes verstanden. Zwischen die Essstäbchen kommt dem Chinesen nichts, was nur sättigt und schmeckt. Speisen sollen auch vor Krankheiten schützen oder sie heilen. Ernährung als Gesundheitspflege, das kennen deutsche Reisende schon. Daheim gibt es probiotischen Joghurt, cholesterinsenkende Margarine und Folsäure in Frühstücksflocken. In China liegt einem das gesunde Leben allerdings als Seegurken, Seidenspinnerpuppen und Eselhautgelatine auf der Zunge.

Wer bei dieser Vorstellung erbleicht, dem empfehlen die kochenden Doktoren zur Stärkung eine gallertartige Suppe aus Schwalbennestern, deren Hauptbestandteil zäher Vogelspeichel ist, und gegen geistige Erschöpfung hilft garantiert nichts besser als Schweinehirn. Das verdaut nur, wer schon als Kleinkind mit Seeigelschleim statt Babybrei gefüttert wurde. In europäischen Mägen richten solche Speisen vermutlich üble Verwüstungen an, weshalb China-Touristen die kulinarische Kontaktaufnahme auch scheuen.

Food-TV als Quotenbringer

Doch Hunger ist der treueste Reisebegleiter. Irgendwann kommt für jeden der unheilvolle Moment, in dem das Essen serviert wird, und dann will niemand mehr genau wissen, was da eigentlich alles drin ist. Visionen von gegrillten Terriern und Siamkatzen geistern dem ausländischen Gast durch den Kopf, und der typische Glutamatgeruch, den man vom Asia-Imbiss in der deutschen Fußgängerzone kennt, tarnt in China vielleicht eine Schlangensuppe. Fern vom heimischen Herd knabbern die Menschen Hühnerkrallen, brutzeln sich Tausendfüßler und Skorpione am Spieß.

Schmecken den Chinesen frittierte Bienen und tausendjährige Eier denn tatsächlich? Falsche Frage. Wenn Chinesen zum ersten Mal eine neue Speise probieren, erkundigen sie sich vorab nie nach deren Geschmack, sondern fragen: „Wofür ist das gut?“ Antworten gibt ihnen das Food-TV. Ernährungsshows sind echte Quotenbringer in China und das nicht erst, seit Lebensmittelskandale und regelmäßiger Smogalarm die Menschen für das Thema Gesundheit sensibilisiert haben. Ärzte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) erklären den Zuschauern, welche Lebensmittel zur Behandlung welcher Symptome und für welche Jahreszeit besonders geeignet sind.

Die ungefährlichste Art der kulinarischen Annäherung an das Reiseland China erfolgt über den Tee – könnte man meinen. 136 Grüntee-Arten listet das Tea-Tasting-Handbuch auf, darunter natürlich auch die extravagante Sorte „Oriental beauty“. Sein Honigaroma wird durch den Speichel einer bestimmten Zikadenart erzeugt, die in genau bemessener Gruppenstärke auf die Teeblätter der Frühjahrsernte schwärmen darf.

Schon wieder ein Genussmittel, das durch Körperflüssigkeiten von Tieren verfeinert wurde. Wofür ist es dieses Mal gut? Die Antwort lässt einen auf ewig von Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato abschwören. Zur Linderung von Blähungen und Allergien, Mundgeruch und Gallensteine. Gegen fast jedes Übel scheint ein Tee gewachsen zu sein, sogar gegen Karies. Gegen Fußpilz, Leberzirrhose, Depressionen und Krebs hilft Grüntee aber auf jeden Fall.

In seiner Wirkung wird er nur noch übertroffen von Schlangen-Schnaps und Ginseng-Wurzeln, erhältlich in jeder Apotheke. Medizin wird dort präsentiert wie Juwelen bei Cartier und Tiffany. Dunkelblauer Samt kontrastiert zu bernsteinleuchtenden Flüssigkeiten, in denen sich Kobras aller Größen ringeln. Getrocknete Kräuter, bröselige Käfer und vergilbte Pilze lagern in goldenen Dosen. In hunderten Schubladen glänzender Teakholzschränke werden die Geheimnisse der Traditionellen Chinesischen Medizin aufbewahrt, und in eleganten Lackschatullen krümmen sich die „Wurzeln des Lebens“ – Ginseng. Antidepressivum, Aphrodisiakum und Jugendelixier soll die Pflanze sein, schaut aber aus wie greise Zwerge oder gichtige Finger. Die Frauen, die ihn verkaufen, machen auch eher Gesichter wie schrumpelige Möhrchen. Wahrscheinlich können sie sich die Wunderwurzel selbst nicht leisten.

Das Chabuduo-Prinzip

Erklären die Chinesen das ganze Zeug vielleicht nur für gesund, um es ungeniert essen zu dürfen? Können 1,3 Milliarden Menschen irren? Ihre schiere Zahl gibt ihnen schon fast Recht. Wer testen mag, der erhält an der Hotelrezeption Empfehlungen für Restaurants, die Gerichte zur Gesundheitsförderung auf der Karte haben. Alle anderen treffen sich beim Maultaschenbankett und Peking-Ente-Essen und sagen einfach Cha bu duo, was so viel heißt wie „fehlt nicht viel“. Zu einem gesunden Leben gehört nicht allein die richtige Ernährung, sondern auch die richtige Lebenseinstellung, und in der hat Perfektionismus keinen Platz, sagen die Chinesen.

Leben nach dem Chabuduo-Prinzip ist für China-Reisende auch eine Art Therapie, wenn man kurz an Zikaden-Spucken-Tee und Weichschildkröten denken und dann ein Nudelsüppchen schlürfen kann. Fehlt nicht viel, fast gesund gegessen, aber immerhin chinesisch.

Was man wissen muss

  • Anreise-Tipp:

    Air China fliegt täglich von München nach Peking und Shanghai (ab ca. 600 Euro return) und bietet Verbindungsflüge in die verschiedenen Provinzen an. Weitere Informationen im Internet auf www.airchina.de

  • Restaurant-Tipp:

    Chinas Hauptstadt ist für Peking-Enten berühmt. Die Besten soll es im Restaurant „Tuanjiehu Roast Duck“ (3 Tuanjiehu Beikou) geben. Die feurig scharfe Sichuan-Küche wird im Restaurant Jinjiang Hotel (12. Etage, 59 Maoming Nanlu, Shanghai) serviert – bis Taschentücher die Tränen trocknen müssen.

  • Tour-Tipp:

    Eine der edelsten Grüntee-Sorten wächst im Dorf Longjing, nahe Hangzhou. In den umliegenden Hügeln kann man den Teepflückern bei der Ernte und anschließendem Trocknen der Teeblätter in beheizten Metallwannen zuschauen. Das Teemuseum in Hangzhou informiert über Anbau, Weiterverarbeitung, Sortenvielfalt und die Entwicklung der Teekultur. Weitere Informationen im Internet auf www.teamuseum.cn .

  • Sightseeing-Tipp:

    Die Hu Qing Yu Tang in Hangzhou und die Tong Ren Tang in Peking sind die beiden berühmtesten alten Apotheken Chinas. Zur Hu Qing Yu Tang gehört auch ein Apotheken-Museum, das neben Werkzeugen zur Herstellung traditioneller Arzneien auch rund zehntausend Heilmittelmuster zeigt und die pharmakologische Entwicklung erklärt. Weitere Informationen im Internet auf www.hqyt.com .

  • Info-Tipp:

    Fremdenverkehrsamt der VR China, 60433 Frankfurt, Internet: www.china-tourism.de

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht