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Region Amberg
Freitag, 26. August 2016 30° 1

Geschichte

Der Schrecken war überall zuhause

Die Sonderausstellung „Unterm Hakenkreuz“ in Theuern will das Leid der Zwangsarbeiter in der Region während der NS-Zeit wieder bewusst machen.

  • Dr. Tomas Jelinek und Kuratorin Constanze Wolk betrachten die Ausstellung über die Zwangsarbeiter. Foto: aeu
  • Die Projektgruppe erinnert mit ihrer Forschungsarbeit und der Ausstellung an das Schicksal der NS-Zwangsarbeiter, zum Beispiel aus der Ukraine.
  • Das Lager der Zwangsarbeiter auf dem Schlackenberg in Sulzbach-Rosenberg

Theuern. „Mit unserem Projekt wollen wir deutlich machen: Das Menschenverachtende war nicht nur in der Ferne, in Auschwitz, im Führerbunker oder im Reichsparteitaggelände zu Hause. Es war auch in jeder Straße in Amberg, Sulzbach, Maxhütte Haidhof oder auch in Theuern zu finden“, verdeutlichten Chris Humbs, der Leiter der seit nunmehr vier Jahren bestehenden Projektgruppe „Zwangsarbeit e. V.“, und Kuratorin Constanze Wolk bei der Eröffnung der in Theuern zu sehenden Ausstellung „Unterm Hakenkreuz – NS-Zwangsarbeit in unserer Region“.

Die Projektgruppe hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema Zwangsarbeit im ländlichen Raum ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken – ein Komplex der deutschen Geschichte, „der 70 Jahre lang in vielen Orten ausgeblendet wurde“. Das habe dazu geführt, „dass das Thema Zwangsarbeit aus den Köpfen ist. Man hat einfach nicht darüber geredet. Erlebtes wurde nicht weitergegeben an die Kinder.“

Viele Hindernisse

Die Projektgruppe habe gelernt, „dass sich Kommunen, die 70 Jahre lang gute Gründe gefunden haben, diese Geschichte, teilweise von der Bevölkerung ignoriert und verharmlost, nicht oder nur halbherzig aufzuarbeiten, schwertun umzuschalten“, sagte Humbs weiter. Entsprechend viele Hindernisse habe die Projektgruppe überwinden müssen, um die Ausstellung mit rund 100 teilweise bedrückenden, vielfach bestürzenden Schautafeln über das Leben der Zwangsarbeiter zwischen 1942 und 1945 hierzulande zeigen zu können.

Drei Videostationen sind dabei mit Aussagen von Zeitzeugen, darunter von Marina Luzenko aus der Ukraine: „Wir wurden in einen Güterzug gesteckt und einfach abtransportiert. In Amberg mussten wir alle antreten, wie auf dem Sklavenmarkt haben uns dann die Leute ausgesucht.“ In diesem Zusammenhang galt der Dank der Projektgruppe dem Kultur-Schloss Theuern, das diese Ausstellung ermöglich habe.

Bei der Eröffnung – den musikalischen Part hatte Pianistin Jelena Lichtmann übernommen – am Sonntagnachmittag vor zahlreichen Vertretern des öffentlichen Lebens hatte Museumsleiter Michael Ritz bekundet, dass das leidige Thema schließlich auch direkt zusammenhänge mit der Industrie in unserer Region.

Ein besonderes Kapitel ist bei der Ausstellung Friedrich Flick, dem skrupellosen Unternehmer gewidmet, der sich hauptsächlich der Zwangsarbeiter bediente. „Wir glauben, dass wir mit diesem Thema sehr gut verdeutlichen können, dass der Wahnsinn dieses NS-Regimes in jeder Kleinstadt zu Hause war: Von gut situiert bis sozial schwach, sehr viele machten mit“, sagte Humbs. Auch in der Oberpfalz war das so.

Junge Generation ansprechen

Dr. Tomas Jelinek, Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, erinnerte in seinem Vortrag daran, „die Verpflichtung gegenüber den Opfern der Zwangsarbeit bedeutet auch ein dauerhaftes Erinnern an die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft“. Das Thema Zwangsarbeit habe erstmals vor 15 Jahren, bei der Einreichung der ersten Sammelklagen deportierter Zwangsarbeiter, die ersten Zeitungsseiten gefüllt. Heute brauche es wieder engagierte Verfechter, die die Erinnerung an die Zwangsarbeiter und deren unmenschliches Schicksal wachhalten.

In der Landwirtschaft mussten etwa zwei Drittel aller Polen und ein Drittel aller so genannten Ostarbeiter arbeiten, aber nur drei Prozent Tschechen, erläuterte Jelinek. Die tausenden tschechischen Zwangsarbeiter seien vorwiegend in den Betrieben der Deutschen Reichsbahn in Weiden und Schwandorf, viele auch bei der Messerschmitt AG in Regensburg, der Maxhütte in Rosenberg oder Haidhof sowie in den Aluminiumwerken in Dachelhofen eingesetzt gewesen. Es sei fast nur um junge Männer aus Tschechien der Jahrgänge 1920 bis 1924 gegangen, die von 1942 bis 1944 nach einem Plan von Reinhard Heydrich einberufen und zur Zwangsarbeit deportiert worden seien.

„Die Erforschung der lokalen Geschichte ist der beste Weg, wie man heute die junge Generation für Geschichte erwärmen kann“, sagte Jelinek, der der Projektgruppe Respekt und Dank zollte. Als ganz wichtig erachtete es der Redner, dass die Projektgruppe, die richtigerweise auch systematisch mit Schulen zusammenarbeite, auch Zeitzeugen ermittelt haben. „Sie verleihen den Forschungsergebnissen Authentizität und schaffen es, die junge Generation für die Geschichte zu begeistern.“

Wie etwa der (mittlerweile verstorbene) Zwangsarbeiter Ulachowitsch aus der Ukraine, der für Flick arbeiten musste. Chris Humbs habe ihn in seinem Heimatdorf in Weißrussland besuchen können, und Ulachowitsch habe diesem mit auf den Weg gegeben: „Liebe Leute, aber vor allem liebe junge Leute, geht in diese Ausstellung und schaut euch das an. Vielleicht werdet ihr dann verstehen, dass Krieg nichts Gutes hat. Lebt in Frieden. Gott möge euch beschützen.“

Die Ausstellung ist bis zum 24. November 2013 zu den regulären Öffnungszeiten im Bergbau- und Industriemuseum in Theuern zu sehen.

Führungen für Gruppen und Schulklassen können vereinbart werden unter Telefon (09624) 832. (aeu)

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