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Region Amberg
Montag, 18. Dezember 2017 4

Informationsabend

Drei Stunden pro und contra Westumgehung

Drei Stunden haben Befürworter und Gegner in Kümmersbruck ihre Argumente bei einer zentralen Veranstaltung ausgetauscht.
Von Klaus Högl

  • Das Interesse an der Informationsveranstaltung zur Westumgehung war groß, rund 300 Bürger waren in die Turnhalle gekommen. Foto: aeu
  • Am Expertentisch (v. li.): Stefan Noll, Heinrich Schäfer, Freya Zobel, Josef Roggenhofer, am Rednerpult Roland Strehl

Kümmersbruck.Mit einer Informationsveranstaltung in der voll besetzten Kümmersbrucker Turnhalle hat das seit nunmehr gut 20 Jahre dauernde Gezerre um die geplante Westumgehung einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Entscheiden aber muss nun der Wähler selbst bei einem Bürgerentscheid zur Westumgehung, der am 24. September zusammen mit der Bundestagswahl stattfindet.

300 interessierte Zuhörer

Gut 300 Kümmersbrucker waren zu diesem Informationsabend gekommen, „das große Interesse ist auch berechtigt, weil es ein Thema ist, das uns alle beschäftigt“, sagte Bürgermeister Roland Strehl. Argumente pro und contra auszutauschen – dazu bestand dann auch ausreichend Gelegenheit. Neben Roland Strehl nahmen am Expertentisch vom Staatlichen Bauamt Amberg Sulzbach Bauoberrat Stefan Noll, für die Befürworter der Westumgehung vom Verband Wohneigentum Heinrich Schäfer, für die Gegner von der „IG Ortsdurchfahrt entlasten“ Freya Zobel und Josef Roggenhofer Platz. Sie alle kamen, neben einigen Diskussionsrednern, zu Wort.

Rund drei Stunden hat’s gedauert, irgendwie entstand der Eindruck, dass wohl die überwältigende Mehrheit mit einer vorgefassten Meinung kam und mit dieser auch wieder nach Hause ging. Die Unentschlossenen haben bis 24. September noch Zeit zum Überlegen. Eine weitere Gelegenheit zur Meinungsbildung besteht am heutigen Samstag, 15. September, zwischen 14 und 17 Uhr, wenn die geplante Trassenführung besichtigt wird. Kurioserweise muss der Bürgerentscheid auch nicht das (aller-)letzte Wort sein, denn: Baut die Gemeinde Kümmersbruck die Straße nicht in „kommunaler Sonderbaulast“ – und damit schneller, dann besteht die Möglichkeit, dass der Freistaat Bayern die Westumgehung im Rahmen der Dringlichkeitsstufe in Eigenregie baut, zu seinen Bedingungen – und das frühestens 2025. Kommentar nicht weniger Besucher: „Das erleb i nimmer“.

Fakten zur Westumgehung

  • Technische Daten:

    Bauoberrat Stefan Noll vom Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach ging ausführlich auf die technischen Daten ein. Das Bauwerk Westumgehung Kümmersbruck soll eine Länge von 5,75 Kilometer haben, mit insgesamt acht Brückenbauwerken versehen werden.

  • Kosten:

    Die Gesamtkosten bezifferte Noll auf rund 27 Millionen Euro (Bau und Grunderwerbskosten) dazu Nebenkosten (Ausführungsplanung, Bauaufsicht etc) von rund drei Millionen, also insgesamt rund 30 Millionen Euro. Eine Realisierung der Umgehung als Sonderbaumaßnahme wird laut Noll wie mit dem Freistaat vereinbart , mit einem Satz von 80 Prozent bezuschusst.

  • Flächenbedarf:

    Die Neuversiegelung für die Fahrbahn beträgt laut Noll 6,9 Hektar, Bankette, Böschungen und Entwässerungsanlagen seien mit 21,3 Hektar zu veranschlagen, naturschutzfachliche Kompensationsmaßnahmen sind mit 16,1 Hektar angesetzt.

  • Bauzeit:

    Mit etwa fünf bis sechs Jahren sei zu rechnen.

  • Rechtliche Situation:

    Das Baurecht sei rechtskräftig vorhanden, der Planfeststellungsbeschluss ist rechtskräftig.

  • Grunderwerb:

    Im geplanten Trassenverlauf gehört wenig Grund dem Freistaat, laut Noll seien deshalb langwierige Verhandlungen, evtl. Enteignungen, notwendig.

  • Verkehrsbelastung:

    Die durch Lengenfeld/Haselmühl/Kümmersbruck führende St 2165 passieren je nach innerörtlichem Abschnitt zwischen 18 400 (Kirchensteig) und 12 900 (Lengenfeld) Fahrzeuge, mit bis zu 830 Fahrzeugen pro Tag ist die Straße vom Schwerverkehr belastet. 4000 Fahrzeuge seien die Durchschnittsbelastung einer Staatsstraße in Bayern. Mit einer Entlastung um 6900 Fahrzeugen (Haselmühl) bzw. 7600 (Lengenfeld) sei durch die Westumfahrung zu rechnen. Südlich Lengenfeld betrage die Entlastung rund 8100 Fahrzeuge.

  • Gefahrenpotential:

    In dem Bereich Lengenfeld/Haselmühl/Kümmersbruck habe es laut Noll in den vergangenen zehn Jahren rund 200 Unfälle (mindestens schwerwiegende Sachschäden) gegeben, mit einem Toten, 23 Schwerverletzten, 145 Leichtverletzten; rund 80 Prozent der Unfälle ereigneten sich in der Ortsdurchfahrt, rund 60 Prozent an Kreuzungen, Einmündungen.

Es ging im großen und ganzen diszipliniert zu bei dieser zentralen Veranstaltung, bei der 1. Bürgermeister Roland Strehl eingangs erläuterte warum es ein Ratsbegehren mit Bürgerentscheid gebe. „Eine von der Mehrheit getragene Entscheidung schafft Frieden.“ Die Baureife für das Straßenbauprojekt liege erst seit Mai 2017 vor, seit dem Gerichtsurteil, jetzt könnte es verwirklicht werden.

Gibt’s ein „Ja“ auf die Frage „Sind sie dafür (…), dass in kommunaler Sonderbaulast gebaut wird?“, dann wären die Grundstücksverhandlungen zügig anzugehen, wäre mit einem Zeithorizont einer Fertigstellung von fünf bis zehn Jahren zu rechnen, sagte Strehl. Im Falle eines mehrheitlichen Neins wäre laut Strehl der Vertrag über die kommunale Sonderbaulast auszusetzen, bestünde die Möglichkeit, dass der Freistaat irgendwann selbst baut, müssten alternative Verkehrskonzepte für die arg geplagte Ortsdurchfahrt erstellt werden. Dann wären laut Strehl die von der Gemeinde Kümmersbruck bereits aufgewendeten Planungsmittel, die Rede war von einer sechsstelligen Höhe, wohl mehr oder weniger umsonst gewesen (zum Beispiel bauvorbereitende Erkundungen des Baugrundes für Brückenbauwerke, Entwürfe).

Freya Zobel und Josef Roggenhofer vertraten die „IG Ortsdurchfahrt entlasten“.

„Entlastung der Ortsdurchfahrt Ja“, aber die Westumfahrung ist der falsche Weg, ist die Meinung der Interessengemeinschaft vertreten durch Freya Zobel und Josef Roggenhofer. Insgesamt stünde, so das Credo, der Aufwand, die Zerstörung von Landschaft, nicht im Verhältnis zum Erfolg. Im übrigen bezweifelten sie die vorliegenden Zahlen der Gutachter über die Belastung der Straße.

Veränderungen für die Anlieger auch finanzieller Art seien zu erwarten, wenn die Vilstalstraße 2165 beim Bau der Westumgehung zur „Ortsverbindungsstrafe“ herabgestuft sei, es gäbe nur mehr zwei Übergänge ins Naherholungsgebiet Hirschwald. Im Kern ziele die die Westumfahrung am Bedarf der Bürger vorbei, sie brächte zu wenig Entlastung, sie zerstöre unwiederbringlich wertvolle Kultur und Natur. Als Lösungsansätze wurde eine Verflüssigung des Verkehrs durch eine bessere Steuerung der Ampelanlagen genannt, eine Bezuschussung von Schallschutzfenster für die Anlieger, eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, einen Radweg links der Vils, der Bau von Kreisverkehren in Ortsmitte, Aus- und Weiterbau von Gemeinde und Kreisstraßen nach Nordosten.

Kollaps verhindern

Für die Befürworter der Westumgehung ist jedoch klar: Der Kollaps in der hochgradig frequentierten Ortsdurchfahrt Lengenfeld/Haselmühl/Kümmersbruck muss verhindert werden, die leidgeprüften Anwohner haben auch ein Recht auf einigermaßen Ruhe und etwas saubere Luft. Heinrich Schäfer, selbst Anlieger und Siedlervorstand, hat das in seinem Resümee so ausgedrückt: „Die Westumgehung ist sicher nicht das Allheilmittel für die schlimme Verkehrssituation in Kümmersbruck, aber sie ist ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände der betroffenen Anwohner, nicht nur allein an der Staatsstraße (…).“

Heinrich Schäfer ist ein Befürworter der Umgehung.

Schäfer stellte die Frage in den Raum: „Was geschieht, wenn das Votum gegen einen Bau spricht? „Die Straße wird kommen, aber um Jahre später. Und sie wird teurer. Diesen Bauverzug bezahlen weiter die Anlieger und die auf die Nutzung dieses Verkehrswegs angewiesenen Berufspendler, insbesondere die des unteren Vilstals (…) mit anhaltender Belästigung mit Lärm, Dreck durch den Verkehr.“ Den Naturschützern hielt Schäfer entgegen: „Wäre anstatt einer Straße ein neues Baugebiet oder ein Gewerbegebiet mit Aussicht auf eine fiktive Zahl neuer Arbeitsplätze dieser Abstimmung, so wären die jetzt von den Naturschützern ins Feld geführten Gründe zweitrangig.“

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