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Region Amberg
Montag, 11. Dezember 2017 5

Kultur

Satire bringt zum Lachen und Nachdenken

Einen genussreichen Abend mit besonderer Literatur und Musik schenkten die „Vier Unverdorbenen“ Zuhörern im Kloster Ensdorf.

Karl Stumpfi zuzuhören und seine Mimik und Gestik zu erleben, ist ein Genuss. Foto: Babl

Ensdorf.In Bestform präsentierte sich die „Haus-Band“ des Kunstvereins Unverdorben aus Neunburg vorm Wald mit Jürgen Zach, Klaus Götze und Franz Schöberl. Und Rezitator Karl Stumpfi beanspruchte wieder sein volles Mimik- und Gestikrepertoire.

Der Abend lieferte alle „Zutaten“ für einen witzig-spritzigen Herbst frei Haus. Bei einem erlesenen Tropfen aus dem Klosterkeller und niveauvoller musikalisch-literarischer Unterhaltung waren ebenso genussreiche wie kurzweilige Stunden vorprogrammiert. Der Kunstverein Unverdorben hat seit mehreren Jahren im Kloster Ensdorf ein treues Stammpublikum.

Das Beste aus mehreren Programmen

Für die jeweils passende Musik zu den besonderen Texten sorgten die drei Musiker (von links) Klaus Götze (Gitarre), Franz Schöberl (Akkordeon) und Jürgen Zach (Gitarre und Gesang). Foto: Babl

Die „4 Unverdorbenen“ boten ein „Best of“ ihrer Programme der Jahre 2013 bis 2016 an. Den musikalischen Part übernahmen in bewährter Weise Jürgen Zach (Gstanzln, Bassgitarre), Klaus Götze (Gitarre) und Franz Schöberl (Akkordeon). Zum Entree sangen und spielten sie das bekannte Hannes-Wader-Chanson „Die kleine Stadt“.

Rezitator Karl Stumpfi ließ mit seiner Einführung in die Abteilung Satire gleich aufhorchen: „Wir fangen ausnahmsweise mit dem Ende an, genauer gesagt, mit der Endzeit.“ Gesanglich mit der Moritat „Mackie Messer“ von Brecht/Weill eingestimmt, trug Stumpfi zwei nachdenklich stimmende Texte aus dem Programm „Denk‘ ich an Deutschland“ vor.

Mit „Drei Paragraphen der Weimarer Republik“ hat Bertolt Brecht einen Abgesang auf den ersten demokratischen Staat auf deutschem Boden, zugleich beklemmende Vision eines menschenverachtenden totalitären Systems, geschrieben. Mit der braunen Machtergreifung wurde sie keine zwei Jahre später Realität.

Von Gernhardt bis Enzensberger

Karl Stumpfi in Aktion Foto: Babl

Auch der Wiener Literat Polgar hat das finale Siechtum eines Staatsgebildes beschrieben. Die Donaumonarchie existierte immerhin über 600 Jahre. 1918, nach vier Weltkriegsjahren, blutete der ganze Vielvölkerstaat aus. Im selben Jahr entstand die Satire „Musterung“, sozusagen die österreichische Lesart eines im wahrsten Sinne des Wortes Staats-Begräbnisses, voller morbider Stimmung. Darauf hörten die Gäste folgerichtig den Ambros-Klassiker „Es lebe der Zentralfriedhof“.

Die musikalisch-satirische Zeitreise fand ihre Fortsetzung mit einer Fallstudie inklusive Ursachenforschung: Wie wird ein Biedermann zum Brandstifter? Robert Gernhardt schrieb vor 40 Jahren „Der Fall Binder“. Auch nach dem „Kriminaltango“ bewegte sich die Lesung noch eine Weile auf juristischem Parkett. Aus dem „Denk ich an Deutschland“-Programm stammt der Satiretext „Vorschlag zur Strafrechtsreform“. 1967 nahm Hans Magnus Enzensberger in einer Schachtelsatz-Endlosschleife Beamtendeutsch und Stereotypen der Bürokratie trefflich aufs Korn.

Jürgen Zach steuerte wieder Ensdorfer Gstanzln bei. Foto: Babl

Die exhibitionistischen Anwandlungen eines ehemaligen k.u.k.-Marinedieners mit zwei am Hinterteil eintätowierten Schiffen beschreibt Anton Kuh süffisant in der Episode „Das Marinemuseum“. Als Anspielung auf dessen übermäßigen Alkoholgenuss durfte man das Heurigenlied „Nüchtern bin i allweil schüchtern“ verstehen, eine Reminiszenz an das Blaue-Montag-Programm „Mit freudigem Geifern“ im Kunstherbst 2014.

Bayerisch starteten die Vier Unverdorbenen in den zweiten Teil des Abends – musikalisch und literarisch sogar mit einer richtigen Sauerei! Auf das Volkslied „D’Sau hat an schweinern Kopf“ passte ein Kapitel aus dem „Bayrischen Dekameron“ von Oskar Maria Graf bestens; Karl Stumpfi servierte den Zuhörern das „Sauohr“. Das Intermezzo von Jürgen Zach mit seinen Ensdorfer Gstanzln durfte nicht fehlen.

Aus den Gstanzln von Jürgen Zach

  • Einkaufen

    Wenn’s d’ in Ensdorf wos kaffa möchst, schaust erst a Mal recht dumm. Doch des Gschau wird se bald ändern mit’m neia Einkaufszentrum.

  • Tipi

    Hint’ im Klousterhof ham Indianer a Tippi aafg’stellt, eitz main ma bloß Obacht gebn, dass vo de Salesianer koana von Glauben abfällt.

  • Feuerwehr

    D’Ensdorfer Feierwehr hot a Problem, eitz graings a neis Auto, aber d’Leit wern er zweng.

  • Bauen

    Da hams ummandand baggert für a Freibad mit Strand, hamma gmoant. Daweil is des a Auffangbecken für’n Friedhof, wenn ebba a mal s Gießwasser niad glangt.

  • Pfarrer

    Nach da Renovierung vo da Kircha, des Ende ist ja bekannt, wird sicher dann da Pfarrer zum Monsignore ernannt.

  • Kreisverkehr

    Jed’s Kaff hot an Kreisverkehr, bloß Ensdorf ham’s prellt. Damit dou aa amal wos rund geiht, wart’n mir, dass’ts a Windradl aafstellts. (abl)

Die Frau, unerschöpfliches Thema

Karl Stumpfi blendete danach nochmals auf das Programm „Mit freudigem Geifern“ zurück. Er las daraus zwei Texte deutscher Satiriker der 1960er und 1970er Jahre. Zunächst persiflierte Autor Markus Werner die von Sexual-Volksaufklärern wie Oswalt Kolle forcierte Entdeckung des neuen Körperkults in seiner „Liebes-Organologie“. Darauf folgte eine tiefenpsychologische Analyse zum unerschöpflichen Thema „Was will die Frau“ von Bernhard Lassahn. Viel Gelächter auf offener Szene gab es dann auch bei einer Wiener Ballade des österreichischen Kabarettisten Fritz Grünbaum, der dem „Hausfreund“ eine ellenlange Lobeshymne widmete.

Eine Kostprobe aus dem Programm 2015 „Von komischen Käuzen“ gab es zum Andenken an Friedrich Torberg, den Chronisten der Kaffeehausliteratur. Aus dessen Anekdotensammlung „Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes“ las Stumpfi ein Kapitel über den mürrischen Restaurantbesitzer Neugröschl. Der befördert einen widerspenstigen Gast nach kurzem Disput an die frische Luft – und unversehens ereilte den Neugröschl imitierenden Rezitator dasselbe Schicksal.

Auf den langen, kräftigen Applaus anspielend, meinte Karl Stumpfi lapidar: „So sind wir eben, die Vier Unverdorbenen. Zugaben liefern wir auch unaufgefordert ab.“ Gesagt, getan: Nach Tevjes Lied „Wenn ich einmal reich wär“ aus dem Musical „Anatevka“ folgten noch drei „Nachbrenner“ aus dem Programm „Himmlisches und Höllisches“, darunter der „Sperrstunden-Blues“. Kurz vor 22 Uhr fiel der Schlussvorhang über einen traumhaft gelungenen „Blauen Montag“ im Speisesaal des Ensdorfer Klosters. (abl)

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