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Region Amberg
Dienstag, 20. Februar 2018 4

Initiative

Statt Pillen die Potenziale wecken

Neue Wege sind nötig beim Umgang mit ADHS. Das zeigte auch ein Abend im Ring-Theater Amberg, der viele Impulse geboten hat.
Von Karin Hegen

Die Besenboys Andi und Julien (rechts) versetzen in ihrem Studienprojekt „Fliegender Besen“ Menschen in eine virtuelle Realität. Foto: Hegen

Amberg.Ist ADHS eine Krankheit oder ein Phänomen? Darüber waren sich die Referenten Andreas Arnold und Dr. Phillipp Heiler am Samstagabend im Ring-Theater nicht ganz schlüssig, denn beide arbeiten mit betroffenen Menschen, doch auf ganz unterschiedliche Weise. Aber beide waren sich vollkommen einig, dass es neue Methoden gibt und braucht.

„Ich fand es lustig, auf die Bühne zu rollen“, begrüßte aufgekratzt der Initiator, Christian Michael Gnerlich, das Publikum im Raum und an den Bildschirmen zu „Out of the Box Speech“, bevor er das Mikro an den Moderator Pascal Simon übergab. Ein langer, intensiver Abend lag vor allen Beteiligten und überzeugte vor allem durch den Enthusiasmus der Ehrenamtlichen. Ziel aller ist es, neue Konzepte zu entwickeln, um Schulen und vor allem Eltern zu ermutigen, die Verantwortung nicht mehr an Pillen zu übertragen: „Du bist ein bisschen anders, also müssen wir anders mit dir umgehen und du selbst auch.“

Haushalten mit der Energie

Dr. Phillipp Heiler ließ Menschen selbst ausprobieren, wie das Gehirn „lernen“ kann. Foto: Hegen

Am Beispiel des ADHS Camps – das erste Mal stattgefunden in Berlin 2006 – erklärte der Therapeut und Heilpraktiker Andreas Arnold eindrucksvoll seine Behandlungsweise. „Die ersten Tage kam es bei den Kindern zu Entzugserscheinungen mit Wut und Tränen.“ Ohne Medikamente, mit ausgiebigem Sport, gesunder, zuckerarmer Ernährung, Entspannungs- und Konzentrationsübungen sollten die Kids lernen, eigenverantwortlich mit ihrer immensen Energie zu haushalten. Denn darum geht es in der Hauptsache: Das Potenzial, das in den Heranwachsenden schlummert, muss in die richtigen Kanäle geleitet werden.

Dr. Phillipp Heiler und sein Bruder Tobi (Brain Boost) haben sich auf Neuro-Feedback spezialisiert. Diese Methode wurde so erklärt, dass das Gehirn aus zwei Teilen besteht mit den Ur-Instinkten Essen, Schlafen etc. und dem anderen, das die Steuerung im Alltag übernimmt. Mit der Hilfe von EEG lasse sich ermitteln, ob die beiden Hälften richtig zusammenspielen; wenn nicht, könne das trainiert werden. Sie demonstrierten das im Foyer mit ihrer Carrera-Bahn.

Das Denken eines ADHS-lers

Jack Lucas gab mit einem Poetry Slam Einblick in das Denken eines ADHS-lers. Foto: Hegen

Wie weit Kreativität gehen kann, bewies Jack Lucas, der erst zwei Stunden vorher erfahren hatte, dass er für den erkrankten Poetry Slamer einspringen sollte. Er schrieb seinen Text in der kurzen Zeit und schenkte einen Blick in das Denken eines ADHS-lers. Auf den alles einstürzt, der mit den einprasselnden Sinneseindrücken keinen klaren Gedanken fassen kann.

In der anschließenden Podiumsdiskussion beschrieb er seinen Umgang mit dem Phänomen so: „Es ist sich etwas von der Seele schreiben und reden“. Inzwischen ist er in einer Musicalklasse mit Singen und Tanz. „Seitdem ich das mache, fühle ich mich noch besser und hätte nie Medikamente nehmen wollen.“

Bei einem Gespräch in der Pause erzählte eine betroffene Mutter: „Wenn wir in den Urlaub gefahren sind, dann mit Rucksäcken, raus in die ruhige Natur und wandern, wandern, wandern.“ Und noch eine andere Geschichte konnte man hören: „Als wir dem Jungen Ritalin gegeben haben, wollte er sich nach wenigen Tagen aus dem Fenster stürzen. ‚Mama, ich fühle mich wie ein Zombie‘.“

Energien am Mischpult ausleben

DJ und Musikproduzent Fabien Brangeon am Mischpult Foto: Hegen

Auch Fabien Brangeon, DJ, Musikproduzent und Mathematikstudent aus Regensburg, nutzt seine „überschüssigen“ Energien und demonstrierte sie kurz und prägnant am Mischpult. „Das Alter, in dem man das diagnostiziert, habe ich übersprungen“, lachte er.

Hans-Joachim Hepke, der per Videoanruf aus Mexiko zugeschaltet war, erzählte von seinen Bemühungen um ein neues Schulkonzept und wie es in der Türkei 2011 auf Bodrum von Merkel und Erdogan gecancelt wurde. Als ehemaliger Augsburger Rektor „war ich immer bereit jedes Kind zu nehmen“, Er versprach den Organisatoren, stets zur Hilfe zu stehen, denn ihr Ziel ist es, an Bildungsstätten zu gehen und alternative Wege aufzuzeigen.

Sie waren mit dabei

  • Live-Stream

    Christian Michael Gnerlich war der Initiator der Veranstaltung „Out of the Box Speech“. Der Abend wurde auch via Live-Stream übertragen, so dass neben dem Publikum im Ring-Theater auch viele an den Bildschirmen die Beiträge miterleben konnten.

  • Praktisches Erleben

    Dr. Phillipp Heiler ließ Menschen durch Konzentration spielerisch über die „Mütze“ Energie leiten, um ein Auto auf einer Carrera-Bahn fahren zu lassen oder nicht. Dadurch kommt es sofort zu einem positiven Feedback und das Gehirn lernt unmittelbar.

  • Musik

    Auch Fabien Brangeon, DJ, Musikproduzent und Mathematikstudent aus Regensburg, war an diesem besonderen Abend mit dabei. Er könne sich gut vorstellen, dass es Kindern helfen würde, einmal an seiner Anlage „einfach die Sau raus zu lassen.“

  • Kunst

    Seynollah Mohanunabt aus Afghanistan malte im Lauf des Abends ein Porträt von Jakob. Seine Werke werden demnächst in den Räumen der Initiative ausgestellt und sind somit das nächste Event in Sachen „raus aus der Kiste“. (akh)

Ängste und Traumata angehen

Seynollah Mohanunabt zeichnete ein Porträt von Jakob. Foto: Hegen

„Man muss nicht aus allem Geld rausschlagen“, bemerkte Andi von den Besenboys. Mit seinem Kommilitonen Julien stellte er die Studienarbeit, den „Fliegenden Besen“ vor, der in Anlehnung an Harry Potter den Computerspieler in eine virtuelle Realität versetzt – darin fliegen lässt. „Manchen wird es dabei sogar schlecht“, wussten sie, aber sie erklärten, dass in der modernen Psychologie mit der künstlichen Realität Höhenängste oder Kriegstraumata angegangen werden. Ihr Projekt bekam bereits viel Aufmerksamkeit, aber im Vordergrund steht für beide der Spaß daran: „die Welt vergessen“.

Im Lauf des Abends entstand unter dem Pinsel von Seynollah Mohanunabt das Porträt von Jakob. Dieser hatte sich als Modell freiwillig gemeldet und bewies eine fast vierstündige Ausdauer im Stillhalten. Der Maler, gebürtig aus Afghanistan, hatte mit seiner Demonstration, live zu arbeiten, sich selbst einem Druck ausgesetzt, den er so formulierte „Das erste Mal war ich im Stress.“

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