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Region Amberg
Montag, 20. November 2017 10

Kultur

Steingut-Entwürfe auf höchstem Niveau

In Hirschau wurde eine Ausstellung über die Keramikentwürfe der Künstlerinnen Helene Fischer und Maria Pfiffl eröffnet.

  • Das im Frühjahr 1931 von Maria Piffl entworfenen Dekor 903 zählte zu den erfolgreichsten und wurde bis 1934/1935 hergestellt. Foto: asn
  • In feierlichem Rahmen wurde die Ausstellung in der Alten Mälzerei eröffnet. Foto: asn
  • Eine Deckeldose nach einem Entwurf von Helene Fischer Foto: asn
  • Helene Fischers Nichte und Nachlassverwalterin Andrea Troup war aus Steyr angereist. Foto: asn

Hirschau.Nicht nur die Metropolen – auch Kleinstädte in der „Provinz“ bieten interessante Kulturangebote, zum Beispiel eben auch Hirschau. Formuliert hat diesen Satz der Hamburger Kulturhistoriker Volker Zelinsky. Mit der von ihm organisierten Ausstellung „Helene Fischer und Maria Piffl – Keramikentwürfe für Carstens Hirschau“ lieferte er selbst den Beleg für seine These. Unter dem Motto „VasenKunst“ wurde sie am Freitag in der Alten Mälzerei eröffnet.

Zur illustren Gästeschar, die der Hausherr und Festspielvereinsvorsitzende Hans Drexler begrüßte, gehörten neben Sponsoren und Leihgebern anerkannte Keramik-Experten wie Pfarrer Klaus Haußmann und vor allem Michael Popp. Drexler betonte, es Popp gewesen sei, der die Hirschauer 2004 mit seiner Keramikausstellung aus ihrem „Steingut-Dornröschenschlaf“ geweckt und den Anstoß gegeben habe, sich des bedeutenden Kapitels ihrer Wirtschafts- und Kulturgeschichte zu erinnern.

Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor

Dass die Steingutfabriken in ihrer Blütezeit Weltfirmen und mit zeitweise 500 Beschäftigten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Hirschau waren, wurde einer breiten Öffentlichkeit schnell bewusst. Weniger galt dies für die kulturelle Bedeutung. Im vergangenen Jahr hatte Popp mit der „Ausstellung Siegfried Möller“ genau dafür das Bewusstsein geschärft. Volker Zelinsky war einer der Experten, die ihn dabei unterstützt hatten. Er arbeitete an einer Dissertation über „Die Gebrauchskeramik des Carstens-Konzerns“ und war dabei auf die Namen zweier weiterer in Hirschau tätigen Entwerferinnen gestoßen – von Helene Fischer und Maria Piffl.

Drexler bekannte, dass die Doktorarbeit ihn auf die Idee brachte, Volker Zelinsky mit dem Festspielverein das Arrangieren einer Ausstellung mit Objekten aus der Feder der beiden Künstlerinnen zu ermöglichen. Seine Anspielung, die jetzige Hirschauer Ausstellung könne eventuell in Österreich eine Fortsetzung finden, hatte einen guten Grund. Denn unter den Gästen konnte er auch Helene „Mau“ Fischers Nichte und Nachlassverwalterin Andrea Troup aus Steyr willkommen heißen.

Bürgermeister Hermann Falk sah in der Erforschung der Geschichte der Steingutfabriken zugleich eine Vertiefung der Kenntnisse über die Stadtgeschichte. Die Ausstellung mache deutlich, dass in Hirschau nicht nur Massenware, sondern anspruchsvolle Kunstkeramik produziert wurde. Neben Siegfried Möller und Eva Zeisel ließen sich dank der Zelinsky-Recherchen weitere sechs in Hirschau ab 1930 tätige Künstlerinnen und Künstler nachweisen. Helene Fischer und Maria Piffl hätten eine neue künstlerische Periode eröffnet. In der Ausstellung sah das Stadtoberhaupt ein kulturelles Highlight.

Als „mehrstufigen Krimi“ bezeichnete Volker Zelinsky das Recherchieren nach Maria Piffl und Helene „Mau“ Fischer. Im Falle Piffl, deren Name im Carstens-Katalog Georgenthal genannt war, sei er durch Zufall im Internet auf die richtige Familie gestoßen. Das Auffinden des Nachlasses von Helene Fische sei monatelang erfolglos geblieben, bis sich eines Tages Andrea Troup meldete, die nach 40 Jahren in England nach Steyr zurückgekehrt war.

Trendsetter bei der Firma Carstens

Die Firma Carstens sei mit ihren zehn Steingutwerken in Deutschland die klare Nummer zwei gewesen. Der Marktführer Villeroy & Boch habe meist den Erfolg neuer Trends auf dem Markt abgewartet, bis diese in Produktion gingen. Carstens dagegen habe jungen Absolventen von Kunstgewerbeschulen und Kunstakademien sofort nach dem Studium die Übernahme von Entwurfsverantwortung übertragen. Daher seien Formen und Dekore bei Carstens meist moderner zu über 60 Prozent abstrakter gewesen als die der Konkurrenz.

Bezüglich der Abstraktion seien die Entwürfe Fischers und ihrer Nachfolgerin Zeisel auf europäischem Niveau einzustufen. Fischer habe im Stile des modernen Kubismus geradezu „unverfroren“ mit geometrischen Komponenten jongliert – egal, ob es sich um Vasen, Dosen, Aschenbecher, Messerhalter oder Schalen handelte. Fast parallel zum kubistischen Ansatz habe sie einen harmonisch sanften Stil mit Wellenlinien und organischen Elementen entwickelt – die Anfänge des „organic style“, der nach dem Zweiten Weltkrieg berühmt wurde.

Wie in den 20-er Jahren die Asterndekore das Markenzeichen für Hirschauer Steingut waren, wurden dies Piffls Stricheldekore Anfang der 30-er Jahre. Gemeinsam mit Klaus Haußmann habe er bisher 29 verschiedene Stricheldekore identifizieren können. Bei diesen werden in Handmalerei sehr viele Farbstriche nebeneinandergesetzt, so dass sie nur bei extremer Fokussierung als Einzelstrich erkennbar sind. Wie modern sie sind, zeigen Vergleiche mit der „Minimal Art“ eines Sol de Witt und Objekten der konkreten Kunst, wie sie im Museum in Ingolstadt zu besichtigen sind. Zusammengefasst könne man sagen, dass die zwei Freundinnen Fischer und Piffl die Abstraktion in die Oberpfalz gebracht haben. (asn)

Die Steingut-Künstlerinnen

  • „Helene Fischer und Maria Piffl:

    Das Schicksal der beiden Künstlerinnen ist laut Ausstellungsmacher Volker Zelinsky extrem unterschiedlich verlaufen. Während Fischer als überzeugte Künstlerin, die nur Unikate schaffen wollte und auf jegliche Multiplikation verzichtete, bis ins hohe Alter in ihrer Werkstatt in Graz kreativ war, starb Piffl bereits mit 28 Jahren an einer Lungenkrankheit.

  • Eva Schulz-Endert:

    In einer Vitrine sind auch Exponate von Eva Schulz-Endert zu sehen. Ihr Oeuvre soll ebenfalls noch ausführlicher dokumentiert werden. (asn)

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