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Region Amberg
Sonntag, 25. Juni 2017 24° 2

Engagement

Zivilcourage und Wachsamkeit nötig

Die Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair beleuchtete bei ihrem Vortrag in Amberg Neonazismus und Rassismus und zeigte Handlungsstrategien auf.
Von Christina Röttenbacher

Birgit Mair beleuchtete auch mit Beispielen aus der Region Neonazismus und Rassismus. Foto: hcr

Amberg.Sie kommen gesellschaftskonform daher im Nadelstreifenanzug, als erfolgreiche Anwälte, Ingenieure, sogar als Richter, als Busfahrer und freundlicher Nachbar. Die Springerstiefel und Glatzköpfe als Markenzeichen der Neonazis gehören der Vergangenheit an. Um so schwieriger ist es heute für den Bürger, für junge Menschen, die „braune Gesinnung“ zu erkennen, und um so stärker müssen heute gesellschaftliche Wachsamkeit und Zivilcourage eingefordert werden.

Das Evangelische Bildungswerk, die Katholische Erwachsenenbildung und die IG Metall Amberg haben dazu einen Vortrags- und Diskussionsabend mit der Sozialwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Nürnberger Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB), Birgit Mair, im Paulaner-Gemeindehaus initiiert. Kompetent und an Hand konkreter Beispiele und Vorkommnisse beleuchtete sie „Neonazismus und Rassismus in der Oberpfalz“.

Mehr als 50 Zuhörer konnte Reinhard Böttcher, Pfarrer und Theologischer Referent des Evangelischen Bildungswerks begrüßen. Er habe den Eindruck, dass die Neonaziszene in der Region ruhiger geworden sei, führte Böttcher in das Thema ein - und das gelte trotz der vielen Asylbewerber aus den Kriegsgebieten. „Ich kann mir aber vorstellen, wenn es zu Frustrationen kommt, könnte die Situation wieder für rassistische und neonazistische Propaganda benutzt werden“. Das werde die Gesellschaft zu klaren Stellungnahmen zwingen.

„Hakenkreuze sind auch in der Oberpfalz in und um Amberg gang und gäbe. Bis vor zwei Jahren gab es in Amberg und Umgebung ein reges NPD-Leben“, schockierte die Referentin ihre Zuhörer. Neben Programmatik und Strategien altbekannter Parteien wie der NPD ging sie auf neue neonazistische und rassistische Gruppierungen und die Rolle des von der Oberpfalz (Schwandorf) aus betriebenen neonazistischen Versandhandels, die von hier aus organisierten, extrem rechten Konzertveranstaltungen sowie das interaktive Internet-TV ein.

Mit dem Verbot der Darstellung verfassungsfeindlicher Symbole wie dem Hakenkreuz oder dem „Hitlergruß“ habe sich die Szene immer mehr versteckten, nur Insidern bekannten Symbolen zugewendet. „Viele Graffiti in der Oberpfalz zeigen diese Symbole. Es braucht eine wache Zivilgesellschaft, um diese Zeichen wieder zu entfernen“, forderte Mair. Ein Hinweis auf rechtes Gedankengut seien die Farben der Nationalsozialisten schwarz-weiß-rot auf Mützen, an Emblemen oder Aufklebern, die verstärkt am Radweg zwischen Amberg und Kümmersbruck auftauchen.

Die Sozialwissenschaftlerin erinnerte an den jüngsten Vorfall in Amberg, die Hakenkreuzschmierereien am Lokal eines türkisch-stämmigen Deutschen in diesem Jahr. Trotz Videoaufnahmen des Vorfalls und der Täter habe die Polizei die Bilder nie für eine Fahndung öffentlich gemacht, die Täter bis heute nicht gefasst.

Die seit rund 50 Jahren existierende NPD sei im Rückzug begriffen und werde, so Mair, von neuen Splittergruppen wie „Die Rechte“, die gegen Muslime gerichtete „Die Freiheit“ abgelöst. Im Raum Nürnberg und München erstarke die vor einem Jahr gegründete Partei „Der III Weg“, die laut Mair bald ihren Weg auch in die Oberpfalz finden werde – mit Mitgliedern, „die ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden und keinen Mangel an Nachwuchs haben“. Erfreulich dagegen sei, dass seit Bekanntwerden der NSU-Verbrechen der Widerstand in der Bevölkerung wachse und friedliche Gegenproteste organisiert werden.

Wie subtil und für den Bürger unkenntlich die Werbeaktionen der Neonazis verlaufen, machte sie am Beispielen eines Infostandes deutlich. Die Propagandaschriften gaben sich den Anstrich des sozialen Hintergrundes, die Mitglieder traten gut bürgerlich und freundlich auf. Aufklären, sensibilisieren, handeln, Wachsamkeit und Zivilcourage waren die Gegenstrategien, die die Sozialwissenschaftlerin ihren Zuhörern anbieten konnte.

In der Diskussion kamen persönliche Erlebnisse ebenso wie konkrete Handlungsanweisungen zum Schutz Jugendlicher vor der Neonazipropaganda zur Sprache.

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