Die Dokumentationsstätte zeigt die Grundmauern der fünf unterschiedlichen Bauphasen. Foto: Corinna Fried
Von Corinna Fried
Landkreis. Der kleine Ort Ermhof, ganz in der Nähe von Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg, zog am vergangenen Wochenende wahre Besucherscharen an. Denn am Tag des offenen Denkmals wurde in dem Örtchen die Historische Informations- und Dokumentationsstätte St. Martin eröffnet. Dem vorangegangen waren rund zwei Jahre archäologische Grabungen und Geschichtserforschung.
„Vor sechs Jahren wurde die Geschichte von Ermhof neu geschrieben“, deutet der Ortsheimatpfleger Walter Schraml die Bedeutung der Grabungen und der damit verbundenen historischen Untersuchungen des Orts und der Kirche an. Dabei fand man heraus, dass es sich bei der St.-Martins-Kirche in Ermhof um einen der ältesten Kirchenbauten der gesamten Region gehandelt hatte.
Grünung in der Karolingerzeit
Im September 1979 wurde die Kirche abgebrochen, da sie sich in sehr schlechtem baulichem Zustand befand, was durch einige Fotografien dieser Zeit belegt wird. „Dieser Schritt war aus heutiger Sicht wohl ein Fehler“, gibt Winfried Franz, Neukirchens Bürgermeister, zu bedenken.
Die Geschichte der St. Martinskirche in Ermhof reicht rund 1200 Jahre zurück. Der Ort Ermhof ist eine Gründung der Karolingerzeit. Der althochdeutsche Name des Orts lässt sich als „Arbinhofen“ rekonstruieren, was übersetzt so viel heißt wie „zu den Höfen des Arbo“. „Diese Namensform gibt Anhaltspunkte für eine Ortsgründung in der Zeit von 750 bis 900 vor Christus“, erklärt der Archäologe Dr. Mathias Hensch.
Er leitete die zwei Grabungsepisoden in den Sommermonaten 2006 und 2007. Bei den Grabungen wurden nicht nur die Grundmauern der im September 1979 abgebrochenen Kirche, sondern auch verschiedener Vorgängerbauten entdeckt.
Doch die Forscher brachten noch viele andere, bislang unbekannte Details ans Tageslicht. So wurde im Bereich der Grabungsflächen auch ein früher Friedhof nördlich und östlich der Kirche untersucht. „Der Friedhof ist von großer Bedeutung für die chronologische und historische Einordnung der Kirchengeschichte“, erklärt der Experte. Die Gräber geben spannende Einblicke in die Lebensumstände der Bewohner des frühen Ermhofs. Es wurden rund 100 Körper bestattet.
Die neuen Informationstafeln geben Aufschluss über die Bedeutung des Orts, von links Ortsheimatpfleger Walter Schraml, stellvertretender Landrat Franz Birkl, Dr. Ralf Obst vom Landesamt für Denkmalpflege, Bürgermeister Winfried Franz und Archäologe Dr. Mathias Hensch. Foto: Corinna Fried
Einst eine blühende Wallfahrt
Die Bevölkerung war zu der feierlichen Eröffnung zahlreich erschienen und zeigte sich auch sonst höchst interessiert. „Geschichtsquellen sind keine nachwachsende Ressource“, machte Mathias Hensch die Einmaligkeit dieser erforschten Stätte deutlich. Und weiter: „Es ist wichtig, dass man seine Geschichte kennt und erforscht. Die Wurzeln und die Identität unserer Gesellschaft müssen gepflegt werden – denn eine geschichtslose Gesellschaft ist eine gesichtslose Gesellschaft!“
Im November 1306, also 500 Jahre nach der Gründung, wurden Ermhof und seine Martinskirche in einem grundherrlichen Schutzbrief erstmals schriftlich erwähnt. Über 1000 Jahre haben Menschen in der heiligen Stätte gebetet, gefeiert, ihre Kinder getauft und ihre Toten beweint und bestattet. Die Kirche bot den Menschen, die in einer Zeit vieler gesellschaftlicher Missstände lebten, Sicherheit, Schutz und Orientierung.
Durch die Einführung des Wendelinpatroziniums entwickelte sich in Ermhof eine blühende Wallfahrt, die bis ins 18. Jahrhundert reichte. Die Ermhofer Wallfahrt galt trotz der geringen Größe des Ortes als eine der wichtigsten Wallfahrten im Raum zwischen Nürnberg und Regensburg. 1807 wurde die Kirche profaniert und im Jahr 1816 ging die kirchliche Tradition, die rund 1000 Jahre die Menschen dort geprägt hatte, zu Ende.
Im Jahr 2008 wurde das Bodendenkmal in Anerkennung und Würdigung der herausragenden geschichtlichen Bedeutung der archäologischen Grabungen an der St.-Martins-Kirche für die ganze Region mit dem Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz ausgezeichnet.
Die Informations- und Dokumentationsstätte erzählt die lange Geschichte der St. Martinskirche in Ermhof und zeigt auch ihre Siedlungs- und Herrschaftsgeschichtliche Einbettung auf. Zu sehen sind die Grundmauern der fünf unterschiedlichen Bauphasen. Auf einem Steg um den Grundriss sind verschiedene Informationssäulen aufgebaut und auch eine Hörstation wird angeboten. Bei der Eröffnung am Sonntag konnten die Besucher außerdem original Stuckteile sowie zwei Modelle der Kirche, die später im Rathaus stehen werden, bewundern.