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Samstag, 16. Dezember 2017 5

MZ-Serie

Ein Zeugnis des Amberger Aufruhrs

Die Bodenplatte vor dem Rathaus wird oft achtlos übergangen. Dabei erinnert sie an einen traurigen Teil der Stadthistorie.
Von Heike Thissen

Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger kniet neben der Bodenplatte, die an den Amberger Aufruhr erinnert. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie leicht sie übersehen wird. Foto: Heike Thissen

Amberg.Es kann gut passieren, dass man auf dieser Platte steht, ohne zu merken, dass es sich um ein Relikt handelt. Stadtarchivar Dr. Johannes Laschinger kennt das aus eigener Erfahrung: „Als sich die Bodenplatte noch an einem anderen Platz am unteren Ende des Marktplatzes befand, saß ich einmal beim Kaffeetrinken genau auf ihr, ohne etwas davon zu ahnen“, erinnert er sich. Damals hatte ein Café seine Tische und Stühle rund um die Platte – und offensichtlich auch auf der Platte – aufgestellt.

Heute befindet sie sich zwar direkt vor dem Amberger Rathaus. Trotzdem treten sowohl Einheimische als auch Besucher achtlos darauf herum. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. „Die Platte erinnert an den Amberger Aufruhr“, erklärt Johannes Laschinger. Und bei genauerem Hinsehen erkennt man auch drei Kreuze und die Inschrift „Hinrichtung von drei Amberger Bürgern auf Befehl von Kurfürst Friedrich am 5. Februar 1454“.

Eine irritierende Botschaft

So unscheinbar die Platte ist, so irritierend ist auch ihre Botschaft. „Als Kurfürst Ludwig IV. 1449 starb, war sein Sohn Philipp erst 13 Monate alt und war deswegen nicht regierungsfähig“, erklärt Laschinger die Ursprünge des Aufruhrs. Also übernahm der Onkel, Pfalzgraf Friedrich der Siegreiche (1425-1476), dessen Vormundschaft und damit auch die Regierung. „Aus seiner Sicht war das für die Kurpfalz riskant, weil die Nachbarn das Fehlen eines ‚richtigen‘ Landesherren dazu nutzen wollten, sich Ländereien unter den Nagel zu reißen.“

Also sah sich Friedrich gezwungen, selbst die Regierung zu übernehmen und damit für Ruhe zu sorgen. Im September 1451 beschloss der pfälzische Adel in Heidelberg, dass Friedrich seinen Neffen Philipp (1448-1508) adoptieren und somit selbst Kurfürst werden sollte. Hatte Friedrich damit die Macht an sich gerissen? Wohl eher nicht. „Um die Erbfolge seines Neffen nicht zu gefährden, versprach Friedrich, auf eine standesgemäße Ehe und damit auf erbberechtigte Nachfolger zu verzichten“, erklärt Laschinger.

Diese Entscheidung betraf auch die Amberger, die wie die gesamte Obere Pfalz unter der Herrschaft der Pfälzer Kurfürsten standen. Plötzlich befanden sich die Amberger in einer verzwickten Situation: Sie hatten 1450 bereits dem kleinen Philipp als ihrem rechtmäßigen Herrn die Treue geschworen und wollten sich nicht des Meineids beschuldigen lassen, indem sie plötzlich einem anderen –nämlich seinem Onkel Friedrich – huldigten.

Ob das der wirkliche Grund für den Ungehorsam war? Oder ob die Amberger beleidigt waren, weil man sie in der Sache nicht befragt hatte? Oder ob sie gar von Kaiser Friedrich III. (1415-1493) dazu angestachelt wurden, der seinen Namensvetter nicht leiden konnte und ihm die Rechtmäßigkeit absprach?

Die Huldigung verweigert

Die wahren Gründe für die Gegenwehr sind nicht bekannt. Fest steht aber, dass die Amberger ihrem neuen Kurfürsten die Huldigung verweigerten. „Vor allem die Handwerker in der Stadt lehnten Friedrich als ihren Herrn strikt ab“, sagt Laschinger. Also nahm der neue Kurfürst zunächst schriftliche Verhandlungen mit der Stadt auf, um die Sache zu klären. 1453 schickte er zwei seiner Vertrauten an die Vils, die die Bürger zur Vernunft bringen sollten – jedoch ohne Erfolg. Die Amberger drohten ihnen mit Waffen, beschimpften sie wüst und setzten sie einige Tage fest. Unverrichteter Dinge mussten die Gesandten nach Heidelberg zurückkehren.

„Und dann passierte erst einmal monatelang nichts. Die Bürger dachten schon, die Sache wäre im Sande verlaufen und sie hätten nichts mehr zu befürchten“, erzählt der Stadtarchivar weiter. Doch da irrten sie gewaltig. Anfang Februar 1454 stand Friedrich auf einmal höchstpersönlich mit 1100 schwer bewaffneten Reitern und 2000 Mann Fußvolk vor den Toren Ambergs. Damit hatte die Stadt nicht gerechnet. Um ein Blutvergießen zu verhindern und den Kurfürsten so milde wie möglich zu stimmen, verzichtete sie auf bewaffneten Widerstand.

Auch die besonders Widerspenstigen unter den Bürgern hatten wohl begriffen, dass es nun an der Zeit war, sich bedingungslos zu unterwerfen, wollten sie aus der Sache lebend herauskommen. Am 3. Februar huldigten die Bürger also endlich ihrem Herrn und versprachen ihm hohe Steuerzahlungen.

Kurfürst wollte Exempel statuieren

Doch der Kurfürst ließ sich davon nicht beeindrucken. Er wollte an den aufständischen Untertanen ein Exempel statuieren. Also ließ er 60 Männer festnehmen, von denen drei Rädelsführer am Morgen des 5. Februar 1454 auf dem Amberger Marktplatz enthauptet wurden.

„Das war doppelt ungewöhnlich“, erklärt Johannes Laschinger. „Zum einen war Friedrich selbst hoch zu Ross anwesend, als die Männer gerichtet wurden. Und zum anderen fanden Hinrichtungen sonst eigentlich außerhalb der Stadt auf dem Galgenberg statt.“ Daraus lasse sich eindeutig ablesen, dass der Herrscher den Ambergern ein und für allemal zeigen wollte, wer das Sagen hatte.

Friedrich der Siegreiche machte seinem Namen in der Amberger Angelegenheit auf jeden Fall alle Ehre. Er zähmte nicht nur die Widerspenstigen, sondern setzte sich auch gegen seinen Widersacher Kaiser Friedrich III. durch, so dass er im Jahr 1463 als einer der mächtigsten, reichsten und angesehensten Reichsfürsten seiner Zeit galt.

Um die Amberger ständig an den „Aufruhr“ und seine Folgen zu erinnern, wurde die Platte an der Stelle in den Boden eingelassen, wo die Hinrichtung stattgefunden hatte. „Allerdings wissen wir nicht, wo genau das war. Inzwischen handelt es sich weder um die Originalplatte noch um den Originalstandort“, räumt der Amberg-Experte Laschinger ein.

Die erste Platte sei irgendwann verschwunden und dann durch eine Kopie ersetzt worden. Den Standort wechselte die Platte, um vor dem Rathaus mehr Beachtung zu erfahren. Bislang ist das Konzept allerdings nicht so richtig aufgegangen.

Weitere Beiträge aus der Serie „Geheimisse der Oberpfalz“ finden Sie hier!

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