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Samstag, 28. Mai 2016 26° 8

Ausstellung

Kinder brauchen das Gefühl der Freiheit

In einer Wanderausstellung in den Dr.-Johanna-Decker-Schulen Amberg wird an den großen Pädagogen Janusz Korcak erinnert.

Die Ausstellung „Janusz Korczak: Der Blick ins Freie“ ist im Gerhardinger-Saal der Dr.-Johanna-Decker-Schulen zu sehen. Foto: Ringeisen

Amberg. Erziehung als weites Feld und als Herausforderung für Erzieher und Eltern präsentierte Siegfried Steiger, Vorsitzender der Deutschen Korczak-Gesellschaft, in einem informativen und kurzweiligen Vortrag in den Dr.-Johanna-Decker-Schulen. Damit wurde ein vielseitiger und spannungsreicher Abend eingeleitet. Anlass war die Eröffnung der Wanderausstellung „Janusz Korczak: Der Blick ins Freie“. Gestützt durch viele Karikaturen, Umfrageergebnisse und Fotografien schloss Steigers Blick dabei provokante Thesen zur aktuellen Bildungs- und Schulpolitik mit ein, zum Beispiel zum Wechsel von der Wissens- zur Kompetenzorientierung, überbehütende „Helikoptereltern“ oder den ausufernden Gebrauch von Handy oder Internet durch Kinder und Jugendliche.

Ratgeber helfen nur wenig

Verschiedenste Ratgeber versuchen zwar, Eltern und Erziehern bei Fragen der Entwicklung des Kindes Hilfestellung zu geben, doch dies alles helfe jungen Menschen nur wenig dabei, analytisches und kritisches Denken und Fähigkeiten zu Kommunikation und Kreativität zu entwickeln, machte Steiger deutlich.

Den vielen modernen und kurzlebigen Bildungs- und Erziehungsansätzen stellte Steiger in beeindruckender Weise die herausragende Rolle von Janusz Korczak gegenüber. Bereits vor mehr als 100 Jahren habe der polnische Pädagoge, Arzt und Schriftsteller in Theorie und Praxis in der Nachfolge der Reformpädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi eine Pädagogik entwickelt, die dem Kind gerecht werden wolle. und die ein auf weltlich-humanistischen und demokratischen Prinzipien beruhendes Erziehungs- und Schulprinzip einschließe.

Zudem forderte er 1919 die „Magna Charta Libertatis“ als ein „Grundgesetz für das Kind“, das heißt die Einbeziehung und Aufnahme universeller Kinderrechte in nationales und übernationales Recht – eine Forderung, die erst in der UN-Kinderrechtskonvention im Jahr 1989 ihre Entsprechung findet, wie Steiger erläuterte.

Grundrechte für Kinder

Korczaks Grundrechtekatalog klinge einsichtig: beim Recht des Kindes „auf den heutigen Tag“ oder Recht auf Identität und Entfaltung seiner Persönlichkeit, sein erstes Grundrecht. „Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod“ bedürfe aber der Erläuterung. Korczaks Schrift „Wie man ein Kind lieben soll“ verdeutliche, dass Eltern und Erzieher sich oft scheuen würden, das Kind ein Risiko eingehen zu lassen. Kinder könnten dann jedoch keine eigenen Erfahrungen machen und folglich nichts daraus lernen. Erziehung dürfe also nicht allen Wagnissen vorbeugen, meinte Steiger.

Siegfried Steiger, Vorsitzender der Deutschen Korczak-Gesellschaft, erläuterte die Erziehungsprinzipien von Janusz Korczak. Foto: Ringeisen

Korczak habe betont, aus Furcht um das Kind angesichts der Risiken und Gefahren „entziehen wir es dem Leben, lassen wir es nicht richtig leben“. Selbstbestimmung und Selbstständigkeit brauche aber Möglichkeiten zur Selbstentdeckung, Willensausübung und -ausbildung sowie die Freiheit zum Sammeln von Erfahrungen.

Im Blick auf sein von ihm konzipiertes und ab 1912 geleitetes Waisenhaus „Dom Sierot“ in Warschau habe der Pädagoge die Aussage formuliert, die auch der Ausstellung im Gerhardinger-Saal der Decker-Schulen den Titel gibt: „Das Kind braucht Bewegung, Luft, Licht – einverstanden, aber auch etwas anderes. Den Blick ins Freie, das Gefühl der Freiheit – ein offenes Fenster.“ Diese Sehnsucht des Kindes nach den ihm zustehenden „Frei-Räumen“ und „Frei-Zeiten“ gelte es zu bewahren und in der Wertschätzung der Kinder erfüllbar zu machen.

Inspiration für Künstler

  • Itzchak Belfer

    Ein weiterer Aspekt war die Zusammenschau der kreativen Auseinandersetzung zweier Künstler mit Janusz Korczak. Der 92-jährige israelische Maler und Bildhauer Itzchak Belfer, bis 1939 Waisenhausbewohner und letzter noch lebender Zögling Korczaks, macht seine Zeitzeugenschaft in den zahlreichen Bildern und Skulpturen zu seinem Lebensthema.

  • Jacob Steiger

    Der 1989 geborene Jacob Steiger, Student der Bildenden Künste, erläuterte im Anschluss seinen durch Belfers Erzählungen gewonnenen indirekten Zugang zur Person Korczaks, der ihn seinerseits zu zahlreichen Zeichnungen, Malereien und Collagen führte.

Auch die Welt reformieren

Korczak resümiere, dass nur durch die Reform der Erziehung auch die Welt reformiert werden könne. 1934 habe er in seiner Schrift „Wer kann Erzieher werden?“ grundlegende Anforderungen an die Erzieherpersönlichkeit niedergelegt: „Wer Kinder nicht liebt, kann sie nicht erziehen. Wer sich mit sich selbst beschäftigt, für den interessieren sich Kinder nicht. Und der, für den sich Kinder nicht interessieren, ist nicht geeignet, sie zu erziehen.“ Korczaks Liebe zu den ihm anvertrauten 200 Kindern habe ihn 1942 mit in die Gaskammer von Treblinka geführt, als er seine Schützlinge nicht im Stich lassen wollte.

Einfühlsame Poesie von Korczak und Steiger, eindrucksvoll dargeboten von Alexa Eberle, und die musikalische Umrahmung durch die Gitarristen Christoph Becker und Christian Möller sprachen Geist und Herz an. Zahlreiche Schulklassen werden sich in den kommenden Wochen noch durch die Ausstellung über den Pädagogen Janusz Korczak informieren.

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